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Architektur in BaselGut zum Druck – gut zum Wohnen

In einer ehemaligen Druckerei in der Basler Innenstadt sind neun charismatische Wohnungen entstanden. Zwei davon sind die längsten der Stadt.

Die typische 60er-Jahre-Fassade täuscht über das spektakuläre Innenleben hinweg.
Die typische 60er-Jahre-Fassade täuscht über das spektakuläre Innenleben hinweg.
Foto: Adriano Biondo

Die unspektakuläre Fassade verrät nicht, was sie versteckt; doch das Dahinter hat es in sich. Wer die Basler Holbeinstrasse entlanggeht, sieht lediglich eine typische Rasterfassade der 60er-Jahre mit feinen Metallprofilen, Glas- und Aluminium-Paneelen. Hier hatte die ehemalige Druckerei Kreis während Jahrzehnten ihren Sitz. Durch eine Umstrukturierung der Firma wurden der strassenseitige, viergeschossige Bürotrakt und die Fabrikationshalle im Hof frei fürs Wohnen.

Was Luca Selva Architekten aus Basel vorfanden, war so stark im Ausdruck und so flexibel in der Grundstruktur, dass sie den ehemaligen Zweckbau nur um wenige Elemente ergänzen mussten, um neun grosszügige, zeitgemässe Mietwohnungen einzubauen. Sie sind zwischen 100 und 200 Quadratmeter gross und liegen im gehobenen Preissegment.

Neun Wohnungen im gehobenen Preissegment sind in der ehemaligen Druckerei entstanden. Durch das alte Sheddach flutet viel Sonnenlicht.
Neun Wohnungen im gehobenen Preissegment sind in der ehemaligen Druckerei entstanden. Durch das alte Sheddach flutet viel Sonnenlicht.
Foto: Adriano Biondo

«Wir haben ein neues Kapitel aufgeschlagen, aber kein neues Buch geschrieben», sagt Luca Selva. Will heissen: Die Architekten haben im besten Sinne des Wortes weitergebaut. So haben sie etwa die alten Steinzeugplatten im Treppenhaus originalgetreu nachfertigen lassen und dort ersetzt, wo es nötig war.

Die offene Traggkonstruktion aus Beton, imposante Pilzkopfstützen, strenge Rippendecken und das grosse Sheddach für exzellente Lichtverhältnisse – diese Elemente galt es herauszukristallisieren und für die künftige Nutzung neu zu interpretieren.

Die Stützen spielen ihre Qualitäten vor allem in den Wohnungen des Bürotraktes aus: Zwei grosse «Pilze» tragen die über drei Meter hohen Decken. Sie stehen gegenüber der lang gezogenen Küchenzeile und akzentuieren den weitläufigen Wohn-Ess-Raum.

Die riesigen Stützen betonen die Grosszügigkeit des Wohn-Ess-Bereichs.
Die riesigen Stützen betonen die Grosszügigkeit des Wohn-Ess-Bereichs.
Foto: Adriano Biondo

Die Grundrisse sind fliessend, es gibt keine Türen, sondern raumhohe Schiebetüren, die Wohn- und Schlafbereich bei Bedarf trennen. Die Bäder verstecken sich hinter platzsparenden Schrankmöbeln, die Sichtschutz bieten und gleichzeitig Ordnung halten.

Dank der luxuriösen Deckenhöhen konnte man es sich leisten, einen Hohlboden einzuziehen, um dort die notwendigen neuen Leitungen zu verlegen. Bodenriemen aus sägeroher Eiche unterstreichen den unprätentiösen Charakter des ehemaligen rationellen Zweckbaus; ebenso die guten, alten Rippenheizkörper.

Dunkelrote Fronten in der Küche bringen auf subtile Weise Wohnlichkeit in den offenen Wohn-Ess-Bereich. Neu sind die von der Fassade zurückversetzten Loggien in den oberen Geschossen; die Architekten haben sie nachträglich eingezogen. Mit Schiebefenstern lassen sie sich fast ganz öffnen und bilden so einen zusätzlichen, luftigen Wohnraum. Luca Selvas Kommentar: «Ein prima Ort fürs Fondue im Winter.»

Die dunkelroten Küchenfronten vermitteln Behaglichkeit.
Die dunkelroten Küchenfronten vermitteln Behaglichkeit.
Foto: Adriano Biondo

Der Clou des Umbaus sind die beiden parallel liegenden Wohnungen im Erdgeschoss der ehemaligen Produktionshalle. Sie sind 35 Meter lang – in Basel Rekord. Den Einteilungen des bestehenden Sheddachs folgend reihen sich die Raumnutzungen hintereinander; Ess-, Wohn- und Schlafbereich sind wechselseitig angeordnet. Sie unterteilen den fast endlos scheinenden, schmalen Raumfluss und brechen ihn optisch. Ein radikaler Grundriss für den speziellen Geschmack.

Die beiden Wohnungen im Erdgeschoss erstrecken sich über ganze 35 Meter.
Die beiden Wohnungen im Erdgeschoss erstrecken sich über ganze 35 Meter.
Foto: Adriano Biondo

In der Mitte liegt jeweils ein nach oben offener, dreiseitig verglaster Patio: quasi das Herz der Wohnungen, ein Aussenbereich im Innern, der Luft schafft und zu dem sich alles orientiert. Üppiges Tageslicht fällt auch durch das alte Sheddach, das sich an einigen Stellen bis zu sieben Meter hoch über den Wohnungen aufspannt. Das sind spektakuläre Raumqualitäten, die sich heutige Wohnungen in Neubauten nicht leisten können.

Das Herz der Wohnungen ist der offene, dreiseitig verglaste Patio.
Das Herz der Wohnungen ist der offene, dreiseitig verglaste Patio.
Foto: Adriano Biondo

Ganz zuhinterst, am Schluss der Raumfolge, liegt jeweils ein kleiner Hof, der das Ende der Parzelle bildet. Durch die Nutzung als Gewerbebau konnte das Grundstück in den 60er-Jahren fast komplett überbaut werden, was nach heutigem Baurecht mit seinen Abstandsregeln nicht denkbar wäre. Insofern ist diese gekonnte Transformation in Wohnraum auch ein Beitrag zur angestrebten Nachverdichtung der Innenstädte.

4 Kommentare
    Paul Girard

    Gigantische Luxuswohnungen als Beitrag zur Nachverdichtung der Innenstädte? Im Ernst?