Zum Hauptinhalt springen

Spitzenpolitiker mit CoronaHart getroffen und geläutert – oder eben das Gegenteil

Was passiert, wenn sich Spitzenpolitiker, die anfänglich Corona verharmlosten, das Virus einfangen? Die Fälle von Boris Johnson und Jair Bolsonaro zeigens – auf unterschiedlichste Weise.

Jair Bolsonaro

Er hatte Glück: Jair Bolsonaros Covid-Infektion verlief glimpflich.
Er hatte Glück: Jair Bolsonaros Covid-Infektion verlief glimpflich.
Foto: Joedson Alves (Keystone)

Kaum ein Staatschef hat das Coronavirus dermassen verharmlost wie Jair Bolsonaro. Alles Panikmache, beim Virus handle es sich nur um eine «gripezinha», ein Grippchen. Lange hat sich Bolsonaro vehement gegen Quarantänemassnahmen gestellt und seine Anhänger geherzt, als gäbe es kein Virus. Anfang Juli gab Bolsonaro sein positives Testresultat bekannt. Ausgerechnet Bolsonaro. Die Weltöffentlichkeit reagierte mit Hass und Häme.

Der Rechtspopulist hatte Glück im Unglück: Seine Krankheit verlief glimpflich. Er konnte die Amtsgeschäfte aus der Quarantäne in seinem Amtssitz in der Hauptstadt Brasilia weiterführen. Der Staatschef ist fest davon überzeugt, der milde Verlauf seiner Krankheit habe etwas mit dem Malariamittel Hydroxychloroquin zu tun. Dessen Wirkung ist wissenschaftlich nicht erwiesen.

Wer dachte, die persönliche Betroffenheit würde einen Politikwechsel herbeiführen, sah sich getäuscht. Bolsonaro verharmlost weiter und stiehlt sich aus der Veranwortung. Es sind die Bürgermeister und Gouverneure, die Kontaktverbote und Schutzmassnahmen anordnen müssen. Die Bilanz des Verharmlosers ist desaströs. Brasilien ist das Land mit den zweitmeisten Todesopfern (über 144’000) und der dritthöchsten Zahl an Infizierten (über 4,8 Millionen).

Boris Johnson

Sein Leben war auf Messers Scheide: Der britische Premierminister Boris Johnson dankte nach seiner Entlassung aus dem Spital dem Pflegepersonal und den Ärzten.
Sein Leben war auf Messers Scheide: Der britische Premierminister Boris Johnson dankte nach seiner Entlassung aus dem Spital dem Pflegepersonal und den Ärzten.
Foto: Pippa Fowles (AP/Keystone)

Der britische Premier hatte nach einer Infektion mit dem Coronavirus Anfang April eine Woche im Krankenhaus verbringen müssen, drei Tage davon auf der Intensivstation. Johnson hatte mehrfach gesagt, dass sein Leben zeitweise in Gefahr gewesen sei. Johnsons schwere Erkrankung inmitten der Corona-Krise hatte Grossbritannien in einen Schockzustand versetzt.

Während der Pandemie hat der 56-Jährige seinen politischen Kurs mehrfach gewechselt. Zuerst verfolgte er einen europäischen Sonderweg. Er wartete mit Abwehrmassnahmen und wollte zulassen, dass sich 60 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus anstecken. So solle eine Herdenimmunität aufgebaut werden, die die Bevölkerung vor dem Erreger schütze. Diese Strategie hat Johnson einige Wochen später revidiert.

Haben sich beide mit Corona angesteckt: Boris Johnson und Donald Trump.
Haben sich beide mit Corona angesteckt: Boris Johnson und Donald Trump.
Foto: Stefan Rousseau (Getty Images)

Nach seiner Erkrankung beendete Johnson die Experimente endgültig und schwenkte auf einen vorsichtigen Kurs um. Die Corona-Beschränkungen lockerte er äusserst sanft. Und auch die aktuell geltenden Regeln sind, etwa verglichen mit der Schweiz, restriktiv. Homeoffice wird empfohlen, mehr als sechs Personen dürfen sich nicht an derselben Stelle versammeln. Bars und Restaurants müssen um 22 Uhr schliessen. Und während in der Schweiz die Stadien bereits wieder zu zwei Dritteln gefüllt werden sollen, hat die Regierung die vorgesehene Öffnung der Sportstadien für Zuschauer bis auf weiteres ausgesetzt.

