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Landluft-KolumneHeile Welt, wie sie mir missfällt

Die sogenannten ideellen Immissionen sind das Sammelbecken für all das, was subjektiv stören kann. Also fast alles.

Es geht bisweilen drunter und drüber wegen der Landluft.
Es geht bisweilen drunter und drüber wegen der Landluft.
Illustration: Ruedi Widmer

Die Kleinandelfinger Kadaversammelstelle ist tot. Dicht, geschlossen. Nicht wegen einer undichten Stelle, wo der süssliche Verwesungsgeruch in die Landluft entweicht. Den wahren Grund umschreibt der Gemeindeschreiber so: «Es ist unangenehm, wenn ein totes Kaninchen an seinen Ohren zum Kübel getragen wird.» Störung auf die nahen Sitzplätze, eine ideelle Immission nennt das der Jurist. Auch eine Blutwurstfabrik oder ein Bordell sind Beispiele dafür. Zwar kein Gestank, kein Verkehrslärm – aber jemand stört sich daran, ideell halt und so.

Das Weinland im Jahr 2041. Das Bundesamt für ideellen Immissionsschutz (BIIS) ist erfreut über die Resultate im nationalen IIS-Testgelände: Inzwischen sind 78,93 Prozent der Weinländer Bevölkerung vor solchen Immissionen wirksam geschützt, der Zielwert von 80 Prozent in Griffweite. Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit, die neben einer Bäckerei wohnen, werden durch spezielle Sicht- und Duftschutzwände abgeschirmt, um nicht vom Gipfeli in Versuchung geführt zu werden. Auch Diabetiker werden auf diese Weise vor Zuckerrübenfeldern und trockene Alkoholiker vor Weinbergen geschützt. Und der Atheist muss den Anblick des Kirchturms nicht mehr ertragen.

Fleischrinder und Milchkühe weiden schon lange nicht mehr im Weinland – es war eine Zumutung für Veganer. Pflanzenschutzmittel, Atomstrom, Handyantennen und andere gefühlte Unannehmlichkeiten wurden längst aus dem Weinland verbannt. Die heile Welt ist nah, denn: Endlich ist es gelungen, auch politische Konflikte zu entschärfen. So können neuerdings zum Beispiel Gemeinden gleichzeitig fusionieren und nicht fusionieren.