Alterszentren

Zwischen Kostendruck und Qualität

Schweizweit sinkt in Hunderten Heimen die Pflegequalität. In Winterthur und Umgebung scheint die Situation nicht dramatisch, doch der Finanzdruck ist auch hier hoch. Eine Auswahl von vier auffälligen Betrieben.

Wohin entwickelt sich die Pflegequalität? Beispiele aus der Region zeigen, mit welchen Schwierigkeiten Alters- und Pflegeheime zu kämpfen haben.

Wohin entwickelt sich die Pflegequalität? Beispiele aus der Region zeigen, mit welchen Schwierigkeiten Alters- und Pflegeheime zu kämpfen haben. Bild: Keystone

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Jedes Jahr publiziert das Bundesamt für Gesundheit Daten über alle 1552 Alters- und Pflegeheime in der Schweiz. Das Recherchedesk der Tamedia hat sich die Jahre 2012 bis 2016 genauer angesehen. Das Resultat: Die Pflegequalität nahm bei hunderten Heimen ab. Dies zeigt sich unter anderem beim Prozentsatz von qualifiziertem Pflegepersonal. Berücksichtigt wurde auch, ob allenfalls die Pflegeintensität der Bewohner abgenommen hat.

In Winterthur und Umgebung gibt es wenige Ausreisser, doch auch hier fallen einige Heime auf – positiv oder negativ:

Wohnheim Sonnenberg (Hülfsgesellschaft Winterthur)

Das Wohnheim Sonnenberg, malerisch auf dem grünen Heiligberg gelegen, befand sich von 2007 bis 2017 im Wandel von einem Alters- und Pflegeheim hin zu einem Heim für Menschen mit Demenz. Gleichzeitig wurde laut Heimleiter Philippe Delannoy der Personalschlüssel laufend angepasst um «dem Wechsel der Bewohnenden gerecht zu werden». In Zahlen heisst dies: Die Anzahl qualifizierter Pflegefachpersonen ist im Demenzheim in den letzten Jahren deutlich gesunken, laut dem Bundesamt für Gesundheit von 69 auf 51.4 Prozent. Die kantonale gesetzliche Mindestvorgabe liegt bei 50 Prozent.

Das Wohnheim Sonnenberg auf dem Heiligberg.

«Auf Grund von unternehmensüblichen Personalfluktuationen wurde die Anzahl qualifizierter Pflegefachpersonen der Mindestvorgabe angenähert. Mit den 51.4 Prozent liegen wir aber immer noch darüber», sagt Delannoy. Statt qualifiziertem Pflegepersonal arbeitet im Sonnenberg heute mehr qualifiziertes Assistenzpersonal. Das sei keine eigentliche Qualitätseinbusse, findet Delannoy: «Das Assistenzpersonal hat andere Kompetenzen als die Hochqualifizierten, dennoch können sie viele Arbeiten genau gleich gut erledigen. Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Pflegequalität am Sonnenberg gelitten hätte.»

Pflegezentrum Eulachtal

Wie beim Wohnheim Sonnenberg zeigen die Kennzahlen des Bundes auch beim Pflegezentrum Eulachtal eine negative Entwicklung, das Personal nahm in den Jahren 2012 bis 2016 ab, obwohl die Anzahl Pflegetage rasant anstieg – tatsächlich wurde das Zentrum in den letzten Jahren stark vergrössert.

Auch im Pflegezentrum Eulachtal zeigen die Kennzahlen eine negative Entwicklung.

Direktor Johannes Baumann bestreitet allerdings die vom Bundesamt für Gesundheit publizierten Zahlen. Er legt eigene Zahlen vor, die ein klares Stellenwachstum abbilden. So nahm die Anzahl Beschäftigter laut Baumann von 2012 bis 2016 von 153 auf 194 Personen zu. Die Pflegequalität im Eulachtal habe «sicher nicht abgenommen». Baumann sagt, er habe die verlangten Datensätze korrekt mitgeteilt. Die Zahlen würden aber beim Bund «grundsätzlich immer noch nicht genügend validiert». Baumann beklagt unpräzise Begrifflichkeiten, beispielsweise ob die Vollzeitstellen Ende Jahr, im Mittel oder Ende Jahr erfasst wurden.

