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Corona-Krise in BrasilienJair Bolsonaros Macht bröckelt

Mitten in der Pandemie will Brasiliens Präsident den beliebten Gesundheitsminister entlassen. Am Ende darf Luiz Henrique Mandetta bleiben – vorerst.

Unterschiedliche Ansichten in der Corona-Krise: Jair Bolsonaro und Luiz Henrique Mandetta.
Unterschiedliche Ansichten in der Corona-Krise: Jair Bolsonaro und Luiz Henrique Mandetta.
Foto: Keystone

Wäre die brasilianische Regierung ein Patient, müsste man ihren Zustand als zunächst wieder stabil, aber immer noch kritisch beschreiben. Am Montag hatten mehrere grosse brasilianische Zeitungen gemeldet, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro wolle seinen Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta entlassen. Die Aufregung war daraufhin gross, schliesslich ist Mandetta in Bolsonaros Kabinett seit dem Ausbruch des Coronavirus so etwas wie die Stimme der Vernunft.

Am Ende erklärte Mandetta selbst dann seinen Verbleib im Amt. Seitdem fragen sich viele Brasilianer, wer denn nun eigentlich die Macht hat angesichts einer immer schnelleren Ausbreitung des Coronavirus und der Katastrophe, die damit dem lateinamerikanischen Riesen droht.

Brasilien war das erste Land der Region, in dem bei Patienten Infektionen mit Covid-19 registriert wurden. Mandetta sprach sich schon früh für Isolationsmassnahmen aus, wie sie von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen werden. Diese Ratschläge kollidierten aber immer heftiger mit den Ansichten des Präsidenten selbst. Bolsonaro hat das Coronavirus lange als kleine Grippe verharmlost. Der Präsident will so schnell wie möglich zurück zur Normalität. Die Wirtschaft soll keinen Schaden nehmen – egal um welchen Preis. «Sterben», so Bolsonaro, «müssen wir alle irgendwann einmal.»

Populärer Gesundheitsminister

Offiziell wurden mittlerweile mehr als 12’000 Infektionen mit der Lungenkrankheit registriert, mindestens 550 Menschen starben. Schon jetzt werden in einigen Bundesstaaten die Betten in den Intensivstationen knapp. Dabei steht der grosse Ausbruch dem Land wohl erst noch bevor. Längst gibt es erste Fälle in den Favelas von Rio de Janeiro und São Paulo: Hier leben Millionen Menschen, oft ohne fliessendes Wasser, dicht an dicht – eine ideale Brutstätte für das Virus. Die Angst nimmt zu in Brasilien. Seit Wochen schlagen Menschen jeden Abend auf Balkonen und offenen Fenstern auf Töpfe und Pfannen und rufen: «Bolsonaro raus.» Nur noch ein Drittel der Bevölkerung glaubt, dass der Präsident in der Krise einen guten Job macht.

Gleichzeitig wird ein Mann immer beliebter: Luiz Henrique Mandetta. Wenn der Gesundheitsminister die neuesten Statistiken zu Neuinfektionen vorlas, strahlten die Fernsehsender dessen Medienkonferenz im ganzen Land aus. Mittlerweile ist damit aber Schluss. Bolsonaro hat die Veranstaltung in den Regierungspalast verlegt. Niemand solle vergessen, wer in Brasilien der Präsident sei, sagte Bolsonaro. Mandetta fehle es an Demut. Am Wochenende drohte Bolsonaro, die «Stars» in seinem Kabinett zurechtzustutzen.

Militär stoppt Bolsonaro

Hinter der Frage, ob und wie lange Mandetta noch im Amt bleiben darf, steckt aber mehr als nur die gekränkte Eitelkeit eines Populisten. In der brasilianischen Regierung tobt seit längerem ein erbitterter Kampf: Auf der einen Seite ist der gemässigte Flügel, zu dem Mandetta, aber auch der Justiz- und der Wirtschaftsminister gehören. Auf der anderen Seite stehen die rechten Hardliner, mit Bolsonaro an der Spitze, gefolgt von seinen Söhnen und engen Mitarbeitern. Sein Unterstützerkreis aber bröckelt.

Dass Bolsonaro nun im Fall Mandetta zurückgerudert ist, dürfte daran liegen, dass sich am Ende das Militär eingeschaltet hat. Die Generäle füllen mehrere wichtige Posten in der Regierung aus, sogar der Vizepräsident kommt aus dem Heer. Sollte es in Brasilien zu katastrophalen Szenen kommen, würde dies auch das Image des Militärs beschädigen. Viele dort sind bemüht, alles gegen einen grossen Seuchenausbruch zu unternehmen. Mandetta scheint der Mann zu sein, der dies am ehesten verhindern kann. Darum bleibt der Gesundheitsminister – bis auf weiteres – im Amt.