Und ewig singen die Toten

Bald geht Whitney Houston als Hologramm auf Tournee, die tote Maria Callas ist schon unterwegs. Was soll das? Antworten gibt es im Zürcher Opernhaus.

Seit rund einem Jahr ist die 1977 verstorbene  Maria Callas wieder auf Tournee – als Hologramm mit Live-Orchester. Foto: Base Hologram

Seit rund einem Jahr ist die 1977 verstorbene Maria Callas wieder auf Tournee – als Hologramm mit Live-Orchester. Foto: Base Hologram

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337 Jahre alt ist die Sängerin Emilia Marty, und trotzdem immer noch jung, schön, umschwärmt. Ein Elixier macht es möglich, und natürlich auch die Tatsache, dass Marty eine Opernfigur ist. Ihr gehört die Hauptrolle in Leoš Janáceks Oper «Die Sache Makropulos», die 1926 uraufgeführt wurde – und seither, genau wie ihre Protagonistin, bemerkenswert jung und aktuell geblieben ist.

Oder besser: immer aktueller wird. Denn die Suche nach dem Wundermittel, mit dem Sängerinnen, Schauspieler und Popstars unsterblich würden, wird derzeit heftiger betrieben denn je. Nicht, dass noch irgendjemand an ein Elixier glauben würde. Aber die digitale Technologie scheint vielversprechend.

Erste Resultate hat sie 2012 geliefert, als der 1996 in Las Vegas erschossene Rapper Tupac beim kalifornischen Coachella-Festival auf die Bühne trat. Als Hologramm zwar nur, aber dennoch live, irgendwie. «What the fuck is up, Coachella», rief er ins Publikum und begann dann zu rappen, sekundiert von seinem (lebendigen) Kollegen Snoop Dogg.

Tupac war längst tot, als er beim kalifornischen Coachella-Festival auftrat. Video: Youtube

«What the fuck is up» – die Frage stellt sich wirklich. Was soll ein solcher Auftritt? Die Antwort liegt nahe: Geld bringen, natürlich. Hat man einen toten Star mal digital erfasst, lassen sich seine Auftritte problemlos und billig vervielfachen. Wo immer sich ein genügend grosser Beamer findet, gibts ein Konzert. Man kann auch gleichzeitig eines in Shanghai und Adliswil planen. Flugkosten, Jetlag, logistischer Aufwand, Starallüren: Alles, was den Betrieb mit lebendigen Künstlern so kompliziert macht, fällt weg.

Kein Wunder, träumt die Musikindustrie von einer schönen neuen Zukunft. Einer Zukunft, in der Maria Callas auf ewig die Norma singen wird, in der Amy Winehouse begleitet von einer Liveband zuverlässig nüchterne Auftritte absolviert und die Beatles ihre Reunion feiern. Eben hat die amerikanische Firma Base Hologram eine Welttournee der 2012 verstorbenen Whitney Houston angekündigt: 27 Termine sind gebucht, am 19. März 2020 macht die Show in der Zürcher Samsung Hall Station.

Im Film «Rogue One» war Carrie Fisher plötzlich wieder 19 Jahre alt – dank digitaler Tricks.

Auch die Filmindustrie frohlockt. Massenszenen werden deutlich billiger und logistisch einfacher, wenn man statt lebendigen Statisten digitale aufbietet. Und bei den Protagonisten sind längst ganz unterschiedliche lebensverlängernde Massnahmen üblich: Wenn etwa die 2016 verstorbene Carrie Fisher demnächst im letzten Teil der «Star Wars»-Saga erneut als Prinzessin Leia auftreten wird, ist dies das Resultat einer komplizierten Puzzelei um bisher nicht verwendete Aufnahmen herum. Im Spin-off «Rogue One» dagegen sah sie wieder aus wie einst als 19-Jährige, weil man ihre Gesichtszüge mit den Aktionen einer tatsächlich jungen Schauspielerin koppelte.

Und die Entmaterialisierung geht weiter: Die amerikanische Firma Digital Domain, die schon Tupac auferstehen liess, hat sich inzwischen erfolgreich darauf spezialisiert, Schauspieler zu scannen. Dabei werden mit Hunderten von LED-Lichtern Gestik, Mimik und Bewegungsabläufe gespeichert, aus verschiedensten Perspektiven, bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen und Wetterlagen. Einer posthumen Karriere steht da nichts mehr im Weg.

Oder vielleicht doch? Ein paar Fragen stellen sich durchaus zu diesem Geschäft, es sind altmodische: nach Ethik, Recht und dem Wesen der Kunst.

1. Ethische Einwände

Niemand hat die Schauspielerin Audrey Hepburn gefragt, ob sie 22 Jahre nach ihrem Tod Werbung machen wolle für die Schokolademarke Galaxy. Sie tat es dennoch, künstlicher Intelligenz und dem Einverständnis ihrer Söhne sei Dank, mit vollendeter Grazie und in schönster Retro-Ausstattung. Manche fanden das makaber, viele bezaubernd.

Makaber oder bezaubernd? Audrey Hepburn warb 22 Jahre nach ihrem Tod für Galaxy-Schokolade.

