Endlager

Zwei zähe Konflikte zeichnen sich ab

Wohin mit der «heissen Zelle»? Und wer darf bei der Endlagersuche noch mitreden? Die beiden Fragen spitzen sich weiter zu. Dem Bundesrat steht Ende Jahr kein leichter Entscheid bevor.

Bis der Endlagerstandort gefunden und das Lager gebaut ist, lagern die hochradioaktiven Abfälle weiterhin oberirdisch im Zwischenlager (Zwilag) im Kanton Aargau.

Bis der Endlagerstandort gefunden und das Lager gebaut ist, lagern die hochradioaktiven Abfälle weiterhin oberirdisch im Zwischenlager (Zwilag) im Kanton Aargau. Bild: Foto: Markus Forte/Ex-Press

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Das Bemerkenswerteste der 24. Vollversammlung der Weinländer Regionalkonferenz am Samstag war – wie schon so oft – im Traktandum «Informationen vom Bundesamt für Energie (BFE)» verborgen. Nach zweidreiviertel Stunden benannte Stefan Jordi vom BFE nämlich zwei zentrale Konflikte bei der weiteren Suche nach einem Schweizer Endlagerstandort.

Der erste von Jordi genannte Konfliktpunkt ist die «heisse Zelle». Also jene Hochsicherheitsanlage beim «Tor zum Endlager», wo die verbrauchten, hochradioaktiven Brennstäbe der Kernkraftwerke aus den Castorbehältern genommen und in die Endlagerbehälter gepackt werden. Deutschland fordert, dass die Schweiz diese Anlage weiter weg von der Landesgrenze und des Rheins baut («Landbote» vom 1. Februar). Auch die Weinländer Regionalkonferenz will die «heisse Zelle» nicht bei sich, sondern am liebsten im Aargau beim bestehenden Zwischenlager (Zwilag). «Irgendwohin muss sie», sagte Jordi. Man könne sie «nicht einfach wegschieben» von einer in die andere Region. Allerdings hat das BFE der Nagra bereits den Auftrag erteilt zu prüfen, ob die «heisse Zelle» auch anderswo gebaut werden könnte als in der Standortregion des Tiefenlagers. Die Frage der «heissen Zelle» müsse man, so Jordi, noch «eingehend diskutieren». Und das werde «nicht einfach sein».

«Noch nicht konfliktfrei»

Der zweite Konfliktpunkt, auf den Jordi am Samstag hinwies, betrifft die Frage der künftigen Beteiligung. Dabei steht die Forderung der deutschen Gemeinden nach mehr Mitsprache im Mittelpunkt. Der Verteilschlüssel bei der regionalen Beteiligung sei «noch nicht konfliktfrei», sagte Jordi. Auch diesen Punkt werde man «sicher noch diskutieren müssen».

Zum Stand der bisherigen Endlagersuche läuft noch bis am 9. März eine Vernehmlassung des BFE, in der jedermann eine Stellungnahme abgeben kann. Der Kanton und die Gemeinden haben dafür etwas mehr Zeit erhalten. Wie es ab 2019 weitergehen soll bei der Standortsuche, das entscheidet der Bundesrat Ende Jahr. An der Vollversammlung vom Samstag wurde bekannt, dass mehrere gewichtige Organisationen ihre Stellungnahmen bereits verfasst haben. Dazu zählen zum Beispiel der Gemeindepräsidentenverband des Bezirks Andelfingen (GPVA) und die Regionalplanung Winterthur und Umgebung (RWU).

Winterthur wehrt sich

Die Stellungnahme des GPVA versteht sich als Vorschlag zuhanden der Weinländer Gemeinden. Der letzte Punkt darin ist mit «Absicherung gegen Fremdbestimmung» überschrieben. Auf Forderungen für zusätzlichen Anspruch von Gemeinden ausserhalb des Standortgebietes soll nicht eingetreten werden und eine Ausdehnung ausgeschlossen bleiben. Winterthur etwa soll also nicht mitreden.

«Es darf kein Antransport der Abfälle über die Bahn via Hauptbahnhof Winterthur erfolgen.»Forderung der Regionalplanung Winterthur und Umgebung (RWU)

Die RWU ist auch Mitglied der Weinländer Regionalkonferenz und umfasst ein Gebiet mit 22 Gemeinden und rund 200 000 Einwohnern, darunter die Stadt Winterthur. Diese wäre nur gut 15 Kilometer von der «heissen Zelle» bei Marthalen entfernt. Für den Raum Winterthur seien die Grundwasservorkommen im Weinland «von grosser Bedeutung», schreibt die RWU in ihrer Stellungnahme. Die Versorgung der Stadt Winterthur hänge sehr stark vom Vorkommen im Tösstal ab. Deshalb hält die Stadt bei Rheinau im mächtigen Grundwasserstrom des Rheins eine Nutzungskonzession für den Notfall, allerdings unweit der möglichen «heissen Zelle». Daher, schreibt die RWU weiter, dürfe das Weinländer Grundwasser «in keiner Weise beeinträchtigt» werden.

Als der «Landbote» im Juni 2014 publik machte, dass die Castorzüge mit dem Atommüll durch den Winterthurer Hauptbahnhof rollen würden, gab es einen Aufschrei. Jetzt stellt die RWU in ihrer Stellungnahme eine klare Forderung Richtung Bern: «Es darf kein Antransport der Abfälle über die Bahn via Hauptbahnhof Winterthur erfolgen.» Es sei eine Alternativroute zu finden. Der Bahnhof sei für den Wirtschaftsraum Winterthur, aber auch für die Ostschweiz, «von zentraler Bedeutung». Eine Störung in diesem Bahnknoten hätte nicht hinnehmbare Auswirkungen, so die RWU. Um das Sicherheitsrisiko gering zu halten, «sollten die Abfälle möglichst nahe an den Entstehungsorten respektive den heutigen Lagerungsorten deponiert werden».

Angenommen, das Endlager würde im Weinland gebaut, dann müssten die Castorzüge – nach heutigem Schienennetz – vom atomaren Zwischenlager (Zwilag) im aargauischen Würenlingen fast zwingend über Winterthur ins Weinland rollen. Denn die nächste Alternativroute würde über deutsches Gebiet und weiter durch Schaffhausen führen. Und würde die «heisse Zelle» beim Zwilag gebaut, hätte dies mehr Atomzüge durch Winterthur zur Folge. Denn die kleineren Endlagerbehälter müssten für den Transport zusätzlich ummantelt werden. Das dafür benötigte «Verpackungsmaterial» erhöht das zu transportierende Volumen und somit die Anzahl Atomzüge. (Der Landbote)

Erstellt: 17.02.2018, 17:51 Uhr

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