Zollikon

Sein Cello torkelt mit Johnny Depp

Der Zürcher Musiker Martin Tillman hat in Hollywood Karriere gemacht – unter anderem mit den «Pirates of the Caribbean».

Martin Tillmans Elektrocello kann pochen, fiepen, dröhnen – manchmal klingt es auch tatsächlich wie ein Cello. Video: Raisa Durandi

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Filmmusik geht zum Beispiel so: Ein Cellist sitzt in Los Angeles. Das Orchester spielt in Prag. Man sieht sich, man hört sich, die Technik machts möglich. Und am Ende hat man den Soundtrack für Xavier Kollers «Schellenursli».

So einfach ist das, und so kompliziert. Martin Tillman, der 55-jährige Zürcher Cellist und Komponist der «Schellenursli»-Musik, grinst, wenn er diese Geschichte erzählt, und gleichzeitig seufzt er: Filmmusik ist Abenteuer und Präzisionsarbeit zugleich, die Musiker müssen gut sein, aber auch als Rädchen in einer grossen Maschinerie funktionieren.

Oder in seinem Fall: In einer sehr grossen Maschinerie. Gut zwanzig Jahre lang hat Tillman in Hollywood als Solist und teilweise Mitkomponist eng mit Hans Zimmer zusammengearbeitet, der mit einem Oscar und zehn weiteren Nominierungen zu den Stars der Branche gehört. Zimmer habe sein Elektro-Cello jeweils als «Geheimwaffe Hollywoods» bezeichnet, sagt Tillman, «weil man nie so richtig weiss, was denn jetzt diese Klänge verursacht». Und auch, weil er der Erste war, der dieses Instrument für Soundtracks verwendet hat.

Erst hat er Meryl Streep den Kaffee serviert. Später mit Sting zusammen gespielt. Und dann ging es los in Hollywood.

Wie kam er dazu? Auf Umwegen, natürlich. Zunächst wollte Tillman Bauer werden, «ich stellte es mir lässig vor, Zigaretten zu rauchen auf dem Traktor». Als Berufsabsicht war das allerdings wenig tauglich, und weil seine Eltern nicht nur eine Zürcher Privatschule leiteten, sondern auch Musiklager auf dem Jolimont bei Neuenburg, änderte er seine Pläne.

Tillman, der in offiziellen Dokumenten immer noch Tillmann heisst, studierte Cello, erst in der Schweiz, später in Kalifornien bei Lynn Harrel. Die klassische Karriere lockte ihn allerdings wenig, lieber wäre er Rockmusiker geworden, «aber welche Band sucht schon einen Cellisten?»

Also liess er sich als Receptionist bei einem grossen Aufnahmestudio in Santa Monica anstellen, servierte Kaffee für Meryl Streep oder die Backstreet Boys und sagte jedem, der vorbeikam, er spiele übrigens Cello. Zwei Jahre später hatte er seinen ersten Auftritt, mit der Band Chicago; später engagierten ihn neben vielen anderen auch Sting, Elton John und B.B. King. 1995 tauschte er sein klassisches Instrument dann gegen die elektronische Variante, und bald schon kam der Anruf eines Fernsehkomponisten aus Zimmers Studio, der mal wissen wollte, was man denn so machen könne mit einem Elektrocello.

Und plötzlich sind da die «Pirates of the Caribbean»

Viel kann man machen, das führt Martin Tillman auch beim Treffen in seiner Wohnung in Zollikon vor. Er lässt sein Instrument fiepen und dröhnen und pochen und blubbern, die musikalischen Elemente überlagern sich, werden verfremdet, hochgetunt, wieder ausgedünnt. Mal klingt es, als starte ein Flugzeug, dann wieder meint man die Horrorszene zu sehen, die von diesem gruseligen Quietschen begleitet wird. Und irgendwann hört man tatsächlich ein Cello und erkennt die Melodie: Es ist jene, zu der jeweils Johnny Depp als Captain Jack Sparrow durch seine Abenteuer torkelt.

Wenn Captain Jack Sparrow auftritt, klingt jeweils auch Martin Tillmans Cello nicht ganz nüchtern. Video: Youtube

Die Filmreihe «Pirates of the Caribbean» gehört zweifellos zu den Höhepunkten in Tillmans Karriere. Und zu den Projekten, die ihm am meisten Spass gemacht haben: «Wenn man Captain Jack begleitet, kann man ja nicht einfach geradeaus spielen, da muss auch die Musik irgendwie betrunken klingen.» Auch der Cellist wird damit ein bisschen zum Schauspieler. Gleichzeitig gilt es, nüchtern zu bleiben und den Kontakt zum Orchester nicht zu verlieren – eine fast schon schizophrene Aufgabe. Er habe bei den Aufnahmen jeweils «ein Ohr beim Orchester und ein Auge auf dem Bildschirm», sagt Tillman, «als Solist ist man gewissermassen für die Verbindung zwischen dem Bild und dem Soundtrack zuständig.»

