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Corona-Krise in der Kulturbranche Konzertveranstalter wollen Hallen für 2000 Besucher komplett füllen

Trotz Aufhebung der 1000er-Marke sind Gross-Events weiterhin kaum planbar – von den Kantonen fehlen die Vorgaben für Schutzkonzepte. Die Branche fühlt sich im Stich gelassen und stellt nun klare Forderungen.

Damals konnte man den Letzigrund noch füllen: Thomas Dürr ist mit seiner Act Entertainment der grösste Konzertveranstalter der Schweiz.
Damals konnte man den Letzigrund noch füllen: Thomas Dürr ist mit seiner Act Entertainment der grösste Konzertveranstalter der Schweiz.
Foto: Tobias Sutter

Für Organisatoren von Grossveranstaltungen war der 13. August ein Freudentag: Der Bundesrat entschied, die Höchstgrenze von 1000 Besuchern per 1. Oktober aufzuheben. Endlich hatten Sportclubs und Konzertveranstalter wieder eine Perspektive.

Während im Fussball und Eishockey die Vereine dank klaren Eckwerten des Bundes mit der Saison-Planung beginnen konnten, ist bei Kulturveranstaltern Ernüchterung eingekehrt. Noch immer haben sie keine Ahnung, in welcher Form grössere Konzerte wieder möglich sein werden. «Die Kantone sind für die Bewilligungen verantwortlich, aber keiner kann uns bis heute Vorgaben für ein Schutzkonzept vorlegen», sagt Thomas Dürr, der als Geschäftsführer von Act Entertainment schon Superstars wie Lady Gaga, R.E.M oder Montserrat Caballé in die Schweiz geholt hat. Zum Teil würden sie von einem Amt zum nächsten verwiesen, niemand fühle sich verantwortlich.

Sie wissen nicht einmal, wie viele Leute sie reinlassen dürfen

Die ohnehin leidgeprüfte Branche ist wegen der Unsicherheit weitgehend blockiert. Dürr nennt als Beispiel das geplante Gastspiel der deutschen Komikerin Carolin Kebekus in Basel, Bern und Zürich von Ende Oktober. «Wir wissen noch nicht einmal, wie hoch die Auslastung der Säle sein darf. Zwei Drittel wie im Fussball und Eishockey? Oder dürfen wir ganz füllen?»

Die Unklarheiten erschweren nicht nur den Ticketverkauf, sondern auch die übrige Vorbereitung. Je nach Corona-Massnahmen muss zusätzliches Personal aufgeboten werden. Womöglich ist auch die Gastronomie betroffen. «Normalerweise dauert die Planung für eine grössere Veranstaltung ein Jahr, zum Kebekus-Gastspiel bleiben uns nun aber nur noch sechs Wochen», sagt Dürr.

Er klingt wenig hoffnungsvoll. «Wir setzen alles daran, bald wieder gute Unterhaltung bieten zu können.» Dies sei aber ohne klare und zuverlässige Regeln kaum möglich. «Die Unsicherheit nimmt uns die Luft zum Atmen.»

Keine Einschränkungen für Säle bis 2000 Leute gefordert

Sollten einige Kantone eine Kapazitätsreduktion beschliessen, wäre dies für die Branche sehr schmerzhaft. «Die Hallen in der Schweiz sind ohnehin schon kleiner als jene im Ausland.» Für Dürr ist deshalb klar: «Gemeinsam mit den wichtigsten Hallen- und Sportverbänden fordern wir Veranstalter eine 100-Prozent-Auslastung bis zu einer Kapazität von 2000 Sitzplätzen.» Säle mit grösserem Fassungsvermögen sollen zu zwei Dritteln gefüllt werden dürfen, so der Vorschlag der Branche. Mit einer Maskenpflicht und dem Tracing durch nummerierte Sitzplätze sei man einverstanden.

«Bei Grossanlässen reden wir von Kosten zwischen 100’000 und mehreren Millionen Franken, die bei einer Absage verloren gehen.»

Stefan Breitenmoser, Verband der Konzert-, Show- und Festivalveranstalter SMPA

Stefan Breitenmoser vom Verband der Konzert-, Show- und Festivalveranstalter SMPA sieht eine weitere Unsicherheit: «Die Kantone können bereits erteilte Veranstaltungsbewilligungen jederzeit widerrufen, je nach Entwicklung der Corona-Situation.» Kein nicht subventioniertes Unternehmen könne unter diesen Umständen das Risiko noch tragen. «Bei Grossanlässen reden wir von Kosten zwischen 100’000 und mehreren Millionen Franken, die bei einer Absage verloren gehen.»

Entsprechend werden zurzeit kaum mehr neue Veranstaltungen aufgegleist. Jene aber, die noch vor der Krise festgelegt worden sind, versucht man möglichst noch durchzuziehen oder dafür Ersatzdaten zu finden. Doch auch das ist schwierig, gerade bei Tourneen durch verschiedene Kantone, wo überall unterschiedliche Regelungen möglich sind. «Wenn zum Beispiel das Gastspiel von Carolin Kebekus in Bern ausfällt, rechnen sich für uns auch die Vorstellungen in Basel und Zürich nicht mehr», sagt Thomas Dürr.

Panikmache vertreibe Publikum

Der Umsatz der Branche ist laut SMPA seit der Corona-Krise um 80 bis 100 Prozent gesunken. Trotzdem musste bisher noch kein Mitglied Konkurs anmelden. Dies liegt auch an den schlanken Strukturen. Act Entertainment zum Beispiel organisiert über 300 Veranstaltungen im Jahr, beschäftigte aber nur 15 Mitarbeiter. «Wir sind alle in Kurzarbeit, ich auch», sagt Geschäftsführer Thomas Dürr.

Die Krise betrifft nicht nur die Veranstalter, sondern unzählige Dienstleister, Bühnentechniker und Gastronomen, die in der Branche tätig sind. Je nach Anlass können das über tausend Leute sein, denen an einem Abend die Arbeit wegfällt.

Die SMPA beklagt nicht nur die unklaren Verordnungsbestimmungen, sondern auch die alarmistische Informationspolitik während der Corona-Krise. Diese halte die potenzielle Kundschaft vom Ticketkauf ab: «Das Vertrauen des Publikums wurde durch die einseitige Kommunikation nachhaltig erschüttert», schreibt der Verband. «Es braucht endlich eine objektivere und aussagekräftigere Kommunikation von Bundesamt für Gesundheit und Medien.»

62 Kommentare
    Martin S

    Wer nach dem März Investitionen in (ungeeignete) Massenveranstaltungen für den Herbst oder Winter gemacht hat hätte auch im Casino auf eine Farbe setzen können.

    So ein Verhalten sollte nicht entschädigt werden.

    Einen Wunderimpfstoff wird es höchstwahrscheinlich auch nächstes Jahr nicht geben.

    Ich verstehe auch die Anliegen in Relation zum Ausland nicht. Soll die Schweiz mit seiner hohen und in 2-3 Monaten sehr hohen Infektionsrate als einziges Land in Europa noch offene Clubs und Grossveranstaltungen haben?

    Ein weiterer Lockdown oder eine Ausgangssperre sollte mit allen Mitteln verhindert werden. Mit minimalen Massnahmen ist das jetzt noch möglich.