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Filmkritik «Moskau Einfach!»Kleider machen Spitzel

Micha Lewinskys Ende der 1980er-Jahre spielende Spitzelkomödie «Moskau Einfach!» erhält in Anbetracht der Lockerheit, mit der man derzeit Social Tracking diskutiert, eine unverhofft aktuelle Note.

Geheimagent Viktor Schuler (Philippe Graber) und Polizeichef Marogg (Mike Müller) besprechen sich in einer Unterführung.
Geheimagent Viktor Schuler (Philippe Graber) und Polizeichef Marogg (Mike Müller) besprechen sich in einer Unterführung.
Foto: Vinca Film

Beobachten und festhalten, wer sich wann wo mit wem trifft, welche Informationen Menschen austauschen und welche Haltungen sie vertreten: Das war in der Schweiz bis vor nicht allzu langer Zeit ein Tabu, das zu brechen drastische Massnahmen nach sich zog. Entsprechend gross war, als im Herbst 1989 – also zur Zeit, in der die Berliner Mauer fiel und die im Kalten Krieg zementierte Weltordnung ins Wanken geriet – aufflog, dass die Schweiz ihre Bürger seit Jahren überwachte und ausgehend von über 900‘000 Fichen rund 700‘000 Personen als suspekt einstufte.

Moritz Leuenberger war damals der Mann der Stunde. Der Moment, in dem er im Nationalrat den PUK-Bericht vorlegte, findet sich in «Moskau Einfach!» als historisches Dokument. Der Rest von Micha Lewinskys Komödie ist, obwohl basierend auf tatsächlichen Ereignissen und Biografien zum Teil real existierender Personen, frei erfunden: eine Komödie, in deren Zentrum ein biederer Zürcher Polizist namens Viktor Schuler steht.

Intendant im Visier

Schuler ist ein eifriger Beamter und einer der willigsten Untergebenen von Polizeichef Marogg. Man könne auf die Schnelle unmöglich mit einem Insider arbeiten, lässt dieser verlauten, als es darum geht, den neuen Intendanten des Zürcher Schauspielhauses unter die Lupe zu nehmen. Aber, fügt er an, es spräche nichts dagegen, dass Schuler seine längst fälligen Ferien beziehe. Auch würde man ihm nicht dreinreden, wenn er in seiner Freizeit Theaterluft schnuppern möchte.

Nicht ganz so laut sagt Marogg, dass die Polizei aus so erschlossener direkter Quelle zu hoffentlich heissen Informationen käme, die eventuell karriereförderlich wären. Er unterstützt Schuler in der Folge mit Rat, Jeans und Lederjacke bei seiner Verwandlung in den linksbewegten AKW-Gegner und Ex-Matrosen Walo Hubacher. Der heuert an Zürichs Schauspielhaus an und ergattert eine Statistenrolle in William Shakespeares «Was ihr wollt». Und bis er sich in die freigeistige Schauspielerin Odile Lehmann verguckt, erscheint ihm jeder, vor allem Regisseur Carl Heymann (Michael Maertens), suspekt.

Figuren leicht überzeichnet

Um Trug und Lug geht es in besagtem Shakespeare-Stück. Just darum geht es auch in Lewinskys Film, der das Spiel um mehrfache Rollen, Meinungen und Identitäten wechselnde Figuren lustvoll auf die Spitze treibt. Obwohl der Fichenskandal für einige tragische Folgen hatte – in den Film eingebracht wird dies in der Figur eines Lehrers, der keine Stelle findet –, ist der Tonfall von Lewinskys Film heiter. Die Dialoge aus der Feder von Lewinsky und Plinio Bachmann sind pointiert, die Situationen oft komisch, die Inszenierung ist lebendig. Die Figuren sind, wenngleich überzeichnet, durchaus liebenswürdig.

Philippe Graber, den man hier in einer verwandten Rolle des Kleider wechselnden Lehrers aus «Der Flitzer» sieht, spielt sensationell. Mike Müller als Marogg ist souverän. Miriam Stein, die in einer der frechsten und schönsten Szenen von «Moskau Einfach!» unverbrämt inbrünstig wie dereinst Anne-Marie Blanc den Titelsong aus «Gilberte de Courgenay» singt, hat den Schweizer Filmpreis als beste Hauptdarstellerin für ihren Auftritt mehr als verdient. Auch wenn die Anlehnung an «Die Schweizermacher» nicht zu übersehen ist und manches etwas zu harmlos wirkt, ist «Moskau Einfach!» eine grossartige, beschwingte und amüsante Schweizer Polit-Komödie. Und ja, Anstoss, darüber nachzudenken, ob es statthaft ist, Menschen zu überwachen, gibt dieser Film auch.

«Moskau Einfach!», ab dem 22.4.20 im Sofakino des Cameo.