Winterthur

Zirkusfieber

Vier Stunden lang bekochen und bespassen die Artisten ihre Gäste bei «Clowns und Kalorien». Wie halten sie das durch? Ein Abend hinter den Kulissen.

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Ihre Sätze sind kurz, kürzer als ihr Rock. Denn Marion Gasser, der Kopf vor und hinter den Kulissen des Dinnertheaters «Clowns und Kalorien», hat zu tun. Es ist Montagabend, kurz vor sieben. Gasser steht an der Theke und mixt einen Drink, aufgemotzt mit Blumen, Glitzer und Trockeneis. Sie ist vor einigen Minuten aus ihren schwarzen Sneakers in glitzernde High Heels geschlüpft und hat sich den Sender des Mikros unters Kostüm genestelt, die Brille abgezogen.

Sind Sie nervös, Frau Gasser? «Nein», sagt die 53-Jährige. «Am Morgen ja, aber ab dem Mittag kann ich sowieso nichts mehr ändern.» Wenn man das seit 20 Jahren macht wie sie, ist man Profi, auch in der Küche. «Bei den Proben merke ich schnell, wenn eine Nummer nicht passt.»

40 Leute sind heute gekommen, Platz hätte es für 136. «Früher waren Montage besser als Dienstage.» Trotzdem läuft das Geschäft, die Auslastung liegt dieses Jahr bei 90 Prozent. 34 Leute arbeiten für Gasser, die Artisten kommen aus Argentinien, Australien, Italien oder der Slowakei. Ihre Aufgabe: in vier Stunden vier Gänge kochen sowie servieren und dazwischen die Gäste als Zauberer und Taschendiebe unterhalten.

Zu «Last Christmas» in den Saal mit Glitzer und Samt

In Grüppchen tröpfeln die Gäste durch einen roten Samtvorhang in den Saal, aus den Lautsprechern wummert «Last Christmas». Das Publikum: vorwiegend Familien mit jugendlichen Söhnen und Töchtern. Auch Ex-Profiboxer Stefan Angehrn ist gekommen. Gasser hat sich vor den Eingang gestellt und die Gäste singend begrüsst.

Begleitet von zwei Violinisten und einem, der in etwas bläst, was man wohl am besten mit Fingerpfeifen beschreibt: «S Bschteck isch scho poliert, d Cherze bränned scho, lupfed als eue Po. Chömed, chömed, chömed.»

«Es ist wie im Klassenlager.»

Merlin Gasser, Artist

Im Vorzelt wie im Saal dominieren Samt, Glitzer, Protz. Zuerst wird die Suppe serviert, die Teller stehen im Vorzelt auf Metalltischen bereit. Die Stimmung unter den Artisten ist aufgedreht, es wird geschäkert und gegrölt, irgendjemand summt immer irgendeine Weihnachtsmelodie. «O. K., ready? Slowly, hä», weist Domino, der älteste Sohn der Gassers, die Artisten ein. «Wes erve with one leg today, everybody!»

Der Vorhang zum Hauptsaal geht auf, die Witze der Artisten enden abrupt. Einer nach dem anderen tänzelt mit der von einem blinkenden Christbaumkranz umgebenen Suppe zu Tom-Jerry-Musik in den Saal, vorbei an Marion Gasser, die sie einweist. Domino klatscht den Kellnern im Takt der Musik nach.

Mit jeder Tranche gehen die Kellner schneller, zwei-, drei-, viermal kommen sie. «Juhuuu», trällert einer und nimmt sich gleich zwei Teller. Für die letzten Suppen müssen sie rennen. Man möchte nicht wissen, wie das bei einer ausgebuchten Vorstellung aussieht. Während die Gäste beschäftigt sind, wechselt Marion Gasser wieder in Sneakers, zieht eine Daunenjacke über. Sie wird in der Küche gebraucht.

Mit dem Sitzplan in der Hand dirigiert sie, wer was wann erledigen muss. «This one», sagt sie zu einer jungen Artistin und zeigt auf ihren Plan. «Normal. Just one plate, hä.» Die Artistin dankt ihr und macht sich an die Arbeit.

Die Brille ist wieder auf. Warum dieser ständige Wechsel? «Ganz einfach. Auf der Bühne trägt man keine Brille.» Mit ihrer Dioptrie, –3.75 auf beiden Augen, sehe sie dann halt einfach nichts beim Auftritt.

Im Teuchelweiher fror noch das Wasser ein

Die Küche ist in einer hellen, kühlen Halle des Zeughauses untergebracht, darin stehen zwei Trucks, in denen gekocht wird. Kein Wort wird gesprochen, jeder arbeitet für sich und nach Plan. Auf den Metalltischen steht schon die Deko für den Hauptgang bereit. Die Küche im Zeughaus sei Luxus im Vergleich zu früher, sagt Gasser. «Als wir noch im Teuchelweiher gastierten, mussten wir das Wasser ständig laufen lassen, damit es nicht einfror.»

Gasser schneidet Erdbeeren und Trauben für eine Käseplatte, über einen Schwarzweissbildschirm kann sie den Gästen zuschauen. Ohne hinzuschauen, nimmt sie ein Käsemesser vom Messerblock. Organisation sei alles, sagt sie. Die Vorbereitungen beginnen um neun Uhr morgens, dann wird Salat gewaschen, geputzt, der Apéro hergerichtet. Am Nachmittag werden Tücher gerollt, Kerzen ersetzt und Drinks vorbereitet.