Alterszentren der Stadt Winterthur

Auffällige Zahlen zeigen sich auch bei den Alterszentren der Stadt Winterthur. Dort nahm der Anteil an qualifiziertem Personal nur leicht ab, aber die Zahlen weisen auf einen generellen grossen Abbau hin: Von 834 Vollzeitäquivalenten im Jahr 2012 waren vier Jahre später noch 694 übrig – trotz gleichbleibenden Pflegetagen. Betroffen sind die fünf Heime Adlergarten, Brühlgut, Neumarkt, Oberi und Rosental. Markus Wittwer, Leiter von Alter und Pflege, verneint allerdings einen derart grossen Abbau: «Wir haben in den letzten Jahren nicht in diesem Umfang Stellen abgebaut, sondern vor allem die Ressourcen gezielter eingesetzt. Ein Teil der tiefer ausgewiesenen Stellen ist auf organisatorische Veränderungen zurück zu führen. Zum Beispiel wurde der ärztliche Dienst an das KSW ausgelagert – damit fielen bei gleicher Qualität und Angebot sechs städtische Stellen weg.»

Bei den Alterszentren der Stadt Winterthur zeigen sich auffällige Zahlen.

Dies erklärt allerdings nicht das Ausmass des Abbaus, wie es in den üblicherweise verlässlichen Zahlen des Bundes erkennbar ist. Fakt ist, dass in den untersuchten Jahren eine Reorganisation bei Alter und Pflege durchgeführt wurde, hinzu kamen zwei Sparprogramme der Stadt Winterthur. Wittwer sagt, das unter anderem deshalb die Zahlen von 2012 und 2016 nicht direkt miteinander vergleichbar seien.

Den Abbau im Rahmen der Sparprogramme beziffert Wittwer mit «circa 20 Stellen», die wegfielen: «Man muss dazu sagen, dass unsere Personaldecke früher etwas üppig war. Das liess eine massvolle Stellenreduktion zu.» Bekannt war bereits, dass zusätzlich im Rahmen des Sparprogramms Balance 20 Ausbildungsplätze gestrichen wurden. Zudem habe die Stadt Aufgaben von der Pflege an die Hotellerie übertragen und zudem das Pflegepersonal «flexibler und gezielter», auf den Wohngruppen eingesetzt, sagt Wittwer. Er hält fest, dass man bei der Anzahl Beschäftigten und bei der Qualität noch immer alle kantonalen Vorgaben übertreffe und «sehr gut» dotiert sei.

Seniorenzentrum Wiesengrund (Hülfsgesellschaft Winterthur)

Ein positives Beispiel gibt das Seniorenzentrum Wiesengrund ab, wie das Demenzheim Sonnenberg fungiert die Hülfsgesellschaft Winterthur als Eigentümerin. Im Wiesengrund nahm sowohl das totale als auch das qualifizierte Personal in den Jahren 2012 bis 2016 markant zu, obwohl gleichzeitig die Anzahl Pflegetage stabil blieb. Leiterin Maja Rhyner erklärt den Personalausbau mit einem Strategiewechsel des Seniorenzentrums. Seit ein paar Jahren bietet der Wiesengrund an der Wülflingerstrasse Palliative Care an – in allen Wohnformen, vom Alters- übers Pflegezimmer bis zu den Privatwohnungen. Diese individuell angepasste Pflege der schwerkranken Menschen machte mehr Personal notwendig.

Das Seniorenzentrum Wiesengrund: Ein positives Beispiel.

