Zürich

Zürich betritt Neuland in Nahost

Die Projektpartnerschaft zwischen Zürich und der libanesischen Stadt Tyros wird intensiviert. Es geht um Hilfe von Stadt zu Stadt bei der Bewältigung der Flüchtlingssituation.

Schüler in der Schule in Homin el Fawkaa, deren Renovation die Stadt Zürich unterstützte.

Schüler in der Schule in Homin el Fawkaa, deren Renovation die Stadt Zürich unterstützte. Bild: zvg

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Rund 260 000 Menschen leben im Grossraum der libanesischen Hafenstadt Tyros. Etwa 120 000 davon sind palästinensische und syrische Flüchtlinge. Um zu helfen, ist die Stadt Zürich mit Tyros eine Projektpartnerschaft eingegangen. Die Idee dazu entstand 2015, als die Flüchtlingskrise hierzulande die Schlagzeilen beherrschte.

Jetzt wird die Partnerschaft intensiviert: Kürzlich unterzeichneten Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) und Hassan Dbouk, Bürgermeister von Tyros, sowie Tarek Osseiran, Direktor des UN-Habitats Libanon, eine Absichtserklärung. Sie besagt, dass die Stadt Zürich für die kommenden zwei Jahre 350 000 Franken zur Verfügung stellt. Damit sollen Expertenstellen geschaffen, kommunale Angestellte weitergebildet und konkrete Massnahmen umgesetzt werden, wie Mauchs Präsidialdepartement mitteilte.

Die drängendsten Probleme

«Wir betreten damit Neuland», sagt Christina Wandeler, Projektleiterin im Präsidialdepartement. Konkrete Vorbilder für eine solche Art von Partnerschaft in der Flüchtlingspolitik gebe es noch nicht. Die Idee dahinter: «Wir wollen in Bereichen, wo wir als Stadt besondere Kompetenzen haben, etwas weitergeben», sagt Wandeler. Das Spektrum möglicher Hilfeleistung von Stadt zu Stadt umreisst sie so: «Trinkwasserversorgung und Abfallentsorgung sind wohl die zwei drängendsten Probleme. Wir würden aber auch ein Engagement im sozialen Bereich sehr begrüssen, etwa in der Integrationspolitik.»

«Wir wollen in Bereichen, wo wir als Stadt besondere Kompetenzen haben, etwas weitergeben.»Christina Wandeler, Projektleiterin im Präsidialdepartement

Was es konkret sein wird, soll Anfang des kommenden Jahres im Libanon geklärt werden. Eine wichtige Rolle übernimmt dabei das UN-Habitat, das Wohn- und Siedlungsprogramm der Uno, das für die Umsetzung der Zusammenarbeit vor Ort zuständig ist. Zudem sollen auch nichtstaatliche Hilfsorganisationen bei der Entscheidungsfindung einbezogen werden. Denn es sei nicht die Absicht, dass die Stadt Zürich Hilfe unterstützt, wie sie ohnehin schon geleistet wird. Vielmehr gehe es darum, Lücken im bestehenden Angebot mit stadtspezifischem Know-how zu füllen. «Es soll auch einen fachlichen Austausch zwischen den zwei Städten geben», sagt Wandeler.

Mit einer dreiköpfigen Zürcher Delegation war sie fünf Tage lang im Libanon unterwegs, um die Projektpartnerschaft vorzubereiten. Was sie dabei sah, öffnete ihr die Augen: «Dass die Städte im Libanon so schlecht mit Fachleuten ausgestattet sind, war mir nicht in diesem Ausmass bewusst.» Der Bürgermeister habe in der rund 170 Mitarbeitende zählenden Stadtverwaltung nicht mehr als eine Handvoll Leute mit Hochschulabschluss zur Verfügung. Der Grossteil der städtischen Angestellten seien Polizisten oder Mitarbeitende der Abfallentsorgung. «Die Handlungsfähigkeit der Städte im Libanon ist sehr begrenzt», so das Fazit von Wandeler.

«Dass die Städte im Libanon so schlecht mit Fachleuten ausgestattet sind, war mir nicht in diesem Ausmass bewusst.»Christina Wandeler

Anders als die palästinensischen Flüchtlinge seien jene aus Syrien im Libanon nicht in Flüchtlingslagern untergebracht. «Sie leben teilweise in den Städten, haben Land gemietet und Zelte oder behelfsmässige Häuser darauf aufgestellt», sagt Wandeler. Doch allein schon ihre grosse Zahl stelle die Städte vor enorme Herausforderungen.

Erste Projekte sind umgesetzt

Drei Projekte hat die Stadt Zürich im Libanon 2016 und 2017 zusammen mit dem Hilfswerk Solidar Suisse bereits umgesetzt: So wurde in Homin el Fawkaa eine Schule renoviert, in Kaakyet El Jeser ein Gesundheitszentrum instand gesetzt und in Qsaibet ein neuer Brunnen gebohrt. «Das sind nicht reine Flüchtlingsprojekte, sondern sie sollen gleichermassen den Einheimischen nützen», sagt Wandeler.

So sei es bei der Schul-Renovation darum gegangen, dass überhaupt für alle Kinder – einheimische wie Flüchtlingskinder – die nötigen Schulbänke und sanitären Anlagen vorhanden sein würden. Ähnlich stellte sich die Problemlage beim Gesundheitszentrum und beim Brunnen: Es sollte für alle reichen.

«Das sind nicht reine Flüchtlingsprojekte, sondern sie sollen gleichermassen den Einheimischen nützen.»Christina Wandeler

Die Stadt Zürich gab je 30 000 Franken für diese Projekte aus der ersten Phase der Zusammenarbeit aus. Auch sie wurden im Austausch mit lokalen Behörden entwickelt. Die Gemeinden gaben im Büro von Solidar Suisse vor Ort Projekte ein. Die Stadt Zürich beteiligte sich an der Projektauswahl.

Wie die jetzt mit mehr Geld ausgestattete Projektpartnerschaft mit Tyros sich weiterentwickelt, soll laut Wandeler zu Beginn des neuen Jahres rasch entschieden werden. Das Neuland, das die Stadt Zürich in Nahost betritt, könnte auch zum Vorbild für andere Städte in der Schweiz und in Europa werden, hofft die Projektleiterin.

(Der Landbote)

Erstellt: 17.12.2017, 18:06 Uhr

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