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Aus dem Bildarchiv der BibliothekenHistorische Schnappschüsse aus Winterthur

Als der erste grosse Zirkus nach Winterthur kam, Rennautomobile durch die Stadt sausten und das höchste Haus der Schweiz gebaut wurde: Die Stadtbibliothek stellt jede Woche eine Trouvaille aus ihrem Bildarchiv vor.

Das Automobil fährt ein in Winterthur

Fotografie aus dem Album von Hedwig Bridler-Sträuli (1870–1949).
Fotografie aus dem Album von Hedwig Bridler-Sträuli (1870–1949).
Foto: bildarchiv.winterthur.ch

Eine Menschenschar schaut gebannt auf die Strasse: Ein Automobil rast vorbei – so schnell, dass es auf der Fotografie unscharf erscheint. Das Bild wurde an der St. Gallerstrasse, Ecke Pflanzschulstrasse aufgenommen, es ist der 27. Juni 1902 am frühen Nachmittag. Das Publikum bestaunt die Teilnehmer des Autorennens Paris–Wien, das mitten durch Winterthur führt. Dieses war ein Test für die Leistungsfähigkeit der neuen Fahrzeuge, die allgemein als ein Spielzeug der Jeunesse dorée belächelt und verachtet wurden. Ab dem Start verfolgten die Winterthurer Medien das dreitägige Ereignis aufmerksam; mit ihrer Berichterstattung stimmten sie die Bevölkerung auf die Durchfahrt ein. Als dann die Rennwagen mit Getöse anbrausten und eine riesige Staubwolke hinter sich herzogen, verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Der «Landbote»-Redaktor fand zwar in der Ausgabe vom 29. Juni 1902 «für diesen Auswuchs eines blasierten Geschlechts keine ausreichende Erklärung», meinte dann aber doch versöhnlich: «Auch Verrücktheiten bringen bisweilen die Menschheit vorwärts.» Und auch der Redaktor des «Neuen Winterthurer Tagblatts» nannte das Rennen «hirnverbrannt», urteilte aber geradezu visionär, das Automobil könne «zum Vehikel der Zukunft werden, nach seinen Leistungen zu urteilen, die man gerade am gegenwärtigen Wettrennen zu konstatieren vermag». So fuhr das Automobil fulminant in Winterthur ein. Aber sein «Siegeszug» liess auf sich warten: Noch im Jahr 1920 waren in der Stadt lediglich 122 Automobile registriert – heute sind es über 57’000.

Grosser Zirkus in Winterthur

«The Barnum & Bailey Greatest Show on Earth» gastierte am 3. September 1902 auf der Schützenwiese.
«The Barnum & Bailey Greatest Show on Earth» gastierte am 3. September 1902 auf der Schützenwiese.
Foto: bildarchiv.winterthur.ch

Jeweils an Ostern gastiert der Circus Knie in Winterthur – doch dieses Jahr wurde daraus bekanntlich nichts. Wir blicken darum zurück auf den 3. September 1902, als die Stadt erstmals einen richtig grossen Zirkus erlebte: «The Barnum & Bailey Greatest Show on Earth», der legendäre amerikanische Unterhaltungsbetrieb, gastierte auf seiner fünfjährigen Europatournee auf der Schützenwiese.

Bescheidenheit war da ein Fremdwort, schon vorab wurde «die kolossalste Schaustellung, die je vom Menschen erfunden», angekündigt. 68 Eisenbahnwagen umfasste der Tross laut Eigenwerbung, und in «12 elektrisch beleuchteten Riesen-Zelt-Pavillons» konnte das Publikum eine aus heutiger Sicht teilweise zweifelhafte Schau erleben: Elefanten, Kamele, Giraffen, Tiger, Löwen, Bären, Kängurus und endlos weitere Tiere waren zu bestaunen – und auch eine «unvergleichliche Sammlung menschlicher Abnormitäten» wie etwa der Pudelmensch und das lebende Skelett. Doch längst nicht alle Plätze im grossen Zelt waren besetzt, wie im «Neuen Winterthurer Tagblatt» am 5. September berichtet wurde: «Die bei unserer etwas bedächtigen Bevölkerung auf dem Land misstrauisch machende schreiende Reklame, das schöne Emdwetter haben unsere Bauern die Arbeit vorziehen lassen – kein schlechtes Zeichen.»

