«Es ist doch okay, Kunst nicht zu verstehen»

Olafur Eliasson ist einer der weltweit gefragtesten Künstler. Jetzt stellt er in Zürich aus. Wir haben ihn in seinem Berliner Studio getroffen.

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Wie definieren Sie gute Kunst?
Kunst ist dann gut, wenn sie jemandem das Gefühl gibt, ihm sei zugehört worden. Wenn man vor einem Werk steht und sagen kann: Ha! Das kenne ich! Das kenne ich ganz genau. Dieses Gefühl, das ich nicht in Worte fassen konnte – jetzt weiss ich, was es ist und wie es aussieht.

Wenn man sich also selbst in einem Werk erkennt?
Ja, weil es etwas materialisiert, das man selbst nicht greifen konnte. Und weil es etwas genau so auf den Punkt bringt, wie man selbst das würde, so man denn könnte. Wenn es ist, als hätte das Werk mich gesehen und nicht umgekehrt – dann ist das gute Kunst.

Welches ist das beste Kunstwerk, das Sie je gesehen haben?
Ich glaube nicht an Pyramidensysteme, bei denen jemand oder etwas an der Spitze steht. Die Idee des Wettbewerbs mag ich nicht. Ich glaube an Sphären, an Kollaboration. Aber, wenn Sie so fragen, gebe ich zu, dass ich Fischli/Weiss ganz toll finde. Sollte ich je ein so guter Künstler werden wie diese beiden, würde mich das freuen.

Wir führen dieses Gespräch Ende Jahr, Sie sind grad im Endspurt für Ihre Ausstellung in Zürich. Hatten Sie überhaupt Zeit, Weihnachtsgeschenke zu kaufen?
Ja! In der Nähe von meinem Berliner Atelier gibts einen kleinen esoterischen Keramiker, der macht so Rudolf-Steiner-artige Sachen, sehr sehr schön. Dort habe ich Tassen gekauft, wunderbar smaragdgrün glasiert – sie sehen aus wie etwas, woraus Hobbits Tee trinken würden.

Gibt es ein Ritual an Weihnachten, das Sie sich nicht nehmen lassen?
Die ganze Familie trifft sich jeweils bei meiner Mutter. Und die tischt als Vorspeise immer gekochtes, geräuchertes Schaffleisch auf, ein altes isländisches Gericht. Ich mag es, meine Kinder finden es eklig, und darum gibts jedes Jahr eine Diskussion. Zählt das als Ritual? Aber generell bin ich nicht so der Festtagstyp. Ausserdem sind meine Kids jetzt Teenager, sprich, die Phase, in der man den ganzen Weihnachts-Klimbim für sie durchzieht, ist vorbei.

Vor wenigen Tagen ging auch Ihre Retrospektive in der Tate Modern zu Ende. Wie war es für Sie, auf Ihr bisheriges Schaffen zurückzublicken?
Ganz toll. Wobei: Retrospektive klingt ja, als würde etwas zu Ende gehen; so gesehen, war es eher eine Mid-Career-Show. Es ist ja paradox: Museen beschäftigen sich mit der Vergangenheit, Künstler aber mit der Gegenwart und der Zukunft. Und so habe ich auch jetzt in der Tate viel darüber nachgedacht, wo das alles hingehen soll ... Aber zu sehen, wie die verschiedenen Werke miteinander in Dialog treten, das war schon enorm inspirierend. Manche der Arbeiten stammen aus den 90ern – und so fühlte es sich für mich an wie ein Treffen mit alten Freunden. Da ist das Spannendste ja jeweils, ob und wie sie sich verändert haben. Wie sie sich in der heutigen Welt zurechtfinden, die ja eine andere ist als die, in der man erstmals auf sie traf.

