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Zeltbaufirma in EffretikonIn der Krise stellen sie Outdoor-Jacken her

Seit die Pfadfinder ihre Zelte nicht mehr zur Reparatur bringen, ist der Umsatz beim Effretiker Start-up Zelthangar um mehr als die Hälfte eingebrochen.

Loredana Sorg, Diego Walder und Solongo Vörös haben sich mit der Firma Zelthangar im Effretiker Industriegebiet Vogelsang niedergelassen.
Loredana Sorg, Diego Walder und Solongo Vörös haben sich mit der Firma Zelthangar im Effretiker Industriegebiet Vogelsang niedergelassen.
Foto: Madeleine Schoder

In der Fabrikhalle der Firma Zelthangar lassen sich die Corona-Abstandsregeln gut einhalten: Die Räume sind gross, und die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist tief. Insgesamt fünf Leute arbeiten für das Effretiker Start-up, das Zelte herstellt und repariert. Doch vor Ort sind an diesem Freitag nur gerade deren drei anzutreffen: Inhaber Diego Walder, Marketingfrau Loredana Sorg und Näherin Solongo Vörös. Die anderen arbeiten entweder von zu Hause aus oder gar nicht, weil sie in Kurzarbeit sind.

Auch Walder hat die Corona-Krise getroffen. Der 34-Jährige hat seine Firma im Dezember 2018 gegründet, damals noch als Einmannbetrieb. Seine Mutter half ab und zu aus. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten zog die Zahl der Aufträge gegen Ende 2019 an. Immer mehr Jugendorganisationen wie Pfadi oder Cevi wollten ihre Zelte im Hinblick auf ihre Pfingst- und Sommerlager bei ihm reinigen und reparieren lassen.

Keine Aufträge ablehnen

Da realisierte Walder, dass er das alleine nicht mehr würde bewältigen können. Die Aufträge wollte er aber trotzdem nicht ablehnen. Also bat er andere um Hilfe und stellte Näherin Vörös an. Die Mitarbeiterinnen, die sich um Buchhaltung, Marketing, Kommunikation und Qualitätskontrolle kümmern, arbeiten oft unentgeltlich. Walders Vater programmiert und betreut die IT. Bezahlt sind insgesamt 180 Stellenprozent. «Ziel ist es aber, auch die unbezahlte Arbeit irgendwann abzugelten», sagt Walder.

Als dann der Bundesrat Mitte März den Lockdown verhängte, blieben die Aufträge aus. Mittlerweile ist auch bekannt, dass die Jugendorganisationen ihre Lager an Pfingsten nicht durchführen dürfen. «Wenn dann auch noch die Sommerlager ins Wasser fallen, dann müssen wir den Gürtel definitiv enger schnallen», sagt Walder.

«Sonst ziehe ich halt wieder auf den Zeltplatz.»

Diego Walder, Inhaber Zelthangar

Doch das Team ist nicht untätig geblieben: Statt nur Zelte fertigt Solongo Vörös nun nach Mass auch Outdoor-Jacken aus Zeltstoff an. Dieser ist wasserabweisend und atmungsaktiv. Und Walder beschäftigt sich mit Sonderanfertigungen für Privatkunden wie Sonnensegel für Häuser oder Pergolen.

Doch der Umsatz ist trotzdem um etwa die Hälfte («eher noch mehr») eingebrochen. Noch hofft der Jungunternehmer, dass er mit der für alle verhängten Kurzarbeit Entlassungen verhindern kann. «Und sonst ziehe ich halt wieder auf den Zeltplatz», sagt er, halb scherzend, halb ernst.

Outdoor-Mensch

Das Wohnen im Zelt ist er gewohnt. Einerseits, weil er gerne und oft Zeit draussen verbringt, und andererseits, weil er im vergangenen Jahr ein halbes Jahr lang auf dem Zeltplatz gelebt hat – hauptsächlich aus finanziellen Gründen. «Das hatte aber auch sein Gutes», sagt er. Denn so habe er ihr eigenes Zelt, das sie seit diesem Jahr anbieten, durch und durch testen können. Es ist ein Gruppenzelt aus Baumwollstoff und nennt sich «Phoenix». Der Basisbausatz für acht Personen kostet rund 3000 Franken und ist knapp 20 Kilogramm schwer.

Dieses Zelt ist bei den Pfadis oder Cevis besonders beliebt. Denn es lässt sich modular aufbauen und erweitern. So ergänzen sich Schlaf- und Aufenthaltsräume unter einem Zeltdach. Walder und sein Team schwören auf Schweizer Produkte. Mit Ausnahme von wenigem Zubehör wie Reissverschlüsse, Zeltstöcke oder Ringe stammt das Material ausschliesslich aus der Schweiz. Der Stoff beispielsweise kommt aus dem Glarnerland. Und zwar von dort, wo einst auch die Zürcher Zeltherstellerfirma Spatz ihren Stoff bezog.

Der Stoff (auf Rollen, rechts) kommt aus dem Glarnerland. Links auf dem Arbeitstisch ein Innenzelt.
Der Stoff (auf Rollen, rechts) kommt aus dem Glarnerland. Links auf dem Arbeitstisch ein Innenzelt.
Foto: Madeleine Schoder

Alle Arbeiten werden im Industriegebiet Vogelsang in Effretikon ausgeführt. Für die Reinigung stehen übergrosse Waschmaschinen im Lagerraum. Näherin Vörös, die in der Mongolei aufgewachsen ist, näht «schnell wie die Reiter der Steppe» von Hand an verschiedenen Nähmaschinen. So steht es auf der Website, die Diego Walder gestaltet hat. Der Jungunternehmer hat nach der Matur eine Zimmermannslehre gemacht und danach mehrere Jahre bei der Firma Spatz gearbeitet. Dort hat er sich viel Fachwissen angeeignet. Und natürlich draussen in der Natur.

Solongo Vörös näht an einem Aussenzelt. Der Stoff ist aus Baumwolle.
Solongo Vörös näht an einem Aussenzelt. Der Stoff ist aus Baumwolle.
Foto: Madeleine Schoder