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Kolumne TribüneKirchen, bleibt bei eurem Jesus!

«Landbote»-Kolumnistin Monika Schmid macht sich Gedanken darüber, wie politisch Jesus ist.

«Ihr aber, für wen haltet ihr mich?», fragt Jesus seine Freunde. Sie sind etwas überrumpelt. Einer, Petrus, gibt ein druckreifes Glaubensbekenntnis ab: «Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!» Noch heute würden viele Christen und Christinnen so antworten. Jesus, Sohn Gottes. Nur, was heisst das? Kann ich damit etwas anfangen?

«Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus aus Nazareth.» So beginnt der im August erschienene, fast sechshundert Seiten starke Roman «Das Buch Ana». Ich habe es verschlungen. Gegen Ende des Buches habe ich geweint. Ein Buch, das uns Jesus aus einer anderen Perspektive näherbringt, aus der Perspektive seiner Frau. Alles Fiktion, schreibt die Autorin, die dennoch gründlich recherchiert hat. Fiktion und doch so wahr, so lebendig. Blasphemie werden fromme Kreise sagen und das Buch verdammen, ohne es gelesen zu haben. Mir ist Jesus in diesem Buch ganz neu «geschenkt» worden.

Jesus hatte EINE grosse Sehnsucht: Das Reich Gottes verwirklichen. Beten wir nicht in jedem Gottesdienst: «Dein Reich komme!» Dieses Reich steht im puren Gegensatz zu dem, was Jesus im römisch besetzten Palästina vorfand. Die religiösen Führer kollaborierten mit den römischen Besatzern und zogen das göttliche Gesetz in den Dreck.

«Wenn das nicht politisch ist?»

Monika Schmid, Theologin und Gemeindeleiterin

«Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden zu bringen?», fragt Jesus. «Nein, ich sage euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.» Reich Gottes ist die Entscheidung zur göttlichen Gerechtigkeit und nicht: Wir sind ja alle so nett. Das ist eine Herausforderung, damals wie heute. Jesus steht auf der Seite der Benachteiligten, nicht auf der Seite der Elite. Immer wieder setzt er sich über Gesetzesgläubigkeit, die den Menschen kleinmacht, hinweg. Die Schlinge zieht sich zu. Als politischer Aufwiegler wird er hingerichtet.

«Ihr aber, für wen haltet ihr mich?»

Erbauende Predigten werden von Pfarrerinnen und Pfarrern erwartet. Predigten, die das Herz erwärmen und die Seele trösten. Was mischen die mit in politischen Fragen? So oder ähnlich klingt es immer wieder und ganz aktuell. Kirchen, bleibt bei eurem Jesus.

Ja, das machen wir, wir bleiben bei unserem Jesus und seiner Sehnsucht vom Reich Gottes. Schon vor seiner Geburt hat seine Mutter diese Sehnsucht zum Klingen gebracht: «Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.» Wenn das nicht politisch ist?

Monika Schmid ist Theologin und Gemeindeleiterin Katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten.