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Interview mit Stefan Küng«Hey, könnt ihr nicht alle einen Meter mehr Abstand nehmen?»

Sobald Stefan Küng auf dem Rennvelo sitzt, nimmt er diese Tour de France wahr wie jede andere zuvor. Ausser am Berg, wo sich bei weitem nicht alle Fans an die Corona-Regeln halten.

Stefan Küng (hinten Mitte) erreicht mit Teamleader Thibaut Pinot (2. v. l.) am Samstag entscheidend abgehängt das Ziel.
Stefan Küng (hinten Mitte) erreicht mit Teamleader Thibaut Pinot (2. v. l.) am Samstag entscheidend abgehängt das Ziel.
Foto: Reuters

Waren Sie vergangenen Samstag der Glückliche?

Warum meinen Sie?

Von Ihrem Team Groupama-FDJ war zu hören, dass auf der Startetappe 7 von 8 Fahrern zu Boden gegangen waren…

Leider nein. Aber bei der teaminternen Fallstatistik war etwas grosszügig gezählt worden. Beim grossen Sturz drei Kilometer vor dem Ziel räumte mich ein stürzender Kollege von hinten ab. Aber ich stand schon still, hatte keinen Kratzer, was bei fünf meiner Kollegen definitiv nicht der Fall war. Die einen traf es ziemlich heftig. In der Fahrergewerkschaft wurde eine Umfrage gemacht: Insgesamt stürzten 88 der 176 Fahrer – genau die Hälfte – mindestens einmal, viele auch zweimal. Das ist schon sehr, sehr viel.

Ihr Teamleader Pinot wirkte nach seinem Sturz sichtlich getroffen, moralisch wie auch physisch. Stimmt der Eindruck?

Er ging hart zu Boden. Wir hatten in jenem Moment 40, 50 km/h drauf. Das ist ein ziemlicher Aufprall. Und am nächsten Tag ging es Vollgas weiter. Dann leidest du brutal.

Versucht man als Kollege, ihn auch aufzumuntern?

Du kannst schon gut zureden. Aber letztlich ist jeder alleine in seinem Kopf.

Eine Woche Corona-Tour liegt hinter Ihnen. Wie anders fühlt sich das Rennen an?

Es ist keine normale Tour. Der krasseste Unterschied war die Teampräsentation. Bei meinen anderen drei Touren kam da jeweils eine Million Zuschauer, wir fuhren einen Circuit durch die Stadt. Nun war quasi niemand da. Das sah ziemlich traurig aus. Im Rennen aber, sobald du die Maske zwei Minuten vor dem Start ausziehst, ist es die ganz normale Tour de France. Wobei diese erste Rennwoche weniger stressig war als üblich – weil es weniger Sprinteretappen gab, dafür Berge und damit schneller eine natürliche Hierarchie im Rennen.

Wann werden Sie daran erinnert, dass doch nicht alles normal ist?

Am deutlichsten bei der Bergankunft am Donnerstag. Ich nahm beim Schlussanstieg etwas Tempo heraus, fuhr in einer kleineren Gruppe den Berg hoch. Fünf Kilometer vor dem Bergpreis war es besonders steil, dazu die Aussicht toll. Die Leute standen dort in Zweierreihe, bildeten eine Menschengasse. Nur: Drei Viertel oder fünf Sechstel trugen keine Maske. Normalerweise findest du diese Momente geil. Jetzt war mir eher unwohl. Ich hätte am liebsten gesagt: «Hey, wir haben am Montag wieder einen Covid-19-Test, könnt ihr nicht alle eine Maske anziehen und einen Meter mehr Abstand nehmen?» Es muss nur einer positiv getestet werden, dann kann der ganze Zauber rasch vorbei sein.

Wie hoch ist der Maskenprozentsatz im Publikum generell?

Nizza, wo der Grand Départ war, galt ja als rote Zone. Da trugen 100 Prozent Maske. Ansonsten vielleicht 50 Prozent.

«Die Aufregung macht auch den Charme der Tour aus. Da fehlt schon etwas.»

Die Regeln lauten: keine Selfies, keine Autogramme, dazu viel weniger Publikum. Ist das nicht sogar angenehm für Sie?

Es kommen wohl nur 30 bis 40 Prozent der üblichen Zuschauer zum Rennen. Für einen Leader ist es schon angenehmer, der hat nun weniger mentalen Stress. An den Pässen stehen jetzt nur Velofahrer – man kommt ja nur so oder zu Fuss hoch. Der Durchschnittsfranzose, der sonst kommt, weil er das Spektakel sehen will, der fehlt. Ich möchte nicht urteilen, ob es für uns besser oder schlechter ist. Aber die Aufregung macht auch den Charme der Tour aus. Da fehlt schon etwas.

Die Startwoche verlief ungewöhnlich, so blieben die Etappen am Mittwoch und Donnerstag praktisch ohne Offensivaktionen. Fürchten sich alle vor den vielen schweren Etappen, die noch anstehen?

Am Mittwoch war es schon sehr speziell, eine Etappe ohne Fluchtgruppe, das hatte ich auch noch nie erlebt. Aber wegen des reduzierten Rennkalenders hat jedes der 18 Teams einen starken Leader, für den man nicht unnötig Kräfte verschwenden will. Und genau das wäre jene Fluchtgruppe gewesen: Kraftverschwendung. Zudem: Es waren zu dem Zeitpunkt noch 15 Renntage ausstehend. Wie hoch ist die Chance, dass es funktioniert und du Zeit herausfährst – und wie gross, dass sich ein Angriff zum Boomerang entwickelt? Es folgen noch x Bergankünfte, noch viele Chancen.