Wie viele Kalorien isst man hier eigentlich, Frau Gasser? «Habe ich nie gezählt, aber es sind viele», sagt sie und lacht. Sie würden auch diabetisch, gluten- und laktosefrei kochen, aber ja, es sei Hausmannskost. «Das mag ich einfach lieber.» Extravaganz auf der Bühne, Gewöhnlichkeit beim Essen.

Gasser stammt ursprünglich nicht aus einer Zirkusfamilie, sie wuchs «gutbürgerlich» auf. Mit 19 verliebte sie sich in den Zirkusmann Frithjof Gasser, seither liebt sie das Leben auf Tour.

Man möchte nicht wissen, wie das bei einer ausgebuchten Vorstellung aussieht.

In einer Ecke der Küche sitzen die Artisten unter einem Pavillon, machen Pause, rauchen, zeigen sich gegenseitig ihre Instagram-Bilder. Das jüngste Kind der Gassers, Ginger mit den roten Haaren, 19, ist auch hier. Die Haare hat sie nach ihrem Namen gefärbt. «Unsere Eltern haben extra Künstlernamen gegeben, damit wir uns später nicht welche ausdenken müssen.» Die Brüder heissen Domino und Merlin.

Mittlerweile hat Gasser ihre Daunenjacke gegen einen pink Bademantel getauscht, die Show beginnt gleich, es muss jetzt schnell gehen: Abräumen, Umziehen, Auftreten. Eine Kellnerin hat einen leeren Teller fallen lassen, vorher noch mit einem breiten Lachen, rennt sie nun schreiend in die Küche.

Bei jedem neuen Flecken muss Gasser den roten Teppich im Vorzelt mit einem passenden Perserteppich überdecken. Das passierte so oft, dass die Gäste anfingen, ihre alten Teppiche zu bringen. 29 sind es mittlerweile. «Und ich weiss genau, welcher Teppich von welchem Gast ist.»

Glänzende Rücken und Blasenpflaster in Garderobe

Vor dem Eingang des Garderobenwagens dient eine Tomatendose als Aschenbecher, sie ist bis an den Rand voll. Drinnen ziehen sich auf 16 Quadratmetern zwölf Leute um, wechseln von Kellner-Outfits in weisse Seemannskleider, das Motto ist Schiffsreise. Es riecht nach Schweiss, Axe-Deo und ein bisschen verbrannt, in der Ecke heizt ein Strahler.

Jeder hat seine 20 Zentimeter auf dem Kleiderständer mit Filzstift beschriftet. Die Artisten vermeiden Augenkontakt, zu nah stehen sie sich in Unterwäsche gegenüber. Aufgeräumt ist es erst auf der Bühne: Auf den Tischen liegen Zigaretten, Mundspülung, eine Packung Migros-Zimtsterne. Blasenpflaster und Jasskarten sind über dem Boden verstreut. Kurz vor Showbeginn ist die Stimmung fiebrig, die Seeleute schwingen mit den Armen,atmen tief durch, bevor sie mit breitem Lachen auf die Bühne rennen.

Die Show beginnt. Während die einen auf der Bühne steppen, lachen und schwatzen andere dahinter, geben sich Küsschen hier, Küsschen da. Die Welt des Variétés, sie ist aufgedreht, kurzlebig.

Die Ersten ziehen sich schon für die nächste Nummer um, es ist heiss, Schweiss glänzt auf den nackten, tätowierten Rücken. «The show must go on!», ruft jemand aus der Garderobe. Merlin Gasser wischt sich mit dem T-Shirt den Schweiss vom Gesicht. «Es ist wie im Klassenlager», sagt der 23-Jährige und grinst. Nach der Show gehe man immer zusammen feiern, es wird gewichtelt und es gibt einen Adventskalender im Garderobenwagen, gefüllt mit Süssigkeiten.

Mit zwei Jahren stand er das erste Mal in der Manege, in einem Clownstück mit seinem Vater, seit er 13 ist, spielt er bei «Clowns und Kalorien» mit. Acht Monate im Jahr ist er mit seiner Familie auf Tour, lebt das ganze Jahr über im Wohnwagen. Der Dezember sei am stressigsten, sieben Tage pro Woche, einen Monat lang. «Da merkt man schon, dass man müde wird», sagt er.

Der erste Showblock ist vorbei, um halb zehn wird den Gästen der Hauptgang serviert. Aber für die Artisten ist erst Halbzeit, nach der Show folgt ein zweites Set, ein Dessert, dann werden die Geburtstage der Gäste gefeiert, am Schluss kann man noch einen letzten Kaffee oder Schnaps bestellen, bevor Marion Gasser einkassiert.

Es ist ein langer Abend und der Geruch von «Clowns und Kalorien» bleibt haften: Schweiss, Bratfett und Axe-Deospray. Gut, bleibt er hinter dem Samtvorhang von Bühnenlicht und Besuchern getrennt.

Erstellt: 19.12.2018, 13:47 Uhr

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