Hongkongs Polizei droht mit «tödlicher Gewalt»

Was als friedlicher Protest begann, entwickelt sich zunehmend zum Bürgerkrieg. Beide Seiten schiessen scharf.

An der Polytechnischen Universität Hongkongs wird seit zwei Tagen gekämpft: Ein Bogenschütze nimmt anrückende Polizisten ins Visier. Foto: Kin Cheung (AP)

An der Polytechnischen Universität Hongkongs wird seit zwei Tagen gekämpft: Ein Bogenschütze nimmt anrückende Polizisten ins Visier. Foto: Kin Cheung (AP)

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Als Yim auf den Balkonsims tritt, heulen zwanzig Meter unter ihm schon die Sirenen. Der 20-Jährige spannt die Sehne seines Bogens und richtet die Pfeilspitze auf die Strasse unter ihm, wo er die Polizei vermutet. Wenig später knallt die erste Tränengaskartusche neben ihm auf die Steine. Es ist der Auftakt zu einem Kampf zwischen Polizei und Demonstranten, der von Samstag bis in den späten Sonntagabend dauern wird. Wer in diesen Minuten den jungen Mann auf dem Balkon der Polytechnischen Universität in Tsim Sha Tsui balancieren sieht, mag nicht glauben, im Zentrum Hongkongs zu sein. Der globalen Finanzmetropole. Einst ein Leuchtturm der Freiheit in Asien.

Die Mehrheit der Bewegung ist immer noch friedlich. Seit Tagen gehen Menschen in ihrer Mittagspause protestieren. Es gibt Streiks und friedliche Kundgebungen. 80 Prozent der Bürger sind laut einer Umfrage aber auch einverstanden mit der Gewalt an der «Front». Yungmo nennen sie die jungen Radikalen: der harte Kern. Jeden Tag kommt es inzwischen zu Zusammenstössen mit der Polizei. Demonstranten blockieren über Tage wichtige Verkehrsknotenpunkte und Brücken. Zuletzt haben sie sich an den fünf Universitäten der Stadt verschanzt. Was vor fünf Monaten als friedlicher Protest gegen ein Auslieferungsabkommen mit Festlandchina begann, nimmt seinen zwischenzeitlichen Höhepunkt an diesem Wochenende. Hier in Tsim Sha Tsui. Nächsten Sonntag sind Distriktwahlen. Die Regierung droht, sie abzusagen. Bis Dienstag muss Regierungschefin Carrie Lam die Entscheidung treffen.

Demonstranten stossen vor der Polytechnischen Universität mit der Polizei zusammen. (17. November 2019) Bild: Adnan Abidi/Reuters

Yim ist vermummt, trägt einen Schutzpanzer am Körper und einen Helm mit Tarnmuster. Er heisst in Wirklichkeit anders. Bezeichnet sich nicht als Student, sondern als «Bürger Hongkongs». Mit seinem Bogen ziele er auf Arme und Beine, sagt er. Wenn man ihn fragt, ob ihm klar ist, dass er mit dem Bogen jemanden tödlich verletzen könnte, sagt er «Ja». Dann steigen ihm die Tränen in die Augen. «Die Polizei erschiesst uns», sagt er. «Ich will die Menschen beschützen, die unten auf der Strasse kämpfen.» Die Regierung lenke nicht ein. Vor den Protesten hat Yim noch nie einen Bogen in der Hand gehalten.

Nicht jeder Demonstrant ist mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Aber niemand stoppt Yim dabei, als er auf den Vorsprung klettert. Er ist die Vorhut. Über die vergangenen Tage haben Demonstranten Tausende Brandsätze gebaut. Blockaden werden geschweisst und Zement angemischt, um die Mauern um die Uni zu verstärken. «Kann man alles auf Youtube lernen», sagt ein Demonstrant. Am Pool lagern die Demonstranten Petroleum in Kanistern. Bis zuletzt wird befürchtet, die Polizei könnte die Uni stürmen. Der Grund: Es fehlt Material aus den Laboren. Die Hochschulleitung hat deshalb die Polizei gerufen.

Chinas Autokratie tröpfelt wie Gift in die Stadt

Die Bilanz der vergangenen Tage ist verheerend. Am Mittwoch hat ein Demonstrant einen Mann mit einem Stein am Kopf getroffen und tödlich verletzt. Im Streit wurde ein Mann mit einer Flüssigkeit übergossen und angezündet. Gleichzeitig ist ein Demonstrant auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglückt. Die Polizei schiesst nun scharf. Es gibt viele Schwerverletzte. Der erste tote Demonstrant hat zur Radikalisierung bedeutend beigetragen. Auge um Auge: Das ist in Hongkong buchstäblich Realität, seit eine Demonstrantin von einer Kugel im Gesicht getroffen wurde.

Gewalt stellt auch die Erfolge der Bewegung infrage. Die jungen Menschen kämpfen für ihre Freiheit und für Demokratie. Chinas Autokratie tröpfelt wie Gift in die Stadt. Das Prinzip «Ein Land, zwei Systeme», das Peking Hongkong zugesichert hat, ist nicht mehr viel wert. Der Kampf wirkte in den ersten Monaten unwirklich, wie David gegen Goliath. Doch diese Sicht droht ins Wanken zu geraten, je gewalttätiger Teile der Bewegung werden. «Wir haben keine andere Wahl», sagt der Bogenschütze Yim. Die Polizei könne tun, was sie wolle. Sie würde sogar noch belohnt für ihre Verbrechen, sagt er. Die Beamten bekämen ein gutes Gehalt und vergünstigte Wohnungen. «China ist schuld, nicht wir.»

«Wenn wir brennen, dann brennt ihr auch!»