Oder man war es zumindest. Denn mit der Filmindustrie hat sich auch die Filmmusik verändert. Die Budgets für die Soundtracks, die früher auch mal 2 bis 3 Millionen Dollar betragen konnten, sind auf einen Bruchteil geschrumpft. Das bedeutet: Weniger Zeit, weniger Experimentiermöglichkeiten, mehr Elektronik. Dass die Musiker wie einst für Ridley Scotts Kriegsfilm «Black Hawk Down» acht Wochen lang Tag und Nacht improvisierten und Besuch erhielten von Marines, die ihnen erzählten, wie die Schlacht bei Mogadiscio wirklich war – das kommt heute zu Tillmans Bedauern nicht mehr vor.

«Für die Distanz von Zollikon nach Wollishofen braucht man in Los Angeles drei Stunden.»Martin Tillman

Auch die musikalischen Ideale sind andere geworden, «heute geht alles in Richtung Sounddesign». Da zählen Spezialeffekte oft mehr als die kompositorischen Qualitäten, und die Solisten sind nur noch dazu da, «um ein Gefühl von Livemusik zu geben». Mit Netflix und Co. haben sich die Produktionsbedingungen noch einmal verschärft. So sehr, dass Martin Tillman irgendwann anfing, sich Alternativen zu überlegen.

Das bedeutete auch: Alternativen zu Los Angeles. Nach all den Jahren hatte er genug von der Stadt, zu dreckig kam sie ihm vor, zu «überrumpelnd» und kompliziert, «für die Distanz von hier nach Wollishofen braucht man drei Stunden.»

So ist er nun zurück in Zollikon, bereit für einen Neustart. Zwar übernimmt er immer noch Aufträge aus Hollywood; für «Spider-Man – Far From Home» war er dort, kürzlich auch für die Disney-Neuverfilmung von «Mulan». Aber sein Hauptjob sei nun «Librarian», sagt er: Das ist im Filmmusikgeschäft einer, der Soundtracks auf Vorrat schreibt, die dann in einer darauf spezialisierten Library katalogisiert werden – und vielleicht irgendwann zum perfekten Treffer werden, wenn ein Regisseur «Western, traurig, instrumental» sucht.

Und dann sind da noch sein Solopläne: Im kommenden Mai wird Tillman im Zürcher Theater 11 mit einer grossen Show starten, mit eigener Musik, zwanzig Cellisten, vier Hörnern, zwei Perkussionisten, einer Band und entsprechend opulenter Optik. Eine Gratwanderung zwischen allen möglichen Stilen soll es sein, ein weiterer Schritt auf der Suche nach jener «eigenen Stimme», um die es ihm schon immer ging. Und in gewissem Sinn auch eine Weiterentwicklung seines «Superhuman»-Albums, das er 2015 für seine Frau realisiert hat, die im vergangenen Mai nach langer Krankheit gestorben ist.

Wer hat einen Bogen?

Einen Probelauf hat er schon hinter sich gebracht, in den USA, in einem abgelegenen Weingut irgendwo im Napa Valley. Die Londoner Library, mit der er zusammenarbeitet, hatte 180 Musikproduzenten aus aller Welt eingeladen, «und ich öffnete ein paar Stunden vor dem Auftritt meinen Cellokasten – und der Bogen fehlte.» Der Rest war dann filmreif: Tillman bot 500 Dollar für einen Bogen, irgendeiner im Publikum fand über mehrere Ecken jemanden, der einen hatte und aus 150 Meilen Entfernung gerade noch rechtzeitig angerast kam.

Müsste sich Martin Tillman eine Musik für diese Szene ausdenken, würde sein Elektrocello wahrscheinlich zunächst dramatisch aufheulen. Und dann in vielfach gelooptes Gekicher ausbrechen.

Martin Tillmans «Superhuman»-Show findet am 8. und 9. Mai 2020 im Zürcher Theater 11 statt; Tickets gibts ab Januar.

Erstellt: 13.11.2019, 14:44 Uhr

Es begann mit «The Fan»

Über hundert Soundtracks hat Martin Tillman als Cellist und Komponist mitgeprägt. Um nur ein paar Titel zu nennen: «The Fan» (mit Robert de Niro); «Mission Impossible II»; «Shrek»; «Black Hawk Down»; «Da Vinci Code»; «Pirates of the Caribbean 1–5»; «Transformers 1–3»; «Despicable Me»; «Iron Man»; «Batman – The Dark Knight»; «Sex and the City 2»; «Rush»; «Schellenursli»; «Spider-Man: Homecoming»; «Spider-Man: Far From Home». (red)

Das minutenlange Cellosolo in «The Dark Knight» trägt einiges dazu bei, dass Heath Ledgers Joker in diesem Batman-Film so unheimlich wirkt. Video: Youtube

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