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Zwei Urgesteine verlassen den Zoo

Zoodirektor Alex Rübel und Kurator Robert Zingg treten in den Ruhestand. Sie erinnern sich an traurige Momente und daran, als ein Bär ausbrach.

Alex Rübel (links) schlief auf dem Betonboden, als der erste Elefant zur Welt kam. Robert Zingg plante die neue Anlage massgeblich mit.
Alex Rübel (links) schlief auf dem Betonboden, als der erste Elefant zur Welt kam. Robert Zingg plante die neue Anlage massgeblich mit.
Marc Dahinden

Statt von der Eröffnung der Lewa-Savanne, sind Ihre letzten Arbeitswochen geprägt vom geschlossenen Zoo wegen der Coronakrise. Was löst das bei Ihnen aus?

Robert Zingg: Es ist still im Zoo – die Besucher fehlen. Für sie betreiben wir doch den Zoo. Die Eröffnung der Lewa-Savanne hätte die Krönung am Ende unseres beruflichen Engagements sein können. Jetzt können wir diese Freude vorerst nicht mit den Besuchern teilen. Das schmerzt.

Alex Rübel: Natürlich hätten wir das gerne anders gehabt. Aber die Lewa-Savanne ist ein langfristiges Projekt. Sie wird in Zukunft sicher noch viel Freude bei den Besuchern auslösen.

Dieses Jahr ist viel los im Zoo. Es werden drei Elefantenjunge geboren und die Lewa-Savanne wird mit Verspätung eröffnet. Verspüren Sie Wehmut, dass Sie jetzt gehen?

Zingg: Es ist auch eine Chance, etwas weiter zu geben, das so gut läuft.

Rübel: Es soll weiterhin gut laufen. Wir wollen nicht nur Probleme hinterlassen.

«Die Tiere habenbei uns alle einen Job.»

Robert ZinggChef-Kurator Zoo Zürich

Wie stellen Sie das sicher?

Zingg: Der Zoo hat viele weitere Mitarbeiter, die bleiben. Vielleicht ist ihr Wissen nicht so konzentriert wie bei uns, umso mehr müssen sie das zusammen angehen.

Rübel: Wir versuchen unseren Nachfolgern die Zusammenhänge weiterzugeben. Das ist wichtiger als das Wissen.

Was ist die Philosophie, die Sie weitergeben möchten?

Rübel: Wir haben versucht, den Zoo als Institution für den Naturschutz aufzubauen. Das Tier in den Mittelpunkt zu stellen und als Botschafter zu nutzen für diese bedrohte Tierwelt. Die Voraussetzung dafür ist eine perfekte Tierhaltung.

Zingg: Die Tiere haben bei uns alle einen Job. Sie sind in einem Lebensraum, wo sie ihr Verhaltensrepertoire zeigen können.

Rübel: Tiere müssen ihre eigenes Leben leben können. Für eine gute Tierhaltung ist es wichtig, alle Aspekte des Verhaltens zu beachten. Denn das Leben besteht auch bei den Tieren nicht nur aus Action. Bei den Bären fehlte beispielsweise ein weicher trockener Schlafplatz. Das haben sie uns ‹gezeigt›, das konnten wir korrigieren. Wir müssen das Gleichgewicht finden, damit es für das Tier stimmt. Dazu gehört, dass wir die Tiere artspezifisch in Gruppen, in Harems oder alleine halten – auch wenn man das nicht gerne sieht.

Bei welchem Tier haben Sie den weitesten Weg zurückgelegt?

Rübel: Bei den Elefanten. Die hat man am Anfang wie Haustiere behandelt.

Zingg: Dann haben wir die Haltung Schritt für Schritt weiterentwickelt, bis sich die Mutterfamilien nun selbstständig entwickeln können.

Rübel: Kürzlich stand wieder in der Zeitung: Elefanten könne man nicht im Zoo halten. Aber ich bin überzeugt, unseren Tieren geht es gut.

Dennoch gibt es noch viel zu tun. Ich denke da etwa an die Affen.

Rübel: Das ist das nächste grosse Projekt unserer Nachfolger.

Zingg: Viele schreiben uns, der Zoo sei wunderbar, aber das Menschenaffenhaus deprimierend. Das ist aber eine eigene Befindlichkeit, die nicht mit der Realität der Tiere übereinstimmen muss. Bei den Affen haben wir geschaut, dass sie sozial richtig zusammengesetzt sind, und geben uns Mühe, ihren Tagesablauf zu bereichern. Auch wenn die Anlage nur ein 2-Stern-Hotel ist, hat der Hausservice mindestens 5 Sterne.

Zoobesucher vermenschlichen die Tiere oft. Lässt sich das überhaupt verhindern?

Zingg: Das ist eine Gratwanderung. Süsse Jungtiere sind gute Botschafter für uns. Wir geben uns aber Mühe, auch den Kontext, in dem ein Tier lebt, mitzugeben. Damit es nicht nur den Jö-Aspekt gibt, sondern auch harte Fakten. In der Präsentation bemühen wir uns um eine respektvolle Distanz. Die meisten Tiere könnte man so weit bringen, dass man sie streicheln kann. Aber da ginge der Respekt verloren. Das wollen wir nicht.

«Der Tod der ElefantenkuhKomali war weitaus der schwierigste Moment für mich.»

Alex RübelDirektor Zoo Zürich

Was war Ihr glücklichster Moment im Zoo Zürich?

Rübel: Den Masoala-Regenwald realisieren zu können. Auch hier im Zoo sagten manche, ich spinne. Es war etwas Neues, das grösste Gebäude in Zürich, grösser als das Hallenstadion. Für die Tiere ist der Masoala-Regenwald wie die Wildnis. Der Besucher ist mitten drin. Da wird man demütig.

Zingg: Ich war bei Masoala weniger involviert. Bei der Elefantenanlage hingegen war ich von Anfang an dabei. Beides sind Pionierprojekte.

Rübel: Stolz sind wir auch, dass wir heute fast alle Tiere nachziehen können, die wir haben. Es kommen kaum mehr Tiere aus der Wildnis. Einen Einfluss der Zoos auf die Wildbestände, obwohl der minimal war, gibt es kaum noch.

Was war der traurigste Moment?

Rübel: Der Tod von Komali war weitaus der schwierigste Moment für mich. Weil die junge Elefantenkuh – das erste Junge, das in Zürich geboren war – fast einen Tierpfleger getötet hat, mussten wir sie einschläfern. Da konnte ich nichts richtig machen. Ich musste einfach eine Entscheidung fällen und Verantwortung übernehmen. Weil wir den Elefanten nicht sofort abgeben konnten, fiel die Entscheidung zugunsten des Menschen.

Zingg: Ich weiss noch genau, wann das war: Am 2. April 1995. Ich war da gerade mal ein Jahr in Zürich.

Welches Tier wird Sie noch länger begleiten?

Rübel: Sicher das Gelbbrustkapuzineräffchen Julio. Wenn ich an ihm vorbeigehe, ohne ihn zu grüssen, wird er wütend und schreit mir nach. Das Schlitzohr werde ich vermissen. Aber auch die Elefanten. Wie wir auf dem Betonboden geschlafen haben, als der erste Elefant zur Welt kam.

Zingg: Ich erinnere mich noch gut an einen Transport nach Frankreich. Der Chauffeur hat meist telefoniert und oft nur mit den Knien gesteuert – mit zwei Eisbären hinten drin. Gerne erinnere ich mich an die Expedition nach Madagaskar, wo wir einige Tiere holen durften. Oder als eine Bärin aus der Anlage ausbrach und draussen herum lief. Sie hat sich nach baulichen Anpassungen an kleinen Vorsprüngen festgekrallt und ist rausgeklettert. Passiert ist nichts. Der Zoo war zu, und wir konnten sie wieder in die Anlage bringen.

Werden Sie nach der Pensionierung als gewöhnliche Besucher in den Zoo kommen?

Rübel: Wir werden sehen, ob sie uns ein Zoo-Abo auf Lebenszeit geben oder nicht (lacht). Ich werde vielleicht mal mit meinen Enkeln zu Besuch kommen. Aber als Chef ist es wichtig, dem Nachfolger das Feld zu überlassen.

Zingg: Es ist auch an uns, gute Beziehungen zu pflegen, damit wir noch gern gesehen werden. Es wird ein Ort bleiben, an den man gerne zurückkommt.

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