Mit dem «Weather Project» in der Tate Modern gelang Eliasson 2003 der internationale Durchbruch. Foto: PD

Ihr bekanntestes Werk, das «Weather Project», entstand 2003 für die Turbinenhalle der Tate Modern und war ein Triumph. Warum wollten Sie es für die aktuelle Schau nicht wieder installieren?
Dafür ist die Zeit erst wieder in 20, vielleicht 50 Jahren reif. Ich bekomme immer wieder Anfragen, das «Weather Project» zu zeigen, auch bei privaten Sammlern, aber ich finde, das Werk funktioniert nur an einem öffentlichen Ort, weil es vom Zusammenspiel mit den Betrachtern lebt. Das «Weather Project» war ja mein letztes grosses Werk, das vor dem Aufkommen der sozialen Medien entstand; die Leute haben sich damals, als sie in der Turbine Hall standen oder am Boden lagen, in dem riesigen Spiegel an der Decke betrachtet. Heute würden sie sich durch ihr Telefon hindurch angucken. Das kann funktionieren, aber es wird die Arbeit verändern.

Ärgert es Sie, wenn die Leute Kunst mit dem Smartphone vor der Nase anschauen?
Meist nicht, manchmal schon. (lacht) Man kann ja doch nichts dran ändern, und ich gehöre eigentlich nicht zu der Sorte Mensch, die findet, dass früher alles besser war. Die Demokratisierung der Informationsverbreitung hat viele Vorteile, auch wenn man sich über die Qualität dieser Informationen streiten kann.

Wo liegen denn die Vorteile?
Ich hatte vor fünf Jahren eine Ausstellung in Äthiopien; es kamen unglaublich viele Leute, die meine Arbeit dank dem Internet kannten. Das zeigte mir, dass sich die Menschen durchaus auch ernsthaft mit Inhalten im Netz auseinandersetzen. Freilich liegt hier eine zusätzliche Aufgabe für Kunstschaffende: Werke zu schaffen, mit denen man sich unter den neuen Voraussetzungen ernsthaft auseinandersetzen kann.

Test für eine neue Lichtinstallation für das Kunsthaus Zürich. Foto: María del Pilar García Ayensa/Studio Olafur Eliasson, © 2019 Olafur Eliasson

Sie machen nicht nur Kunst im klassischen Sinn. Sie engagieren sich auch sozial, etwa mit der von Ihnen entwickelten Solarleuchte «Little Sun», die Menschen ohne Zugang zu Elektrizität mit Licht versorgt. Sie haben zudem eine Oper inszeniert oder auch schon ein Pop-up-Restaurant betrieben. Wie lässt Sie all das, was Sie machen, zusammenfassend definieren?
Gar nicht. Wie ein Polizist darüber zu entscheiden, was Kunst ist und was nicht, macht in meinen Augen keinen Sinn. Für mich ist Kunst so was wie eine Sprache. Manche Leute können sich gut damit ausdrücken, andere weniger. Aber wie bei jeder Sprache geht es darum, was man damit sagt. Manchmal formuliert jemand etwas, das erst Jahre später verstanden wird. Deshalb glaube ich, es hat Potenzial, von einer begrenzten Idee von Kunst Abstand zu nehmen.

Olafur Eliasson kann auch Oper, wie die Inszenierung von «Hippolyte et Aricie» beweist. Quelle: Youtube

Was raten Sie jemandem, der behauptet, er verstehe zeitgenössische Kunst nicht?
Es ist doch okay, mal etwas nicht zu verstehen. Auch ich treffe auf Kunst, der ich ratlos gegenüberstehe. Man ist deswegen weder dumm noch unwichtig. Aber vielleicht lohnt es sich, ein zweites, drittes, viertes Mal hinzusehen. Ich glaube grundsätzlich an die Demokratisierung der Kultur. Aber eben auch daran, dass Kunst keine Kompromisse machen sollte. Polemisch formuliert: Man kann nicht schlechtere Kunst machen, nur damit sie von möglichst vielen möglichst rasch verstanden wird. Was ich aber finde: Kunstinstitutionen könnten sich mehr Mühe geben, was die Vermittlung angeht. Es nicht zu tun, ist arrogant.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit Kunst?
Mein Vater hat selbst Kunst gemacht, er hatte ein kleines Atelier im Keller unserer Wohnung. So war immer viel Kunst um mich herum. Mein Vater liebte Jasper Johns und Francis Bacon, und am Kühlschrank hing eine Postkarte mit Robert Rauschenbergs Autoreifen. Ich würde sagen, dank meinen Eltern habe ich ein relativ entspanntes Verhältnis zu Kunst. (lacht)

«Ich schäme mich nicht dafür, nicht immer zu wissen, was ich tun soll»

