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KolumneHerbarium meiner Existenz

Der «Landbote»-Kolumnist denkt beim Anblick von Suchanzeigen immer an den Biologieunterricht im Gymnasium – und an das Sammeln von Blättern und Blüten.

Wer kennt sie nicht, die Suchanzeigen oder Infoblätter – vermisste Katzen oder geplante Flohmärkte betreffend –, die an Strassenlaterne-Pfosten im Quartier hängen? Weisse A-4-Blätter in einem Klarsichtmäppli, die vor der Witterung schützen sollen, was aber meist nicht so ganz funktioniert, weil die Mäppli an irgendeiner Ecke dann doch offen und damit wasserdurchlässig sind, sodass die Blätter darin allmählich feucht und gewellt werden.

Warum ich darüber schreibe? Weil ich mich bei diesen Anzeigen nie auf den Text, sondern immer auf den mehr oder weniger fortgeschrittenen Durchnässungszustand des Papiers konzentriere und weil ich dabei immer auch an den Biologieunterricht am Gymi denken muss. Dort mussten wir nämlich im zweiten Jahr anfangen, in der Freizeit ein Herbarium zusammenzustellen, deren Teile wir dann jeweils auf einen bestimmten Termin hin abgeben mussten. Und anfangs war ich auch ganz bei der Sache, habe frühzeitig Blätter und Blüten gesammelt, gepresst, gewartet und dann auf ein Blatt aufgeklebt, in ein Mäppli gesteckt und in der Schule abgegeben.

Mit nachlassender Disziplin wurde die Dauer zwischen Pflanzensammlung und Herbarium-Abgabe bei mir immer kürzer und fand ihren Höhepunkt dann, als ich die Pflanzen erst auf dem Schulweg oder sogar erst in der Pause vor der Biostunde sammelte. Die Flora noch rasch zwischen die Seiten des Deutschbuchs, ein paarmal feste drauftreten – das musste reichen. Hauptsache, ich konnte etwas abgeben. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ich habe danach auch nie mehr daran gedacht. Bis ich dann zur Matura auch mein komplettes Herbarium von der Lehrerin zurückbekam, und das war tatsächlich eine interessante Lektüre. Denn je weiter ich im Herbarium blätterte, desto mehr wurden die darin ausgestellten Gewächse durch ganz andere biologische Formen verdrängt. Die letzten beiden Seiten waren denn auch gar nicht mehr vorhanden. Stattdessen hatte der bei diesen späten Exponaten immer noch reichlich vorhandene Pflanzensaft das Papier schlichtweg gefressen, sodass sich in den betreffenden Mäppli nur noch ein bräunlicher Saft befand.

Eine gute Note bekam ich dafür nicht. Ich finde aber bis heute, dass mir dieses Herbarium enorm viel beigebracht hat. Zwar nicht unbedingt über die Pflanzenwelt, aber dafür umso mehr über mich.