Trotz der guten Situation im Wiesengrund teilt Rhyner die Einschätzung von der abnehmenden Pflegequalität. Verantwortlich seien verschiedene Faktoren: «Die öffentliche Hand muss praktisch überall sparen und macht dabei leider auch vor der Pflege nicht Halt», sagt Ryhner. «Gleichzeitig weigern sich die Krankenkassen ihre Ausgaben den aktuellen Bedingungen anzupassen. Darunter leidet der Patient, sowohl bei öffentlichen als auch bei privaten Institutionen, welche ebenfalls einen grösseren finanziellen Druck spüren.»

(Der Landbote)

Erstellt: 02.04.2018, 15:11 Uhr

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Aufsicht

«Vieles spürt man vor Ort intuitiv»

Wie merkt man, ob im Alters- oder Pflegeheim die Qualität stimmt? Nicht nur anhand der Zahlen, sagt ein zuständiger Bezirksrat.

Wenn sich bei einem Alters- oder Pflegeheim die Qualität verschlechtert, kann man dies an den jährlich übermittelten Kennzahlen erkennen. Bezirksräte sind im Kanton Zürich die direkten Aufsichtsbehörden der Pflegeinstitutionen. Sie nehmen regelmässig Visitationen vor Ort vor. In der Regel finden diese alle zwei Jahre in jedem Heim statt. Bei Bedarf, beispielsweise im Zusammenhang mit Beschwerden oder eigenen Beobachtungen, können solche Überprüfungen vor Ort durch den Bezirksrat auch in kürzeren zeitlichen Intervallen oder unverzüglich erfolgen. Kontrollen sind auch unangemeldet möglich
Im Bezirk Winterthur ist Adrian Ramsauer einer von zwei Bezirksräten, welche über die Alters- und Pflegeheime die sogenannte gesundheitspolizeiliche Aufsicht wahrnehmen. Im Zusammenhang mit dem Mindeststellenplan gebe es derzeit nur eine problematische Institution, die bekannt sei, sagt Ramsauer: «In einem solchen Fall suchen wir das Gespräch und erlassen eine Auflage. Engmaschiger begleiten wir das Heim dann, wenn das Minimum nicht eingehalten würde.» Bei keiner Institution im Bezirk sehe man derzeit das Risiko einer Bewohnergefährdung.

Im Kanton Zürich wird zweimal geprüft

Grundsätzlich bezeichnet Ramsauer die Prüfung der Pflegequalität im Kanton Zürich, die mit einer zweistufigen Aufsicht funktioniert, als vorbildlich. «Dass die Fachleute von der Gesundheitsdirektion zentral alle Zahlen erfassen und sich der Bezirksrat vor Ort auch mit lokalen Gegebenheiten auskennt und Hinweisen nachgehen kann, ist ein Vorteil.»
Ramsauer bezeichnet die Kennzahlen des Bundesamtss für Gesundheit, die als Grundlage der Tamedia-Recherche dienten, als wichtig. Genauso wichtig sei aber der direkte Kontakt zu den Heimen: «Man muss ein Heim auch einmal betreten, sich die Abläufe vor Ort anschauen und die Stimmung erfassen. Wenn man Erfahrung hat im Gesundheitsbereich, spürt man vieles auch intuitiv.»
Mit der Qualität in Heimen befasst sich auch Regina Soder, Präsidentin des Berufsverbands der Pflegefachpersonen. Zu den hunderten Heimen, die schweizweit Pflegequalität abgebaut haben, sagt Soder, der Befund überrasche sie. «Es hat aber klar ein Umbau stattgefunden: Heime setzen für Pflegeaufgaben vermehrt sogenannte Fachangestellte Gesundheit statt diplomierte Pflegefachleute ein. Das ist ein Qualitätsumbau.» Der Mindest-Stellenplan des Kantons spiele dabei eine wichtige Rolle, denn er verhindere, dass Heime allzu drastische Sparmassnahmen beschliessen. «Die Pflege ist im Vergleich zu früher mehr zum Stressberuf geworden. Der Gesundheitszustand der Heimbewohner ist instabiler geworden. Deshalb kommt es öfter zu vorübergehendem Personalmangel», sagt Soder. mpl/leu

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