Ihre Werke sind oft eine Aufforderung, die Wunder der Natur – physikalische Phänomene, meteorologische Begebenheiten – zu entdecken. Das hat durchaus eine spirituelle Ebene. Sind Sie ein spiritueller Mensch?
Ich bin nicht religiös, so viel steht fest. Und ich bin, glaube ich, auch nicht besonders spirituell. Sagen wir es so: Ich erlaube mir, den Zustand des Zweifels als eine Art von Bewusstsein zu sehen. Das heisst, ich schäme mich nicht dafür, nicht immer zu wissen, was ich tun soll. Ich geniesse manchmal den Raum des Unstrukturierten, nicht Geplanten. Ich finde es wichtig, sich zu trauen, seinen emotionalen Zustand als Teil seines Daseins zu verstehen. Was das Konzept eines zentralen Glaubens angeht, bin ich sehr skeptisch; ich habe mich hingegen viel mit kontemplativen Methoden buddhistischer Schulen beschäftigt. Wir führen in meinem Atelier seit Jahren sogenannte Compassion Workshops durch, in denen wir mit Experten, etwa Psychologen, über stressreduzierende Techniken nachdenken. Einmal haben wir sogar einen Schamanen eingeladen. Allerdings konnte er uns nicht vollständig überzeugen. (schmunzelt)

Sie glauben an Nachhaltigkeit. Seit September sind Sie UNO-Botschafter für den Klimaschutz.
Wir befinden uns nun mal in einem Moment der Geschichte, wo viele der alten Systeme neu durchdacht werden müssen. Im Interesse unseres Planeten sollten die einzelnen Wissensbereiche nicht mehr säulenförmig, also jeder für sich, betrachtet, sondern horizontal verbunden werden. Einige kluge Köpfe haben schon vor 50 Jahren Modelle angedacht, wie man das Zusammenspiel von Natur und Gesellschaft anders organisieren könnte, etwa Lovelock mit seiner Gaia-Hypothese. Und nun stellt sich heraus, dass diese Leute richtiglagen. Gegen die darwinistische Weltordnung spricht, dass manche biologischen Systeme, die symbiotisch zusammenarbeiten, stärker sind als kompetitive Systeme. Bisher haben wir unsere Gegenwart aus der Vergangenheit organisiert, aufbauend auf die Wiederholung vergangener Erfolge. Jetzt sieht es so aus, als könnten wir nicht mehr so weitermachen.

Sondern?
Wir müssen lernen, die Gegenwart aus der Zukunft zu denken. Konsum, die neoliberalistische Handhabung gesellschaftlichen Erfolgs: All das muss hinterfragt werden. Denn wenn weltweit alle die gleiche Lebensqualität hätten wie die Menschen in der Schweiz, bräuchten wir mehrere Erden. Deshalb dreht sich auch die Zürcher Ausstellung um diese Überlegungen.

Typisch Eliasson: Spiel mit Licht und Elementen. Foto: María del Pilar García Ayensa/Studio Olafur Eliasson, © 2019 Olafur Eliasson

Verraten Sie uns mehr? Sie bespielen ja den Bührle-Saal, der ist ganz schön gross ...
Ja, und ich gestehe, dass ich lange nicht wusste, was ich damit anstellen soll. Irgendwann rief ich einen engen Freund an, der in Zürich lebt, den Landschaftsarchitekten Günther Vogt. Ich fragte ihn, was er dort machen würde. Und wissen Sie, was er meinte?

Was denn?
Dass er vor allem nicht einen Freund fragen würde, was der machen würde! (lacht) Die Idee zur Ausstellung keimte schliesslich, als ich in einem Lichtlabor mit Hochleistungsplasma experimentierte, für ein anderes Projekt. Und die Idee wuchs, als ich mich mit Wunderkabinetten auseinandersetzte aus jener Zeit, als die Alchemie in die Chemie überging. Mehr verrate ich nicht. Doch, etwas noch: Ein Roboter kommt auch vor. So was habe ich noch nie zuvor gemacht.