Bei den Gebrüdern Knie ging es damals noch einfacher zu und her: Sie tanzten unter freiem Himmel auf dem Hochseil. Aber ihr Schweizer Nationalcircus lebt noch heute – der Barnum & Bailey Circus hingegen musste seine Zelte 2017 für immer abbrechen.

Das höchste Haus der Schweiz

Die Baustelle des Sulzer-Hochhauses im Jahr 1962, fotografiert vom Winterthurer Fotografen Michael Speich (1933–2010).
Die Baustelle des Sulzer-Hochhauses im Jahr 1962, fotografiert vom Winterthurer Fotografen Michael Speich (1933–2010).
Foto: bildarchiv.winterthur.ch

Im Frühling 1966 erhielt Winterthur ein neues Wahrzeichen: das Sulzer-Hochhaus. Im Vorfeld hatte dieses Bauprojekt zu heftigen Auseinandersetzungen in der Bevölkerung geführt. Nicht alle konnten sich vorstellen, wie sich ein solches Haus in das vertraute Bild der Heimat integrieren würde. Bei der Eröffnung im September 1966 war dann aber keinerlei Kritik mehr zu hören. Der Turm gehörte bereits zum Stadtbild, man hatte sich an ihn gewöhnt und sich mit seiner Existenz versöhnt.

Auch die Schweizer Presse war von der Technik und Architektur des Sulzer-Hochhauses begeistert. Der «Landbote» berichtete: «Am stärksten beeindruckt hat uns der hohe Grad an Automatisierung. Lüftung, Heizung, Kühlung, Wasser- und Stromversorgung zeugen vom allerletzten Stand der Technik. (…) Das gilt natürlich auch für die Transportanlagen – sechs Personenaufzüge befördern je 18 Personen mit einer Fahrgeschwindigkeit von 3,5 Metern je Sekunde – und für die horizontal und vertikal arbeitende Aktentransportanlage.» Auch die «Neue Zürcher Zeitung» fand lobende Worte für den grossen Bau im damals noch kleinstädtischen Winterthur: «Das Äussere dieses Hauses, das als neue Dominante ins Winterthurer Stadtbild eingegangen ist, gibt dem Anspruch des grossen Unternehmens auf Geltung und Beachtung unübersehbaren Ausdruck. Es ist aber zugleich auch Sinnbild jenes nüchternen und technischen Geistes, der in dieser Stadt waltet und die sauberen, klaren Linien liebt.»

Mit seinen 26 Stockwerken und der Höhe von 92,4 Metern war das Sulzer-Hochhaus bis 2003 das höchste Haus der Schweiz, ganz unkleinstädtisch.

Ein Menschenteppich gegen die Waffenausstellung

Aktivisten vor dem Eingang zum Messegelände der W81 am 29./30. Juni 1981.
Aktivisten vor dem Eingang zum Messegelände der W81 am 29./30. Juni 1981.
Foto: bildarchiv.winterthur.ch

Anders als im diesjährigen Corona-Lockdown erlebte Winterthur Ende Juni 1981 eine Kumulation von Grossereignissen: In der Altstadt wurde das Albanifest gefeiert, auf der Schützenwiese fand ein Monster-Open-Air-Rockkonzert statt, und gleichzeitig eröffnete bei den Eulachhallen die Internationale Waffenausstellung W81, die einen der grössten Demonstrationszüge der jüngeren Stadtgeschichte provozierte. Erwartet wurde das Winterthurer Pendant zum Zürcher Opernhauskrawall – manifestiert hat sich ein gewaltloser «Menschenteppich».