Protest war in Hongkong schon unter britischer Kolonialherrschaft fast die einzige Möglichkeit der politischen Mitbestimmung. Seit ein paar Wochen lässt die Regierung aber keine Protestmärsche mehr zu. Sie hat ein Notstandsgesetz aus der Kolonialzeit bemüht, um ein Maskenverbot am Parlament vorbei durchzusetzen. 4000 Menschen sind inzwischen festgenommen worden. In jedem anderen Land wäre der Regierungschef längst zurückgetreten. Carrie Lam ist aber nicht gewählt. Sie ist der Bevölkerung gegenüber nicht verantwortlich. Lam ist verhasst wie kein Regierungschef vor ihr. Ihre Worte wirken wie Brandbeschleuniger. Gerade erst hat sie die Demonstranten als «Feinde der Bevölkerung» bezeichnet. Ein Signal erscheint inzwischen besonders fatal: Lam hatte den Gesetzesentwurf für das Auslieferungsabkommen erst zurückgenommen, als der Konflikt schon eskaliert war. «Ihr habt uns beigebracht, dass Gewalt hilft», sprühen die Demonstranten an die Wände der Stadt. Das politische Versagen, Pekings Drohgebärde und die Toleranz der Menschen für Gewalt sind eine toxische Mischung.

Zusammenstösse vor der Polytechnischen Universität. (17. November 2019) Bild: Adnan Abidi/Reuters

In der Polytechnischen Universität ist indes am Wochenende eine kleine Stadt entstanden. Wer die Uni betritt, muss durch einen Checkpoint. Eine junge Frau bittet um einen Blick in die Tasche. Besucher werden abgetastet. Frauen dürfen nur von Frauen abgetastet werden. Das ist die Vorschrift. Es herrschen strenge Regeln. Der Müll wird getrennt. Es gibt einen Putzplan. Überall, wo nicht randaliert werden soll, stehen Schilder: Sauber halten. An den Automaten, an denen die Studenten ihre Mensakarten aufladen, steht die Bitte, diese nicht zu beschädigen. In der Turnhalle, wo die Demonstranten schlafen: keine Fotos. Im Raum, wo die radikalen Protestierenden ihre Ausrüstung lagern: keine Journalisten. Selbst auf der Toilette der Hinweis: Liebe Mitdemonstranten, Hände waschen nicht vergessen.

Es gibt ein Fundbüro, ein Pressezentrum mit Liveübertragung auf sechs Kanälen und eine Kantine. Freiwillige kochen. Es gibt Fischsuppen, Teigtaschen, Spaghetti. Es sind längst nicht nur Studenten und Schüler da. Ihre Eltern sind gekommen, viele Alumni und normale Bürger. Noch immer fahren Hongkonger zu Protesten und bringen die Demonstranten nach Hause. Die Lebensmittel, Masken und Medizin, die für mehrere Tage reichen, sind allesamt Spenden. Es gibt Zahnbürsten, Binden, und jemand hat sogar seine Sammlung an Seife aus Hotelzimmern vorbeigebracht.

Tränengas aus Festlandchina führt zu schweren Verbrennungen

Der Sturm auf die Universitäten ist eine neue Eskalationsstufe für viele Menschen. Seit 30 Jahren erinnern die Menschen mit einer Mahnwache im Juni an das Massaker 1989. Jedes Jahr nehmen Hunderttausende Menschen teil. Die brennenden Unis treffen die Menschen in ihren Herzen.

Die Zentrale des Widerstands liegt im zweiten Untergeschoss. Livestreams werden auf Bildschirme übertragen, die sonst das Mittagsmenü zeigen. Davor koordiniert eine Gruppe Vermummter die Einsatztruppen. Wenn eine neue Angriffswelle erfolgt, schicken sie frische Truppen raus. Es gibt einen Kanal im Messenger Telegram, auf dem in Echtzeit Updates versendet werden. In mehreren Gebäuden sind Krankenstationen eingerichtet worden. In einer davon arbeitet Cheung, der seinen Namen auch lieber nicht nennen will. Er ist Krankenpfleger und Mitglied eines Untergrundsystems aus Ärzten und Krankenpflegern, die Demonstranten behandeln. Viele kämen mit Schnittwunden und Platzwunden, sagt er. Das Tränengas, das aus Festlandchina kommt, führt zu schweren Verbrennungen. Manche sind so schwer verletzt, dass Cheung sie unter normalen Umständen sofort ins Krankenhaus einliefern würde. Doch die Polizei verhaftet Demonstranten noch im Krankenhausbett und verlangt die Herausgabe von Patientenakten.

Es ist inzwischen Sonntagabend. Am Tag zuvor hat die Volksbefreiungsarmee an einer Universität geholfen, die Spuren des Protests zu beseitigen. Die Hongkonger Regierung erklärt, sie habe die Truppe nicht darum gebeten. Es ist eine weitere Eskalation, eine Drohung in Richtung Hongkong. An der Uni wird inzwischen seit zwei Tagen fast durchgehend gekämpft. Die Demonstranten kommen mit schweren Hautausschlägen und Platzwunden die Treppe herunter. Am späten Abend riegelt die Polizei dann den Campus ab. Sie sei bei der Räumung bereit, «tödliche Gewalt» einzusetzen, so die Ankündigung. Die Demonstranten diskutieren, was sie tun sollen. Fast alle wollen bleiben. Andere Demonstranten aus anderen Vierteln der Stadt kündigen an herzufahren. Sie hatten zur Ablenkung bereits in einem anderen Stadtteil randaliert. «Wenn wir brennen, dann brennt ihr auch!», schreien sie. Auf dem Boden, neben der Statue von Staatsmann Sun Yat-sen, sitzt eine Schülerin auf dem Boden und schreibt auf einen Zettel ihr Testament.

Erstellt: 17.11.2019, 20:24 Uhr

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