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Leser fragenHinter den Kulissen sieht es anders aus

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Arbeitspensum.

Das Ruhe- und Schlafbedürfnis der Menschen ist unterschiedlich …
Das Ruhe- und Schlafbedürfnis der Menschen ist unterschiedlich …
Foto: Getty Images, iStockphoto

Ich habe festgestellt, dass einige Menschen ein scheinbar unerschöpfliches Mass an Energie besitzen, z. B. Angela Merkel. Sie schaffen ein Arbeitspensum, von dem ich nur träumen kann. Mich wundert es nun, ob diese Gabe angeboren ist und deshalb als gegeben hingenommen werden muss, oder ob da eventuell bei weniger energievollen Menschen etwas schiefläuft im Energiehaushalt. P.W.

Liebe Frau W.

Ich will nicht bestreiten, dass manche Menschen energischer (energetischer?) sind als andere. Wie bei so vielen Eigenschaften handelt es sich dabei wahrscheinlich um ein Gemisch aus Konstitution, glücklichen Umständen und Routine. Das Schlafbedürfnis der Menschen ist unterschiedlich. Wer nur sieben Stunden Schlaf braucht, ist gegenüber Langschläfern im Vorteil. Wenn man diese sieben Stunden sogar im Flugzeug pennen kann wie andere nur im eigenen Bett, ist man sicher für Spitzenaufgaben in der Politik prädestiniert. Wie Menschen beweisen, die spät noch damit beginnen, Marathon zu laufen, lässt sich das Durchhaltevermögen trainieren.

Nur begrenzt objektivierbar

Aber bevor Sie nun Pläne zu schmieden beginnen, wie Sie Ihren Energiehaushalt optimieren können, sollten Sie bedenken, dass menschliche Arbeitspensen und -leistungen nur begrenzt objektivierbar sind. Viele Eltern finden ihre Arbeit im Büro weniger anstrengend, als diese Zeit mit den Kindern zu Hause zu verbringen. Allein der «mental load», den Eltern (meistens in der Gestalt von Müttern) in Form einer inneren Agenda, was alles noch zu tun ist (Schulanfang, Kindergeburtstag, Impfungen, Krippe), mit sich herumschleppen, ist beachtlich.

Schwere körperliche Arbeit ist nicht dasselbe wie Krafttraining und ertüchtigt den Körper nicht, sondern befördert dessen Verschleiss. Man kann 14 Stunden am Tag in einem «Bullshit-Job» (David Graeber) tätig sein, der in der Ausübung sinn- und nutzloser Arbeiten wie der Erstellung von nichtssagenden Powerpointfolien besteht, die sich andere Leute in nutzlosen Sitzungen anschauen müssen, damit sie ihrerseits ihre Bullshit-Jobs nicht verlieren. Das schlaucht auch ziemlich, obwohl die Leistung gerechnet auf den Energieaufwand gegen null tendiert.

Was man ebenfalls nicht vergessen darf, ist, dass Leistung von aussen betrachtet immer so schön homogen aussieht: Ein Buch, das jemand geschrieben hat, ist eine runde Sache, der man im Nachhinein nicht mehr die depressiven Abhängphasen und die Schreibblockaden ansieht, die auch zu seiner Entstehungsgeschichte gehören. Sie können die Menschen mit grosser Produktivität und grossem Arbeitspensum gerne bewundern, Angela Merkel hat diese Bewunderung sicher verdient. Aber bedenken Sie auch, dass es auf jeder Bühne anders aussieht als hinter den Kulissen.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

3 Kommentare
    michael vogt

    in der psychoanalyse und fast noch mehr im gewöhnlichen alltag geht es um die aufhebung der verdrängung: das hervorkommen der emotionen, die den widerstand, der dem leben entgegensteht, aus dem weg räumen. die vollendete version die erleuchtung, in der "dem krug der boden herausgebrochen" ist, der zugang zu dem "unerschöpflichen mass an energie" offen. einerseits "angeboren": "alle haben buddhanatur", sagt der buddhismus, anderseits "läuft tatsächlich etwas schief im energiehaushalt": das haus ist im weg und das halten, festhalten. dass dem krug der boden herausgebrochen ist, heisst, dass das haus nicht mehr da ist und die geasamtenergie des seins (um diesen ausdruck ad hoc mal anzuwenden) wirksam sein kann. allerdings wäre es auch wieder falsch zu meinen, wenn alles fliesst, sei alles in ordnung. wir wissen, was für eine unordnung ein über die ufer tretender fluss anrichten kann. widerstand heisst auch vertierung - schöner verschreiber (statt vertiefung): darum geht es ja tatsächlich beim kraftgewinn. aber es geht eben nicht nur um "kraftgewinn", sondern zb auch um intelligenz. schwerarbeit kann verschleiss sein. wären wir aber erleuchtet oder in nähe davon, eine erfahrung, in der alles von selbst geht, bräuchten wir nicht für alles und jedes eine maschine, zb den parkplatz nicht mit dem motorrasenmäher zu wischen. mähen mit dem handmäher habe ich nie als anstrengend empfunden und meine lebensmittel besorge ich zu fuss. aber kein packtisch, nur tiefgarage.