«Social Distancing» stand definitiv nicht auf der politischen Agenda der jugendlichen Friedensaktivistinnen und -aktivisten; sie nutzten ihre Körper gezielt als Mittel zum Protest. Wer die Kriegsmaterialausstellung betreten wollte, musste über sie hinwegsteigen. Die private Sicherheitsequipe des Veranstalters riegelte das Gelände mit Stacheldraht ab und versuchte, den sich täglich bildenden Menschenteppich unter dem Einsatz von Wasserschläuchen und Tränengas aufzulösen. Die Aktivisten liessen sich aber nicht beirren, harrten aus und skandierten weiterhin «ohni Waffe, Friede schaffe».

Am zweitletzten Ausstellungstag kam es zum Eklat. Vor den Augen mehrerer Stadtpolizisten fuhren vier Personen mit einem Geländewagen vor, kippten einen Kessel voll Jauche über die Aktivisten und brausten davon. Die als halbherzig kritisierte und erfolglose Fahndung nach den Tätern bildete den Auftakt zu einer Gewalteskalation und anschliessenden Verhaftungswelle in der Jugendszene, die als «Winterthurer Ereignisse» in die Stadtgeschichte eingehen sollte.

Ein Leben für die Röntgentechnik

«Anatomische Studien am Röntgen-Institut» aus dem Fotoalbum der Röntgenschwester Leonie Moser (o. l.), 1928.
«Anatomische Studien am Röntgen-Institut» aus dem Fotoalbum der Röntgenschwester Leonie Moser (o. l.), 1928.
Foto: bildarchiv.winterthur.ch

Der Berufsalltag von Pflegepersonal war auch schon lange vor Corona-Zeiten herausfordernd und intensiv. Zum Beispiel jener von Schwester Leonie Moser (1897–1959), Röntgenschwester der ersten Stunde, die sich zeit ihres Lebens mit der damals neuartigen Röntgentechnik auseinandersetzte und mit 61 Jahren an den Folgen der Röntgenstrahlung qualvoll starb.

Eine wichtige Station im Leben von Leonie Moser war das Kantonsspital Winterthur, wo bereits um 1900 ein «Röntgenkabinett» eingerichtet worden war. Den hierzu benötigten Strom lieferte die benachbarte Brauerei Haldengut, kostenlos! Beim Strom blieb es wohl aber auch, denn zum Biertrinken blieb der Röntgenschwester, die 1920–1922, 1936–1945 und 1950–1953 in Winterthur angestellt war, nicht viel Zeit. Die Röntgentechnik machte grosse Fortschritte, und die Röntgenabteilung wurde laufend ausgebaut. Während des Zweiten Weltkriegs wuchs der Druck ins Unerträgliche: Leonie Moser berichtet in ihren Lebenserinnerungen von Schwesternmangel, endlosen Warteschlangen für die «obligatorische Ein- und Austrittsdurchleuchtung» und von «Ärger, Verdruss und Überlastung», die bei ihr zu «psychischen Katastrophen» führten. Da halfen vielleicht nur noch Humor und Selbstironie, worüber Leonie Moser offensichtlich verfügte. Blättert man in ihren Fotoalben, stösst man auf Kommentare wie «Nach der ‹Schlacht› im Aseptischen» neben einer Aufnahme eines noch ungereinigten Operationssaales oder auf eine «Gemütliche Bluttransfusion» mit rauchenden Ärzten und Wein aus der Korbflasche.

Behördenrundgang im «Wolfi»

Behörden- und Presserundgang im neuen Schwimmbad Wolfensberg am 22. August 1936.
Behörden- und Presserundgang im neuen Schwimmbad Wolfensberg am 22. August 1936.
Foto: bildarchiv.winterthur.ch

Die Winterthurer Bibliotheken öffnen ihre Tore wieder. Die Schwimmbäder müssen aber Corona-bedingt noch einige Wochen warten, Frühsommerstimmung hin oder her. Als das Schwimmbad Wolfensberg 1936 den Betrieb aufnahm, ging die Saison sogar schon ihrem Ende entgegen – dabei war auch damals die Eröffnung im Frühling vorgesehen. Der Grund der Verzögerung war allerdings kein Virus, sondern das Geld, das für den Abschluss der Bauarbeiten fehlte.

Am 22. August 1936 konnten die Behörden- und Pressevertreter endlich auf einem Rundgang die neue Anlage begutachten, und tags darauf nahm das Bad den Betrieb auf. Damit fand für den Verein zur Hebung der Volksgesundheit, Sektion Winterthur, eine lange, leidvolle Geschichte ihren Abschluss. Der Verein erstellte die Anlage auf einer wackligen finanziellen Basis, und nur mit dem vollen Einsatz aller Kräfte gelang die Finanzierung der letzten Arbeiten. Der Vereinsvorstand war danach so erschöpft, dass er nicht einmal mehr die Eröffnung feiern mochte – der Behörden- und Presserundgang sollte genügen.

Den geladenen Männern gefiel das Gezeigte ausserordentlich: «Wie eine prophetische Musik für eine bessere, schönere Zukunft» erklang dem Berichterstatter der «Arbeiterzeitung» das Gurgeln des einlaufenden Wassers in den Ohren. Und auch das Publikum strömte bald in Scharen. Für den Vereinskassier blieb das Schwimmbad aber ein «altes Sorgenkind», bis die Stadt Winterthur 1964 die Anlage übernahm. Stark verspätete Eröffnungen sind seither keine bekannt.

Riesenzigarre über Winterthur

Eine Menschenmenge schaut am 6. 10. 1929 vom Dach der Bank in Winterthur an der Stadthausstrasse dem Luftschiff LZ 127 «Graf Zeppelin» nach.
Eine Menschenmenge schaut am 6. 10. 1929 vom Dach der Bank in Winterthur an der Stadthausstrasse dem Luftschiff LZ 127 «Graf Zeppelin» nach.
Foto: bildarchiv.winterthur.ch

Auf den ersten Blick fällt sie einem kaum auf, die Menschentraube, die sich am 6. Oktober 1929 auf dem Dach der Bank in Winterthur (heute UBS) an der Stadthausstrasse versammelt hat. Was machen die da oben? – Sie halten Ausschau nach dem Zeppelin!

Es war nicht das erste Mal, dass ein Zeppelin über Winterthur schwebte und die Winterthurerinnen und Winterthurer dieses Schauspiel bestaunen konnten. Bereits im Juli 1908 flog erstmals eine dieser «Riesenzigarren» über die Altstadt hinweg, als das Luftschiff LZ 4 des Grafen Zeppelin weite Landesteile der Schweiz überquerte. Dieser Flug dauerte volle 12 Stunden – ein «Meilenstein in der Geschichte der Luftfahrt», wie das «Neue Winterthurer Tagblatt» berichtete. Das «majestätische Riesenluftschiff» wurde auch von der Winterthurer Bevölkerung bejubelt. Ein Augenzeuge berichtete: «Uns überkam es wie eine Ahnung vom Anbruch eines neuen Zeitalters, das sich in einer Vision unseren Blicken offenbarte.»

Häufig, wenn der Zeppelin eine Stadt überflog, warfen die Passagiere Grusskarten vom Himmel herab. So auch über Winterthur. Wie das «Neue Winterthurer Tagblatt» berichtete, wurde ein junger Winterthurer stolzer Finder einer solchen Karte aus der Hand des deutschen Meteorologen und Geophysikers Hugo Hergesell. Die Vorderseite zeigte ein Foto des Zeppelins, auf der Rückseite die eiligen Worte «Gruss aus Luftschiff. Zeppelin. Hergesell». Der Verbleib dieser Karte ist leider nicht bekannt, im Bildarchiv der Sammlung Winterthur befindet sie sich jedenfalls (noch) nicht.

Diese Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Sammlung Winterthur der Stadtbibliotheken.

(Stadtbibliothek Winterthur)