Auch wenn sich die Macher des Werbevideos sehr viel Mühe gegeben haben – sie haben dennoch eine Grenze überschritten. Denn eine Schokoladewerbung mag eine harmlose Angelegenheit sein; aber mit derselben Logik und Leichtigkeit könnte man Audrey Hepburn für politische Propaganda «engagieren» oder in einem Porno mitspielen lassen. Immer noch «bezaubernd»? Eher nicht.

2. Rechtliche Einwände

Wer bestimmt, ob ein toter Musiker als Hologramm auftritt oder nicht? Und wer kassiert? Sicher ist, dass Erben, Agenten und Produktionsfirmen handfeste Interessen haben an der Verlängerung einer erfolgreichen Karriere. Sicher ist auch, dass die bisherigen Gesetze zum Urheberrecht nicht ausreichen, um die neuen Möglichkeiten abzudecken.

Nun kann man natürlich Gesetze schaffen, die das künstlerische Weiterwirken nach dem Tod regeln. Oder ein Testament schreiben: Der Schauspieler Robin Williams etwa, der sich 2014 das Leben nahm, hat die Verwendung eines Hologramms für 25 Jahre nach seinem Tod verboten.

Aber was ist mit all jenen, die starben, als die heutigen technischen Möglichkeiten noch kein Thema waren? Klar, Maria Callas hat Tonaufnahmen gemacht, die ja auch bereits Konserven für die Ewigkeit waren. Aber hätte sie wirklich gewollt, dass man sie als Hologramm auf Welttournee schickt, begleitet von Orchestern, mit denen sie nie zusammengearbeitet hat? Niemand kann es wissen. Daraus das Recht abzuleiten, ein solches Projekt zu realisieren, ist zumindest kühn.

3. Künstlerische Einwände

Wirklich grosse Sängerinnen und Schauspieler sind eine Herausforderung für ihre Umgebung. Nein, nicht wegen der Allüren. Sondern weil sie kreativ sind, aus dem Moment heraus entscheiden, Dinge ausprobieren, sich nicht auf die Routine verlassen. Es sind die Mittelmässigen, die ihre Tosca immer gleich perfekt singen; die Guten reagieren aufs Orchester, auf ihre Mitsänger, aufs Publikum.

Hologramme reagieren nicht. Ihre Kunst war mal lebendig, jetzt ist sie tot, da können sich die Techniker noch so viel Mühe geben. Wenn Maria Callas sich während einer Arie zum Dirigenten wendet, den sie nicht sieht, dann ist das nicht nur gespenstisch, sondern auch zutiefst unkünstlerisch.

Die lebendige Maria Callas war überraschend. Als Hologramm singt sie immer gleich. Video: Youtube

Man kann es nachlesen in Walter Benjamins Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» aus dem Jahr 1936. Damals war noch keine Rede von Hologrammen und digitalen Scans, es ging um Formen der Reproduktion, die heute niemand mehr problematisch findet. Um Fotos also, oder um Filme. Aber schon sie raubten dem Kunstwerk das, was Benjamin als «Aura» bezeichnete: Das Hier und Jetzt, die Einzigartigkeit, den Traditionszusammenhang.

4. Noch mehr künstlerische Einwände

Und noch mehr geht verloren: Das Recht auf Entwicklung nämlich. Hier erhalten nun jene, die von der digitalen Entwicklung profitieren, Unterstützung von einer weiteren Gruppe: von den Fans.

Fans mögen keine Veränderung. Man erinnert sich an ihre Wut, als Bob Dylan erstmals zur elektrischen Gitarre griff. Oder an das Bedauern, als der Dirigent Bernard Haitink es kürzlich wagte, mit 90 Jahren seine Karriere zu beenden.

Wenn es nach den Fans ginge, würden sich ihre Idole schon zu Lebzeiten wie Hologramme benehmen, und manche tun das auch, schliesslich verdanken sie dem treuen Publikum Geld, Bedeutung und volle Säle. Mick Jagger etwa hält sich auch mit 76 Jahren noch beweglich für die Rolling-Stones-Konzerte, der 77-jährige Harrison Ford nimmt Anlauf für den fünften «Indiana Jones». Auch die 73-jährige Cher, die schon lange alles unternimmt, um ihr Alter optisch zu halbieren, geht demnächst wieder auf Tournee. Der Schritt in die digitale Ewigkeit ist da tatsächlich nicht mehr gross.

Gefährlich ist er trotzdem. Weil die Kunst kein Museum sein soll, der Künstler keine Mumie und der Fan kein Tyrann. Man kann ja ruhig endlos alte Platten hören und alte Filme schauen – aber im Wissen, dass sie alt sind und das Neue, Heutige, Lebendige anderswo stattfindet. Denn was für eine Kultur ist das, die Vergangenheit als Gegenwart ausgibt? Und welche Chancen haben die Jungen, wenn neben den Alten nun auch noch die Toten ewig weitersingen und weiterspielen?

Das Zürcher Opernhaus wird ab Sonntag schon mal eine Antwort liefern: Am Ende der «Sache Makropulos» gibt Emilia Marty das Rezept des Elixiers einer jungen Sängerin, die es verbrennt. 337 Jahre sind genug.

Premiere von Janáceks «Die Sache Makropulos» im Zürcher Opernhaus: Sonntag, 22. Oktober, 19 Uhr.

Die Hologramm-Tournee von Whitney Houston startet im Februar 2020; jene von Maria Callas endet am 1. Dezember 2019.

Erstellt: 20.09.2019, 21:23 Uhr

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