Gelegentliche Blowjobs und Fatshaming

Vor 20 Jahren startete «Sex and the City». Wie ist die Serie gealtert? Ein Aktualitäts-Check.

Von links: Standford, Carrie, Charlotte, Samantha und Miranda. «Sex and the City» ging ab 1998 bei HBO auf Sendung.

Von links: Standford, Carrie, Charlotte, Samantha und Miranda. «Sex and the City» ging ab 1998 bei HBO auf Sendung. Bild: Hulton/Getty Images

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Die 90er-Jahre mit ihrem Versprechen einer libidinösen Befreiung der Popkultur gingen gerade zu Ende, als «Sex and the City» zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. In vielerlei Hinsicht progressiv, sah sich die HBO-Sitcom immer an der Front des Zeitgeists. Die Serie über vier Single-Freundinnen in New York thematisierte alles, was in den 90ern populär wurde und heute Mainstream ist: Brazilian-Bikini-Waxing, Viagra, Gay Culture, Cougars und ihre Toyboys, Schönheitschirurgie.

Insbesondere aber porträtierte sie Frauen, die eine eigene Karriere hatten, ihr eigenes Geld verdienten, ausgingen und Sex hatten, mit wem sie wollten. Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte waren die Identifikationsfiguren einer ganzen Generation. Als die Serie nach sechs Staffeln zu Ende ging, leistete man Trauerarbeit und verabschiedete sich endgültig von den vier Freundinnen, nachdem zwei grottenschlechte Spielfilme die letzte Hoffnung zerstört hatten, dass es irgendwie weitergehen könnte.

Manches, was damals Avantgarde war, wirkt heute angestaubt.

Über 20 Jahre ist es her, seit die vier Freundinnen erstmals über den Bildschirm stöckelten und damit die goldene Epoche des Serienwesens einläuteten, vor 15 Jahren wurde die letzte Episode ausgestrahlt. Und wie immer, wenn man etwas so sehr liebte, stellt sich die bange Frage: Ist es immer noch gut? Kann man «Sex and the City» heute mit der gleichen Begeisterung anschauen wie damals?

Man kann. Auch aus heutiger Perspektive ist die Serie hervorragend geschrieben, die Datingprobleme sind dieselben geblieben, das Identifikationspotenzial der Figuren hoch. Allerdings fällt aus der Distanz auch auf, dass der Zeitgeist unsere vier progressiven Damen links überholt hat. Manches von dem, was damals Avantgarde war, wirkt heute angestaubt. 12 Beispiele für Szenen, Figuren und Dialoge, die heute den Zorn von Aktivisten auf sich ziehen würden:

Gay Culture

Die schwulen «best buddys» von Carrie und Charlotte sind klassische Diven, hassen sich, haben einen ausgeprägten Sinn für Stil, zelebrieren also ein Klischee von Schwulsein, das heute sicher den Zorn der Homosexuellen-Community auf sich ziehen würde. Kommt dazu, dass in der Serie keine «normalen» Schwulen mitwirken, also solche, denen man die sexuelle Orientierung nicht auf den ersten Blick ansieht.


Sex

Obschon das titelgebende Interesse der vier Protagonistinnen, ist es damit nicht wahnsinnig weit her. Ja, die vier üben den Beischlaf aus, doch besonders abenteuerlich sind sie dabei mit Ausnahme von Samantha nicht. Bevorzugt wird die Missionarsstellung, gelegentlich werden Blowjobs gegeben und genommen, sonst scheinen die Ladys sexuell eher konservativ. Nur Samantha, welche die sexuelle Libertinage verkörpert, ist für fast jedes sexuelle Abenteuer zu haben, geht auch mal eine lesbische Beziehung ein und verteidigt beim Brunch auch ausgefallenere Sexpraktiken.

