Fünf Granaten und stinkender Käse

Vor 50 Jahren feuerte die Schweizer Armee auf Liechtenstein. «Schweizer Imperialismus», fanden Studenten in den USA und protestierten.

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«Wir müssen die Schweizer JETZT stoppen, bevor sie auch uns angreifen», riefen die Protestierenden. Neben ihnen ein Transparent: «Swiss cheese stinks».

New York, 26. Oktober 1968. Eine Gruppe Studierender ist vor dem Schweizerischen Generalkonsulat aufmarschiert. Die jungen Leute protestieren, gegen die «militaristische Politik imperialistischer Aggression» gegen das «freiheitsliebende Volk der ruhmreichen Liechtensteinischen Nation», wie auf ihrem Flugblatt zu lesen ist.

Was ist passiert? Am 14. Oktober 1968 unterlief der Schweizer Armee ein Malheur. Eine Übung stand an. Die Waffen wurden geladen – mit Übungsmunition versteht sich – der vermeintliche Feind ins Auge gefasst, und Schuss! Nur leider in die falsche Richtung. Fünf Artillerie-Übungsgranaten flogen gen Liechtenstein. Granatensplitter gingen auf den Ferienort Malbun hernieder. Verletzt oder gar getötet wurde niemand.

Drei Studenten rufen zum Protest auf

Trotzdem: peinlich. Das wusste auch die «embarrassed Swiss spokesperson», die sich danach offiziell hatte für den Vorfall entschuldigen müssen. Die «New York Post» berichtete darüber, eine Gruppe Studierender las aufmerksam. Und beschloss: Eine Entschuldigung reicht nicht. «Solche heuchlerischen Aussagen reichen nicht aus, um den Schaden, welchen der Nationalstolz der Liechtensteiner genommen hat, zu heilen.» Fred Grozinger, Joseph Wasserman und Pierre Blum riefen zum Protest auf.

Die Parolen und Transparente folgend auf den Zeitungsartikel blieben dem damaligen Generalkonsul Hans Lacher selbstverständlich nicht verborgen, oder wie er den Aufmarsch nannte, die «petite répercussion postérieure». Über diese datierte er den damaligen Schweizer Botschafter, Charles Müller, in einem Schreiben auf. Flugblatt im Anhang.

«Liechtenstein soll zurückschiessen»

Letzteres enthielt nicht nur Zeilen der Empörung über den Angriff auf die Souveränität Liechtensteins, sondern auch Forderungen: «The freedom-loving people of the glorious nation of Liechtenstein must not be subjected to further harassment», also keine weiteren Belästigungen gegen die freiheitsliebenden Menschen der glorreichen Nation Liechtenstein. «We demand that the Swiss government allow Liechtenstein to fire five artillery shells in to Switzerland (if Liechtenstein has five artillery shells to spare)» – Liechtenstein soll fünf Artilleriegranaten auf die Schweiz feuern dürfen, sofern sie fünf übrig hätten.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, rufen die Studierenden zum Boykott auf. Das Flugblatt präzisiert: 1. Boykottiert alle Läden, die Schweizer Käse verkaufen. 2. Besucht nicht Freunde, die Kuckucksuhren besitzen. 3. Hört auf, Schweizer Schokolade zu essen.

Doch der Generalkonsul nahms gelassen und ging davon aus, dass es ihm Botschafter Müller gleichtut – «Vous apprécierez certainement l’humour de cette réaction» («Sie werden den Humor dieser Reaktion sicherlich zu schätzen wissen»).

Dezente Überwachung

Um ganz sicher zu gehen, dass nicht doch mehr hinter dem Protest gegen den Schweizer Imperialismus steckte, liess Müller die Studierenden – er vermutete ihre akademische Heimat übrigens an der Universität Maryland – sicherheitshalber überwachen. Denn diese wollten am 9. November vor der Botschaft aufmarschieren.

«Angesichts des Ausmasses und der Häufigkeit von Protestbewegungen an den amerikanischen Universitäten kann man nie wissen, wohin solche Manifestationen umschlagen können», schreibt der Botschafter an Bundesbern. Deshalb habe er eine «surveillance discrète» der betreffenden Personen für jenen Samstag veranlasst.

Wie sich herausstellte, waren die Sorgen des Botschafters unbegründet. Der Protest gegen die militärische Aggression der Schweiz kam nicht zustande. Die Studierenden entschieden sich, stattdessen mit liberalen Katholiken für die Pille zu demonstrieren.

50 Jahre später entlockt die ganze Angelegenheit Sacha Zala noch immer ein Lachen. Er leitet die Forschungsstelle «Diplomatische Dokumente Schweiz», kurz Dodis. Dort ist der Briefverkehr über die Causa «Swiss imperialism» abgelegt. Zala sieht in diesem eine Karikatur der Proteste von 68. «Damals haben Studierende gegen so vieles protestiert. Die drei Jungs wollten wohl zeigen, dass irgendwann auch mal genug ist.»

Die Schweiz habe sich gut geeignet für eine solche Parodie, so Zala: «Die Schweiz war seit je besorgt um ihr Image im Ausland.» Oft grundlos. Denn bereits damals hätten Klischees von Bergen, Käse und einem lieblichen Land die Wahrnehmung der Schweiz dominiert. Daraus eine aggressive, imperiale Schweiz zu machen, habe zu dieser Art Posse der Studierenden gepasst. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.10.2018, 19:06 Uhr

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