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Legendärer Buchladen vor dem AusHilferuf aus Manhattan

Das antiquarische Geschäft The Strand leidet schwer unter Umsatzeinbussen. Eine Ikone des globalen und glamourösen Intellektualismus ist in Gefahr.

Bald könnte hier Schluss sein: Strand Bookstore, New York, Ecke 12th Street und Broadway.
Bald könnte hier Schluss sein: Strand Bookstore, New York, Ecke 12th Street und Broadway.
Foto: Imago Images

Manchmal sind es die kleinen Katastrophen, die einem den Nerv rauben. Selbst New Yorkern, die selten etwas aus der Ruhe bringt. Aber als die zum vergangenen Wochenende in ihren Social-Media-Kanälen einen Hilferuf des Strand Bookstore fanden, war dann auch mal gut. Hypergentrifizierung, Trump, Corona und jetzt das?

Nancy Bass Wyden hatte die Nachricht verfasst, Enkelin des Firmengründers Benjamin Bass, die den Buchladen an der Ecke 12th Street und Broadway seit zwei Jahren führt. «Wir brauchen Ihre Hilfe. Dies ist der Post, den wir nie schreiben wollten.» Corona habe die Umsätze um 70 Prozent einbrechen lassen. Bald sei Schluss.

Das sass. Denn der Strand Bookstore steht nicht nur in einer Reihe mit dem Shakespeare & Company in Paris, dem El Ateneo in Buenos Aires und dem City Lights in San Francisco als eine der Weihestätten des Buchhandels. Für die New Yorker ist der Strand geistige Heimat, Zufluchtsort und Ort unzähliger intellektueller Initiationsriten. Rockstars wie Patti Smith und Tom Verlaine arbeiteten hier vor ihrem Ruhm als Verkäufer, Literaten und Dramatiker wie Sam Shepard, Mary Gaitskill und Luc Sante.

Deswegen stand der Laden in unzähligen Filmen, Serien und Büchern als Ort für das New York als Hauptstadt eines literarischen Intellektualismus. In Sofia Coppolas neuem Film «On the Rocks» trägt die Hauptdarstellerin Rashida Jones zum Beispiel zur Chanel-Tasche einen Stoffbeutel des Strand, um zu signalisieren, dass ihre Figur nicht nur Geld, sondern auch einen Geist hat.

Ein Mitarbeiter räumt im The Strand Bücher ein.
Ein Mitarbeiter räumt im The Strand Bücher ein.
Foto: Keystone

Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass man auch bei einem kurzen Besuch der Stadt im Strand landete. «18 Miles of Books» lautete das Motto im Ton der New Yorker Marktschreierei, mit dem auch die «world's best pizza» und «America's most famous hot dog» angepriesen werden.

Dieser typische Geruch von alten Büchern löst in den meisten Menschen ein Glücksgefühl aus.

Die rund 29 Regalkilometer sind keine Übertreibung. Wer den dreistöckigen Laden betritt, verliert sich im Zwielicht zwischen den Reihen der Stahlgerüste, die bis unter die Decke gefüllt sind. Man findet Bücher, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie haben muss. In Stapeln liegen die Rezensionsexemplare der Heerscharen New Yorker Kritiker zum Verkauf, Remittenden und Gebrauchtes.

Wer viel Geld mitbringt, darf auch an die Schränke und in die Hinterzimmer, in denen die Erstausgaben und Schätze lagern. Und über allem liegt jenes Aroma, das einen in Läden voll alter Bücher wie ein Kokon umhüllt. Es ist eine Duftmischung aus Hunderten chemischer Verbindungen, die Tinte, Leim, Zellulose und Lignine im Zerfall freisetzen. Forscher des Smithsonian Institute beschrieben dieses Aroma einmal als: «Eine Kombination aus grasigen Noten mit einem Hauch von Säuren und einem Hauch von Vanille über einer unterschwelligen Muffigkeit. Dieser unverwechselbare Geruch ist ebenso Teil des Buches wie sein Inhalt.»

118 der 230 Mitarbeiter musste der Strand Bookstore schon entlassen.

Bei den meisten Menschen löst dieser Duft ein Glücksgefühl aus, das tief in den Prägungen der Kindheit liegt. Kein Wunder also, dass das drohende Ende des Strand Bookstore eine Welle des Entsetzens in der Stadt auslöste.

Nun mussten New Yorker schon immer tapfer sein, was die Orte ihrer Erinnerung angeht. Der Schriftsteller Colson Whitehead schrieb in seinem Essay «The Colossus of New York», dass man erst dann ein echter New Yorker ist, wenn man die Stadt durch den Filter der Baulücken der eigenen Biografie sieht. Wenn man an immer mehr Ecken seufzen kann, weil dort etwas fehlt und hier nichts mehr ist. «Du bist ein New Yorker, wenn das, was zuvor war, echter und solider ist, als das, was jetzt dort ist.» Dazu muss man gar nicht dort leben. Es gibt genügend Besucher, die die Stadt besser verstanden als so manche, die aus den falschen Gründen dorthin zogen.

Als Folge der anhaltenden Coronakrise mussten in Manhattan zahlreiche Shops bereits schliessen.
Als Folge der anhaltenden Coronakrise mussten in Manhattan zahlreiche Shops bereits schliessen.
Foto: Keystone

Gerade deswegen gibt es ein paar wenige Orte, die den New Yorkern heilig sind. 1927 hatte der litauische Einwanderer Benjamin Bass seinen Buchladen auf der «Book Row» der vierten Avenue gegründet und ihn nach der Londoner Verlagsstrasse Strand benannt. Sein Sohn Fred siedelte den Laden 1957 an den Broadway um. 1996 kaufte er das Gebäude, was der Grund ist, dass der Strand über die letzten Jahre trotz Immobilienboom, Amazon und Stadtflucht des Bildungsbürgertums überlebte.

Corona ist aber dann doch eine Nummer grösser. 118 der 230 Mitarbeiter musste der Strand Bookstore schon entlassen. Sämtliche Veranstaltungen wurden storniert, mit denen der Laden sonst viel Umsatz macht. Nancy Bass Wydens Hilferuf zeigte Wirkung. Schon morgens stand die Kundschaft Schlange. Auf der Website gingen mehr als 10'000 Bestellungen ein. Die Treue konnten nicht einmal die Klatschmeldungen trüben, dass Bass Wyden privat über ein zweistelliges Millionenvermögen verfüge und während der Krise Amazon-Aktien gekauft habe.