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TribüneGross werden im Schnelldurchlauf

Eva Ashinze macht sich Gedanken über das Heranwachsen ihrer Kinder.

Heute ist ein besonderer Tag: Meine Tochter hat Geburtstag. Letzthin habe ich ein Video eines Filmemachers gesehen. Über zwanzig Jahre hinweg hat er täglich seine Tochter gefilmt und aus dem Bildmaterial einen Film geschnitten. Das Ergebnis ist ein Heranwachsen im Zeitraffer: Aus dem Baby wird innert Minuten ein Kleinkind, ein Mädchen, eine junge Frau.

Auch ohne einen solchen Film habe ich das Gefühl, meine Kinder werden im Schnelldurchlauf gross. Eben noch hat mein Sohn – einen Luftballon in der Hand, Lederfinken an den kleinen Füssen – seine ersten Schritte gemacht, nun überragt er mich um mehrere Zentimeter, trägt Schuhgrösse 45. Eben noch hat meine Tochter «Chummer» gesagt, wenn sie hungrig war und «Jugluck» statt Joghurt, nun verwendet sie Wörter wie «wünschenswert» und «andererseits».

Für meine Kinder – insbesondere für meinen Sohn, dieses ungemein soziale Wesen – waren die vergangenen Wochen mit dem Schulausfall, dem Wegfall der geliebten Hobbys, dem äusserst eingeschränkten Kontakt zu Freunden alles andere als einfach. Für mich hingegen war es eine Gelegenheit, die Zeit für einen Moment anzuhalten. Ich bin keine sehr gesellige Person, die sozialen Beschränkungen haben mich weniger in Mitleidenschaft gezogen als andere. Ich kann mich glücklich schätzen, ich weiss. Und doppelt glücklich, weil ich in diesen Wochen meinen Kindern, die gross werden, sehr nahe sein konnte. Wir haben täglich so viel Zeit miteinander verbracht wie sonst nur in den Ferien. Ich habe mit meiner Tochter Fotos von früher angeschaut, mit meinem Sohn vor dem Schlafengehen Lieblingsfilme geguckt. Wir sind an den Abenden zum Schulhaus spaziert, haben uns in die Vogelnestschaukel gelegt, den Himmel betrachtet.

Nun fallen die Beschränkungen nach und nach weg. Das ist gut so. Die Kinder brauchen ihr soziales Umfeld. Bald werden sie wieder jeden Tag in der Schule sein, in der Freizeit ihren Hobbys nachgehen. Die gemeinsame Zeit wird weniger werden und über die Jahre hinweg noch mehr schwinden.

Vor der Geburt meines ersten Kindes war ich monatelang voller Vorfreude gewesen. In den letzten Tagen überkam mich Angst vor der immensen Verantwortung, die ich plötzlich haben würde. Als ich zum ersten Mal mein Kind im Arm hielt, war diese Angst wie weggeblasen. Ich fühlte nur noch Glück. Freude. Ich fühlte mich vollkommen. Bei meinem zweiten Kind war es genauso. Happy Birthday, liebste Meret.