Was wünschen Sie sich von den Besuchern, wenn sie die Ausstellung verlassen?
Es geht nicht darum, was ich will. Die Leute gehen ja nicht in die Ausstellung, um mich zu sehen, sondern, um sich selbst zu sehen. Kunst, wie ich sie verstehe, ist eine Möglichkeit, sich selbst im Rahmen von etwas anderem zu erleben. Aber grundsätzlich ist es gut, wenn eine Ausstellung die Menschen darin bestärkt, dass sie über etwas reden dürfen. Mitreden dürfen. Gut ist, wenn eine Ausstellung in ihren Besuchern das Gefühl hervorruft, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Gut ist, wenn sie – wie abstrakt sie auch daherkommen mag – konkrete Erkenntnisse generiert: über die Zukunft, über Hoffnung, über Identität und Zugehörigkeit.

«Kunst ist dann gut, wenn sie jemandem das Gefühl gibt, ihm sei zugehört worden.»

Gibt es bei Ihnen auch einmal eine Ideenflaute?
Na klar. Das ist sogar der Normalzustand. Eine Idee zu haben, ist unglaublich anstrengend; das passiert nicht oft. Um mich zu mobilisieren, lese ich, und zwar alles Mögliche. Ich habe den «New Yorker» abonniert, den «Economist», die «New York Times». Ich zeichne, gehe an Ausstellungen. Spaziergänge und Sport funktionieren für mich nicht als Ideengenerator – ausser Bogenschiessen. Im Studio haben wir einen kleinen Verein, samt Trainer und Turnier; letztes Jahr habe da ich einen japanischen Falkenfederpfeil gewonnen, der hängt jetzt in meinem Berliner Büro an der Wand. Manchmal meditiere ich. Allerdings nicht mit dem Kissen auf dem Boden oder so, sondern wo immer ich gerade bin. Zum Beispiel im Bus.

In diversen Ratings, welche die wichtigsten Künstler der Gegenwart auflisten, liegen Sie ziemlich weit vorn. Verfolgen Sie so etwas?
Überhaupt nicht. Das ist doch völlig unwissenschaftlich. Diese Listen fussen auf denselben ähnlichen Algorithmen wie Investmentsysteme. Und dann sollte man immer auch zwischen Kunstwelt und Kunstmarkt unterscheiden. Letzterer hat mit Kunst an sich wenig zu tun. Man darf bloss nicht den Fehler machen zu glauben, dass derartige Ratings irgendetwas über Qualität aussagen.

Licht für Menschen ohne Zugang zur Elektrizität: Das Projekt «Little Sun». Foto: © Merklit Mersha

Lesen Sie hier: Die wichtigsten Kunstwerke von Olafur Eliasson.

Erstellt: 15.01.2020, 19:22 Uhr

Zur Person

Olafur Eliasson, 52, gehört spätestens seit seiner spektakulären Installation «The Weather project», bei der er in der Turbinenhalle der Tate Modern 2003 eine künstliche Sonne aufgehen liess, zu den wichtigsten Kunstschaffenden der Gegenwart. Der Däne mit isländischen Wurzeln lebt und arbeitet in Kopenhagen und Berlin, in seinem Atelier in Berlin-Mitte beschäftigt er ca. 100 Kunstschaffende, Handwerker, Architekten und weitere Spezialisten.

Ausstellung im Kunsthaus Zürich



Vom 17. Januar bis zum 22. März zeigt das Kunsthaus Zürich eine grosse Einzelausstellung von Olafur Eliasson. Höhepunkt der «Symbiotic seeing» betitelten Schau ist neben Skulpturen und Lichtarbeiten eine neue begehbare Installation, die sich mit der Frage befasst, ob und wie der Mensch mit anderen Spezies symbiotisch koexistieren kann. Zeitgleich mit der Eröffnung schaltet das Kunsthaus erstmals ein sogenanntes Digitorial auf seiner Website auf, das als Vorbereitung für den Ausstellungsbesuch gedacht ist und den Nutzer spielerisch in Eliassons Schaffen einführt. Führungen finden mittwochs um 18 Uhr sowie sonntags um 11 Uhr statt; am 23. Januar und am 6. Februar bietet die Veranstaltung «Black Out» den Besuchern bis 23 Uhr die Möglichkeit, die im Dunkeln liegende Kunsthaussammlung einzig mittels Eliassons «Little Sun»-Solarlampen zu erkunden.

Mehr Informationen: www.kunsthaus.ch

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