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Kolumne TribüneIm Club der Senioren

Mit einem Mal war er da, der 60. Wie «Landbote»-Kolumnist Tobias Engelsing sich dem Unvermeidlichen gestellt hat.

Happy Birthday – wenns nur nicht schon so viele gewesen wären.
Happy Birthday – wenns nur nicht schon so viele gewesen wären.
Foto: Pixabay

Vor kurzem habe ich einen runden Geburtstag gefeiert. Ich wünschte, es wäre der 50. gewesen. Corona-bedingt kam nur eine kleinere Gesellschaft von Freunden und Weggefährten aus den benachbarten Kantonen, aus Mannheim, Berlin und von rund um den Bodensee zusammen, um mir sozusagen zu kondolieren. Meine humorvolle Frau und ein Freund hatten sich für diesen Tag eine besondere Kennzeichnung des Jubilars ausgedacht: Ich sollte eine Schärpe und eine rote Ansteckrosette tragen, die jeweils die Zahl meines neuen Lebensalters trugen. Ich kam mir vor wie ein prämierter Preisbulle auf der Ostschweizer Landwirtschaftsausstellung. Die Gäste hatten viel Spass an meinem Anblick.

«So weit ist es jetzt also gekommen», dachte ich, und ein deutliches Stimmungstief überfiel mich.

Doch fast hätte ich den Festtag noch abgesagt. Zum einen stiegen die Infektionszahlen von Covid-19, zum anderen bekam ich Post von meiner Stadtverwaltung: Sie lud mich ein, erstmals an der bevorstehenden «Stadtseniorenratswahl» teilzunehmen. Das ist ein Gremium ehrenwerter älterer bis recht alter Menschen, die sich für bessere barrierefreie Zugänge im Thermalbad und in den Stadtbussen einsetzen. «So weit ist es jetzt also gekommen», dachte ich, und ein deutliches Stimmungstief überfiel mich, die Feierlaune sank zum Tiefpunkt.

Gehörte ich nicht vor kurzem noch zum Nachwuchs? Musste ich mir nicht im Stadtrat, bei der Feuerwehr, in Stiftungsräten und Gremien von Älteren den weisen Rat anhören, ich sollte erst einmal so alt wie sie werden, dann sähe ich die Dinge auch entspannter? Jetzt bin ich plötzlich «so alt» und sehe gar nichts entspannt! Von allen Seiten erreichen mich Drohungen: Man bekommt Handreichungen der Krankenkasse, soll stärker auf Blutdruck und Bewegung achten, Zurückhaltung im Konsum von Fetten, Kohlehydraten und Alkohol üben und dennoch den «neuen Lebensabschnitt» geniessen.

Dazu fiel mir das zeitlos schöne Zitat der grossen italienischen Schauspielerin Anna Magnani ein: «Wer fromm handelt, ist nur zu schwach zum Sündigen.» Also liess ich mir zum Jubelfest erst einmal den Weisswein schmecken, schwang mich tags darauf aufs Velo, um zu sehen, ob ich noch den Seerücken hinaufkam, kochte abends etwas Feines und packte genussvoll die Geschenke aus: Ein alter Freund aus London hatte mir einen besonderen Whisky geschenkt: «Jahrgang 1960». Schwups, da war es wieder, das Stimmungstief: Mein Jahrgang! Aber ich werde mich klug und weise verhalten und diesen edlen Tropfen altersgerecht genussvoll konsumieren.

Tobias Engelsing leitet die städtischen Museen Konstanz und schreibt die Kolumne «Tribüne» im Wechsel mit anderen Gastautoren.