Yaakov Litzman

Weil er strenggläubig ist, wehrte er sich gegen strenge Corona-Massnahmen: Yaakov Litzman, ehemaliger Minister in Israel.
Weil er strenggläubig ist, wehrte er sich gegen strenge Corona-Massnahmen: Yaakov Litzman, ehemaliger Minister in Israel.
Foto: Jack Guez (AP)

Der ehemalige israelische Gesundheitsminister Jaakov Litzman war verantwortlich dafür, dass Israels Regierung im April von zu Hause aus arbeiten musste. Er und seine Frau Chava hatten sich angesteckt, alle die in der Regierung federführend gegen das Virus kämpften, mussten zeitweise von zu Hause aus arbeiten.

Wegen seines ultraorthodoxen Glaubens hielt sich Jaakov Litzman nicht an die Corona-Regeln. Der 71-Jährige ist Angehöriger der chassidischen Bewegung Ger. Wie Medien berichteten, ging Litzman auch dann noch zum Beten in die Synagoge, als dies wegen der Ansteckungsgefahr schon lange nicht mehr erlaubt war. Ebenso weigerte er sich, bei der Vereidigung im Parlament das Fieber messen zu lassen.

Litzmans Krankheit verlief milde. Nach drei Wochen gab er an, genesen zu sein. Viele Israelis machten ihn dafür verantwortlich, dass sich das Coronavirus in ultraorthodoxen Gemeinden rasant ausgebreitet hatte. Als im ganzen Land die Schulen zusperren mussten, blieben die Synagogen noch eine Woche offen. Litzman setzte diese Ausnahme gegen den Rat der Experten im eigenen Ministerium durch.

Politisch aber wurde der Druck zu gross. Am 25. April reichte er seinen Rücktritt als Gesundheitsminister ein. Er erhielt aber eine zweite Chance, im Mai wurde der ultraorthodoxe Politiker Wohnbauminister im nächsten Kabinett Netanyahus. Auch dort währte er aber nicht lange. Als Israel Mitte September angesichts der gestiegenen Coronavirus-Infektionen einen landesweiten Lockdown mit weitgehenden Beschränkungen einführte, kam es zum Eklat: Litzman trat schon wieder zurück. Durch die Massnahmen würden Hunderttausende daran gehindert, an den heiligen Tagen Rosch ha-Schana und Jom Kippur in der Synagoge zu beten, schrieb der strenggläubige Minister in seiner Erklärung.

Silvio Berlusconi

Silvio Berlusconi wirbt neuerdings für Hygienemassnahmen.
Silvio Berlusconi wirbt neuerdings für Hygienemassnahmen.
Foto: Max Rossi (Reuters) 

Mit seinen unterdessen 84 Jahren gehört der frühere italienische Regierungschef Silvio Berlusconi definitiv zur Risikogruppe. Entsprechend gross war die Sorge um den Cavaliere, als Anfang September bekannt wurde, dass er positiv auf Corona getestet wurde. Wie er sich ansteckte, ist unklar.

Auf jeden Fall hielt Berlusconi zunächst nicht viel von Social Distancing. Es gibt Fotos von Festen in Berlusconis Villa in Sardinien. Alle eng an eng, ohne Schutzmasken. Auch ein Bodyguard und Berlusconis neue Verlobte, Marta Fascina (eher weniger gefährdet, da nur 30 Jahre alt) hatten sich angesteckt.

Die Sorge um Berlusconi war zunächst gross. Er liess sich mit leichten Atemproblemen in ein Mailänder Spital bringen. Auch soll er künstlich beatmet worden sein. Doch nach zehn Tagen Behandlung im Spital überwand er seine Krankheit. «Danke, dass ich hier sein darf. Es war die gefährlichste Prüfung meines Lebens», sagte er, nachdem er die Klinik in Mailand verlassen konnte.

Später äusserte sich Berlusconi für seine Verhältnisse äusserst nachdenklich. «Ich hatte Angst, es nicht zu schaffen», sagte er der italienischen Zeitung «Corriere del Sera». In den ersten drei Tagen seines Spitalaufenthalts hatte er die schrecklichen Bilder aus den Krankenhäusern vor Augen, die alle gesehen hätten, «die Intensivstationen, die intubierten Patienten», sagte der Oppositionspolitiker.

Seine Erfahrung hat seine Einstellung zu Corona definitiv beeinflusst: Der TV-Mogul rief nach seiner Entlassung aus dem Spital zur strengen Einhaltung von Hygienemassnahmen auf.

42 Kommentare
    Susana Canonica

    Vielleicht möchten Sie die Redewendung unter Boris Johnsons Bild korrigieren?

    Auf Messers...