Fête des Vignerons

Zürich lebt Zeitgeist und Tradition vor

Zürich hat sich am Sonntag an seinem Kantonstag am Winzerfest in Vevey von seiner Sonnenseite gezeigt. Das Publikum lernte einen kreativen Kanton kennen.

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Die Scène de l’Aviron ist die intimste Bühne in Vevey. Von einigen Bänken unter Sonnenschirmen blickt man auf eine offene Fläche direkt am See. Schwungvoll in der Bewegung nehmen zwei Männer und eine Frau der Tanzgruppe Cie Zeitsprung Geräusche in der Umgebung auf. In ihren froschgrünen Overalls heben sie sich so vom Blau der Szenerie hinter sich ab. Überall halten sie ihre Mikrofone hin: unter die Räder von Kinderwagen, an die klickende Kamera des Fotografen, sie drehen einen kleinen Jungen auf den Kopf – er lacht laut; sie halten ein Mikrofon an die plätschernde Wasseroberfläche. Ein vierter Mann montiert diese Geräusche zu einer Musik, nach der sich die Froschgrünen nun bewegen – und auch die Passanten, die vorbeikommen und abgehört werden. Die Tanzkunst wird hier am Genfersee avantgardistisch und mit Publikumsbeteiligung interpretiert. Eine Passantin sagt: «In Zürich gibt es unglaubliche Dinge.» Cie Zeitsprung bestreitet einen der Auftritte von «Zürich tanzt» hier auf der kleinen Bühne am Genfersee.

Sonderzug nach Vevey

Zeitsprung zurück. Frühmorgens im Extrazug der Zürcher Delegation zur Fête des Vignerons, zu ihrem Kantonstag. Rolf Schenk, Alt-Präsident der Zürcher Winzer, erklärt die Herkunft des Räuschlings, einer Weissweinsorte, die es nur in der Umgebung von Zürich gibt. Und er schenkt davon aus. Ob es wirklich gelingt, ausgerechnet den Waadtländern diesen Wein schmackhaft zu machen, ist die eine grosse Frage im Zug – und die andere, ob wohl das Publikum beim Umzug der Zünfter applaudieren wird.

Ankunft in Vevey. Ein weisses Bahnhofgebäude, davor zwei Pinien. Als Deutschschweizer wähnt man sich an der Côte d’Azur. Doch nun erklingt der Sechseläutenmarsch. Das Musikkorps der Zürcher Kantonspolizei spielt. Die Zünfter und Zünfterinnen blinzeln noch orientierungslos in die Sonne, ebenso die Politprominenz. Dann formieren sie sich zum Einzug in die grosse Arena am See.

Thema Zürcher Winzer

Derweil auf den improvisierten Holzterrassen über dem See. Hier gibt es Zürcher Wein zu degustieren. «Es ist interessant, etwas Neues zu entdecken», heisst es unisono. Doch dann kommen die Kritiken. «Etwas grob, wenn auch charaktervoll. Ich mag die bitteren Geschmacksnoten.» «Ungewohnt, der Charakter kann stören.» «Streng, zu viel Säure.» In der Diskussion, die entsteht, führt man diese Eindrücke darauf zurück, dass man am Genfersee leicht trinkbare Weine bevorzugt. Eine ältere Dame hat inzwischen den Gewürztraminer vom Schloss Teufen entdeckt. Dieser Wein mundet ihr hervorragend. Einig ist sich die kleine Runde darüber, dass die Deutschschweizer Winzer grosse Fortschritte gemacht haben.

Derweil hält sich die Zürcher Delegation während der grossen und grossartigen Vorführung in der Arena tapfer. Es ist ein Prachttag. Vor allem die Zünfter schwitzen in ihren Kostümen in der Sonne, während auf den Bühnen eben diese Sonne als Freundin des guten Weins gefeiert wird. Der traditionelle Publikumshit an jeder Fête des Vignerons, der Alpaufzug der Freiburger Sennen, will verdient sein. Bei dieser Nummer spielen 32 Alphörner das Hirtenlied «Lyoba».

In der Arena hat auch Peter Zwicky, Alt-Zunftmeister und Organisator des Zunftausflugs nach Vevey, seinen Auftritt. Er ist zweisprachig. Zwicky lobt in einer geradezu poetischen Ansprache auf Französisch die harte Arbeit an den Weinstöcken und den Mauern auf den Terrassen des Lavaux und des Chablais. Die Winzer dieser beiden Anbaugebiete stellen alle 20 bis 25 Jahre die Fête des Vignerons auf die Beine. Zwicky spricht vom Genie der Erde in diesem Weinbaugebiet.

Einladung ans Sechseläuten

Zürich bringt ein anderes Genie an den Genfersee. Neben Tanz natürlich Musik. Die Band Sebass aus Winterthur besteht aus sechs Männern. Sie spielen Gipsy und andere Musikrichtungen aus dem Balkan. Für Monika Schärer vom Schweizer Fernsehen, die den Zürcher Auftritt moderiert, steht die Gruppe für ein «anderes Lebensgefühl». Sie meint ein anderes Lebensgefühl, als man sonst mit Zürich verbindet. Das heisst: temperamentvoll, verspielt, locker. Im Jardin du Rivage halten die Vorbeigehenden an, hören ein paar Takte, setzen sich ins Gras unter eine riesige Ulme, die Schatten spendet. Das ist «schampar joli» und «simplement schön», wie das Motto des Zürcher Auftritts lautet.

«Etwas grob, wenn auch charaktervoll.»Waadtländer Festbesucher nach der Degustation von Zürcher Räuschling.

Der Jardin du Rivage ist auch die Bühne für die offiziellen Ansprachen. Regierungsratspräsidentin Carmen Walker Späh hält die Hauptrede, auf Deutsch und Französisch. Peter Zwicky überreicht der Winzerzunft des Chablais und der Lavaux das wichtigste Zürcher Geschenk: eine Einladung zum Sechseläuten 2020, versinnbildlicht durch einen Bonhomme d’Hiver, sprich einen Böögg im Kleinformat. «Er wird bestimmt nicht explodieren», sagt Zwicky.

Zuschauer machen die Welle

Zeitsprung vorwärts. Minisechseläuten am Genfersee. Die rund 700 Zünfterinnen und Zünfter ziehen den See entlang, zwischen dicht gedrängtem Publikum. Und jetzt der Applaus? Was heisst Applaus? Die kostümierten Damen und Herren begrüssen ihre Zuschauer mit einem lauten «Holla!» und machen die Welle. Das Publikum zieht mit. So hat man die Zünfte am Sechseläuten noch nie erlebt. Die Lebensfreude am Léman steckt an. Vielleicht bleibt sogar etwas davon für das Sechseläuten 2020 übrig. Wenn die Waadt die Zürcher Einladung annimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit dafür.

Erstellt: 04.08.2019, 22:08 Uhr

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