Shaming

Carrie ist eine Sexkolumnistin mit Schmackes. Als solche urteilt sie natürlich über andere Leute. Nicht immer freundlich, schliesslich gehen Witze immer auf Kosten von jemandem. Kurz geht sie zum Beispiel mit einem Politiker aus, der ihr irgendwann gesteht, er stehe auf Sexspiele mit Urin. Das findet sie nicht nur ganz schlimm, sie verarbeitet es auch öffentlichkeitswirksam in einer Kolumne – was heute ein ziemlicher Skandal wäre.

Apropos Donald Trump

Er hat einen Gastauftritt in der zweiten Staffel. Heute würde er es vermutlich vermeiden, sich in diesem Umfeld zu zeigen.

Materialismus

Die Ladys leben im Moment, werfen ihr Geld für Schuhe zum Fenster raus, sind materialistisch, unpolitisch und lustorientiert – was heute total aus der Mode gekommen ist.

Body Image

Als Samantha mit einem klitzekleinen Bäuchlein aus Los Angeles zurückkehrt, wird sie von ihren Freundinnen und schwulen Begleitern sofort darauf angesprochen, warum sie Fett angesetzt habe. Heute würde ein solches Fatshaming – ohne dass nennenswert viel Fett involviert ist – umgehend Diskussionen auslösen.

Zigaretten

Hauptfigur Carrie raucht, und zwar mit Lust. Anfangs ist das noch ganz unproblematisch, ab der zweiten Staffel versucht sie aufzuhören, zündet aber bei jedem Stress eine neue Zigarette an. Das würde der Präventionsfraktion nicht in den Kram passen.

Transgender und Gentrifizierung

Als Samantha ins heute äusserst hippe, damals aber gerade erst entdeckte Meatpacking-Viertel in Manhattan zieht (Achtung, Gentrifizierung!), wird sie jede Nacht vom Geschnatter der sich prostituierenden Transsexuellen gestört. Als sie ihren Freunden davon berichtet, sagt sie es so: «I work hard to live in a neighbourhood that is trendy at day and tranny at night.» Die Bezeichnung «tranny» für Transmenschen gilt heute als herabwürdigend, wäre also ein grosses Pfui.

Ethnozentrismus

Obschon die Serie in einem ausgesprochen LGBTQ-freundlichen Milieu spielt und sich betont weltoffen zeigt, sind die Bemühungen um Vielfalt, an heutigen Massstäben gemessen, eher dürftig. Manche Aktivisten bezeichnen die Serie als «weisseste Serie ever», denn obschon ab und zu eine Afroamerikanerin oder ein Afroamerikaner vorkommt, sind die Hauptfiguren alle weiss.

Kulturelle Aneignung

Als Samantha nach ihrer Chemotherapie die Haare verliert, experimentiert sie mit verschiedenen Perücken, unter anderem einer mit Afro-Frisur. Das würde heute umgehend in den sozialen Medien gebrandmarkt.

Liebe

Zwar wird das Single-Thema zelebriert, letztlich sind aber alle ganz scharf darauf, ihren Prinz Charming zu finden und haben kaum ein anderes Thema als Männer. Selbst die ausschweifende Samantha ergibt sich schliesslich der Liebe zu ihrem «Smith».

Ästhetische Chirurgie

Als PR-Profi managt Samantha Carries Buchvernissage. Am Vortag geht sie zum Beauty-Doc, um sich noch schnell eine Ladung Botox verpassen zu lassen. Der Arzt überredet sie schliesslich zu einem Chemical Peeling, sodass sie am Abend der grossen Buchvernissage mit einem Gesicht auftaucht, das aussieht wie ein rohes Steak. Heute weiss jeder, dass sich die Wirkung von Botox erst nach ein paar Tagen entfaltet. Und jeder Arzt orientiert umfassend über die zu erwartenden Auswirkungen der verlangten Eingriffe. Lustig ist auch, dass sich Samantha angeblich immer mal wieder mit Botox verjüngt, obschon das Gesicht der Schauspielerin Kim Catrall offensichtlich von den Injektionen unberührt ist.

Erstellt: 09.09.2019, 19:40 Uhr

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