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Ringen um Events Fussballspiele und Konzerte in Zürich und Genf sind gefährdet

Grossanlässe sollen nur dann stattfinden, wenn epidemiologische Kriterien erfüllt sind: Kantone, Parlamentarier und Wissenschaftler drängen den Bundesrat zu strengen Vorgaben.

Wenn sich die epidemiologische Lage in Zürich nicht verbessert, muss der FCZ womöglich noch länger auf eine grössere Anhängerschaft im Stadion verzichten.
Wenn sich die epidemiologische Lage in Zürich nicht verbessert, muss der FCZ womöglich noch länger auf eine grössere Anhängerschaft im Stadion verzichten.
Foto: Alexandra Wey «Keystone»

Sportclubs und Konzertveranstalter haben sich womöglich zu früh gefreut, als der Bundesrat letzte Woche das Grossanlass-Verbot per 1. Oktober aufhob. Ob ab diesem Zeitpunkt überall in der Schweiz vor vielen Zuschauern gespielt und musiziert werden kann, bleibt fraglich. Denn jetzt wird von allen Seiten der Druck auf den Bundesrat erhöht, scharfe nationale Vorgaben zu machen.

«Wir erwarten, dass der Bund in seiner Verordnung zur Bewilligung von Sport-Grossveranstaltungen klare epidemiologische Kriterien festlegt, die erfüllt sein müssen, damit solche Anlässe bewilligt werden können», sagt Lukas Engelberger, Präsident der Gesundheitsdirektoren-Konferenz (GDK) und Basler Regierungsrat. Aus GDK-Sicht wären etwa die Entwicklung der Fallzahlen und genügend Kapazitäten beim Contact-Tracing als mögliche Kriterien denkbar. Diese sollten als Minimalanforderungen zu verstehen sein. «Die Kantone müssten die Freiheit haben, unter besonderen Umständen Bewilligungen nicht zu erteilen oder zu entziehen, obwohl diese Anforderungen erfüllt wären.»

Die Mehrheit der Gesundheitsdirektoren war schon vor dem Entscheid des Bundesrats skeptisch, ob die Zeit für Grossevents reif sei. Kritisch äusserte sich auch die wissenschaftliche Taskforce des Bundes. Nun verlangt das Gremium ebenfalls Vorgaben. «Aus meiner Sicht wäre es sehr sinnvoll, wenn die Kantone messbare Kriterien wie zum Beispiel die kantonale Contact-Tracing-Kapazität, Fallzahlen und den Reproduktionswert generell bei der Umsetzung von Massnahmen berücksichtigen würden, natürlich auch bei der Bewilligung von Grossveranstaltungen», sagt Sebastian Bonhoeffer, Professor für Theoretische Biologie an der ETH Zürich. Er geht aber davon aus, dass dies die Kantone bereits täten.

Zuger Regierungsrat ist gegen scharfe Grenzwerte

Klare Auflagen fordern auch Bundespolitiker. «Damit Grossanlässe bewilligt werden können, müssen epidemiologische Kriterien erfüllt sein», sagt Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin und Chefin der Gesundheitskommission. Dazu brauche es gesamtschweizerische Vorgaben, die eine differenzierte Beurteilung in den Kantonen zuliessen. Humbel nennt das Beispiel Genf, welches in der letzten Woche über 200 neue Ansteckungen verzeichnete. «Ich finde es heikel, wenn unter den aktuellen Bedingungen dort Grossanlässe stattfinden.»

BDP-Nationalrat Lorenz Hess sieht in klaren und messbaren epidemiologischen Kriterien zudem ein «Gebot der Chancengleichheit für die Veranstalter». Die Kantone könnten von den Veranstaltern auch weniger unter Druck gesetzt werden, wenn zum Vornherein klar sei, unter welchen Voraussetzungen Anlässe erlaubt werden dürften.Hohe Fallzahlen vermeldeten zuletzt nebst Genf auch Waadt und Zürich also Kantone mit Städten, wo viele Grossanlässe stattfinden. Aus heutiger Sicht könnten epidemiologische Kriterien für die Bewilligung insbesondere dort zum Problem werden. Ein Event im Zürcher Hallenstadion scheint mehr gefährdet zu sein als einer im KKL Luzern.

Obwohl der GDK-Chef glaubt, eine Mehrheit hinter sich zu haben, sind sich die Kantone trotzdem nicht ganz einig was zu weiterem Streit führen könnte. Für den Zuger Gesundheitsdirektor Martin Pfister wäre es «falsch», für die Bewilligung von Grossanlässen in Sportarten wie Eishockey, die in der ganzen Schweiz stattfinden, «scharfe epidemiologische Grenzwerte festzulegen». Die Kantone bräuchten bei der Beurteilung der Lage Spielraum. «Sonst kann der Bund gleich alles selbst regeln.»

Kompromissvorschlag aus der FDP

Noch weiter geht die SVP: «Es braucht keine Bundesnormen für die Bewilligung von Grossanlässen», sagt Nationalrat Thomas de Courten. «Die Kantone sind kompetent genug, um die epidemiologische Lage zu beurteilen.» Es sei ohnehin selbstverständlich, dass sich die Kantone untereinander absprächen.

Die kantonalen Gesundheitsdirektoren um Präsident Lukas Engelberger (rechts) machen Druck, dass ihnen Bundesrat Alain Berset bei der Bewilligungspraxis von Grossanlässen entgegenkommt.
Die kantonalen Gesundheitsdirektoren um Präsident Lukas Engelberger (rechts) machen Druck, dass ihnen Bundesrat Alain Berset bei der Bewilligungspraxis von Grossanlässen entgegenkommt.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

FDP-Ständerat Damian Müller bringt nun einen Mittelweg ins Spiel. Epidemiologische Kriterien seien insofern nötig, als dass man auf die Lage in den einzelnen Regionen Rücksicht nehmen müsse. «Treten Ansteckungsherde auf, muss man aber nicht gleich alles absagen.» Stattdessen könne man die Schutzmassnahmen und Konzepte in einem Stadion anpassen. «Das Wichtigste ist, dass die Veranstalter Planungssicherheit haben und Grossanlässe grundsätzlich wieder stattfinden können.»

Gesundheitsminister Alain Berset macht nächste Woche den Kantonen nun einen Vorschlag. Kurz darauf wird der Bundesrat entscheiden, wie viel Spielraum es geben soll.