Stadtentwicklung

Zwei neue soziale Brennpunkte unter der Lupe

Die soziale Belastung in der Stadt ist in den letzten Jahren gestiegen. Eine Ghettoisierung sehen die Behörden nicht, in gewissen Quartieren aber durchaus Trends hin zur Entmischung. Zwei «Lupenräume» sind dazugekommen, einer davon in Oberi.

Gilt neu als «Lupenraum»: Das Quartier Guggenbühl in Oberwinterthur.

Gilt neu als «Lupenraum»: Das Quartier Guggenbühl in Oberwinterthur. Bild: Marc Dahinden

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Und auch im Quartier Steig in Töss beobachtet die Stadt die soziale Entwicklung fortan genauer.

Dass die Sozialhilfequote in Winterthur seit Jahren nur einen Trend kennt – nach oben – ist bekannt. Doch auch die Arbeitslosenquote ist in den letzten Jahren gestiegen und das mittlere Einkommen gesunken, von rund 53000 Franken (2012) pro Jahr auf 47300 (2016). Zusammengefasst: Die «soziale Belastung» ist leicht gestiegen. Zu diesem Schluss kommt das Sozialmonitoring, das die Stadt alle vier Jahre durchführt (siehe Erklärung der Grafik).

Was bedeutet das für die einzelnen Quartiere? Die Behörden veröffentlichen keine Zahlen, gaben dem «Landboten» auf Anfrage aber Einblick in die jüngsten Trends. Spürbar verändert hat sich nichts. Soziostrukturell schwach sind weiterhin zwei breitere Streifen: Der eine zieht sich vom Tössemer Eichliacker-Quartier (Karte: 430) an die Aussengrenze Wülflingens (Härti, 670), der andere von Sennhof (390) bis ins Gutschick (720).

Blick an die Stadtränder

Die sogenannten Lupenräume, die sozial prekärsten Quartiere, beobachtet die Stadt genauer. Bisher waren es sechs (Gutschick, Sennhof, Lindenplatz, Oberfeld, Eichliacker und Schlosstal), neu sind es acht: Dazugekommen sind die Steig am äussersten Zipfel von Töss (roter Fleck auf der Karte) und das Quartier Guggenbühl (220) in Oberwinterthur.

Die Probleme der Steig sind seit Jahren bekannt. Wo sie kann, will die Stadt dort die Probleme nun an die Hand nehmen, und spannt dabei auch die Liegenschaftsbesitzerin mit ein.

«Braucht genaue Analyse»

Für das Guggenbühl hingegen gibt es noch keinen Plan: «Hier müssen wir mit einer Extra-Analyse nachfassen», sagt Stadtentwickler Mark Würth. Auch Birgül Gedik, die Präsidentin des Ausländer/-innenrats, muss kurz überlegen, angesprochen auf mögliche Brandherde im Quartier. Sie wohnt in der Nähe der Primarschule Guggenbühl. «Dort, und auch im Schulhaus Wallrüti, lärmen bis spätnachts Jugendliche herum, und am nächsten Morgen liegen zerbrochene Bierflaschen am Boden», sagt sie. Die Siedlung stadtauswärts am Tegerlooweg sei zudem etwas berüchtigt mit ihren baufälligen alten Wohnblöcken. Dort wird ab 2020 neu gebaut. Es entstehen 325 neue Wohnungen. Das Quartier über «Abreissen und Neubauen» zu rasch umzupflügen, fände Gedik aber schade. Sie schätze das Guggenbühl als abwechslungsreiches Quartier, mit einem spannenden Mix aus Einfamilien-, Reihen- und Mehrfamilienhäusern, und sagt bestimmt: «Ich fühle mich sehr wohl hier.»

Als grösserer roter Fleck auf der Karte ins Auge stechen neben der Steig auch die Wülflinger Quartiere Lindenplatz und Härti in Nähe Autobahn. Die bereits sehr hohe soziale Belastung ist dort weiter stark gestiegen. Wie am östlichen Rand des Guggenbühls sind die Wohnungen dort günstig, die Bauten aber alt, baufällig, darunter einige Stefanini-Häuser. «Es wohnen fast nur Ausländer da», sagt Thomas Erhard vom Wülflinger Forum. Der Schleichverkehr durch die Quartiere sei seines Erachtens das grössere und fassbarere Thema als soziale Spannungen: «Wir ersticken geradezu im Verkehr.»

Nicht überall an den Stadträndern ist die Entwicklung negativ. Praktisch im gesamten östlichen Gürtel zwischen Iberg (380) und Hegi (250) hat die soziale Belastung in den letzten Jahren abgenommen, was kaum erstaunt: Der Sonnenberg und Oberseen zählen seit jeher zu den Top-Lagen der Stadt.

Erstellt: 03.02.2019, 23:50 Uhr

In welchen Quartieren ist das Klima rauer geworden?

Die Grafik im Haupttext zeigt, wie sich die «soziale Belastung» in den 37 statistischen Quartieren der Stadt zwischen 2012 und 2016 entwickelt hat. Der sogenannte Belastungsindex wurde aufgrund der drei Indikatoren Sozialhilfequote, Arbeitslosenquote und mittleres Einkommen berechnet. Genaue Werte gibt die Stadt nicht bekannt. Blau eingefärbt sind die Quartiere mit tiefer sozialer Belastung, grau mit mittlerer und gelb/rot mit hoher Belastung.

Ein Lesebeispiel für ein Musterquartier: Am Heiligberg (130) war die soziale Belastung bereits tief und ist zuletzt erneut gesunken. Anders in den Wülflinger Quartieren Lindenplatz/Härti (630/670). Dort war die Belastung bereits hoch und ist in den letzten Jahren erneut gestiegen. Auch das Tössemer Quartier Steig ist daher rot eingefärbt (kleiner roter Fleck im Süden).

Bei sogenannten Lupenräumen akzentuieren sich die sozialen Probleme im täglichen Quartierleben am stärksten. Das geht aus den Gesprächen vor Ort hervor, die später in einer 25-köpfigen Arbeitsgruppe diskutiert werden. Darin vertreten sind unter anderem die Stadtpolizei, der Ausländer(innen)-Beirat, die Jugendarbeit, die Wohnbaugenossenschaften, Pro Senectute und die städtische Quartierentwicklung.(hit)

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