Musikhits werden wortgewaltiger

Wir haben die Nr.-1-Hits der Schweizer Hitparade der letzten 50 Jahre genauer angeschaut und dabei ein paar illustre Entdeckungen gemacht.

Rappte sich erfolgreich in die Charts: US-Rapper Eminem an einem Konzert im Jahr 2012.

Rappte sich erfolgreich in die Charts: US-Rapper Eminem an einem Konzert im Jahr 2012. Bild: Keystone

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Was ist in einer Zeit musikalisch neu und angesagt? Welche Musikstile prägen Hörgewohnheiten über längere Zeit hinweg? Was sind Evergreens, was waren Eintagsfliegen? Ein Blick ins Hitparadearchiv des Marktforschungsinstituts GFK Entertainment bringt Licht ins Dunkle.

Insgesamt haben wir seit der ersten Schweizer Hitparade vom 2. Januar 1968 bis im Oktober 2019 585 Platz-1-Songs von 464 Künstlern und Künstlerinnen untersucht und bereits in einem Artikel über sieben Erkenntnisse berichtet. Hier nun weitere Entdeckungen der Datenanalyse:

1. Welche Künstler hatten den grössten Einfluss?

Auf die Schnelle lässt sich kaum sagen, welche Künstler letztlich die Musikgeschichte am meisten beeinflussten. Aber ein Blick in die Daten kann Eintagsfliegen und Evergreens enthüllen: Die meisten Künstler (82 Prozent) tauchen nur einmal unter den Erstplatzierten auf. Sie sind bald wieder vergessen. Dagegen schafften es nur ein paar wenige mehr als einmal an die Spitze und sorgten damit für musikalische Nachhaltigkeit.

Am konsistentesten zeigte sich hierzulande im vergangenen halbe Jahrhundert Pop-Göttin Madonna. Sie war mit acht Titeln – respektive neun, wenn man auch ihr Duett «4 Minutes» mit Justin Biber mitzählt – auf Platz 1 vertreten, darunter Hits wie «Hung Up» (sieben Wochen) oder «Music» (sechs Wochen).

Und natürlich Abba: Die schwedische Popgruppe hatte mehrere Tophits, unvergessen sind Ohrwürmer wie «Fernando» (elf Wochen top) oder «Waterloo», das neun Wochen die Charts anführte.

Auch in jüngerer Zeit zeigten ein paar Musiker Durchhaltevermögen, etwa Rapper Eminem, Rihanna und Capital Bra, wobei die Songs des Berliners wie Sternschnuppen nur jeweils eine Woche top waren – und dann wieder verglühten. Dem 1994 in Sibirien geborenen Rapper gelang damit hierzulande nicht ganz der gleich grosse Coup wie in Deutschland oder Österreich, wo er gemessen an den Nr.-1-Hits als der erfolgreichste Künstler der Geschichte gilt.

2. Wie viel wird gelabert?

Schaut man auf die Anzahl Wörter, hat Eminem in all den Jahren am meisten auf Platz 1 gerappt, vor Madonna. Eher wortkarg erweisen sich dagegen Abba mit im Schnitt lediglich knapp 300 Wörtern pro Song, Eminem plaudert rund dreimal so viel pro Song. Überhaupt: In den 90er- und in den Nullerjahren nimmt die Anzahl Wörter deutlich zu.

Der Hauptgrund dürfte im Aufschwung der Hip-Hop-Kultur liegen, insbesondere des typischen Sprechgesangs namens Rap.

Dass die Künstler in der Tendenz in ihren Liedern zunehmend mehr erzählen, lässt sich auch in der nächsten Grafik ablesen: Während Roland W. in der 1. Schweizer Hitparade noch 40 Wörter reichen, um seine «Monja» zu besingen, und der Schnitt pro Song 1968 bei etwa 250 Wörtern liegt, rappt sich Eminem im Jahr 2001 mit rund sechsmal mehr Wörtern oben aus; heute werden im Schnitt rund 480 Ausdrücke gesungen.

3. Was sagen uns die Künstler?

Um einen groben Eindruck zu bekommen, wovon die Künstler im vergangenen halben Jahrhundert gesungen haben, wurden die Wörter in einer einfachen Wordcloud visualisiert. Je öfter ein Wort in den Texten vorkommt, desto grösser erscheint es in der Wortwolke. Wer hätte gedacht, dass in den Mega-Pophits das Wort «Know» (wissen) häufiger Thema ist als das Wort «Love» (Liebe)?

Wordcloud aller Texte:

Nicht einmal Madonna singt über «Love»:

Eminem: ohne Worte...

4. Lieder ohne Worte?

Ja, die gibt es, wenn auch selten: Sechs Titel waren instrumentale Ohrwürmer, die mit umso eingängigeren Melodien punkteten. Unvergessen etwa der Piano-Barde Richard Clayderman mit seiner «Ballade pour Adeline» oder die «Dolannes Melodie» des französischen Trompeters Jean-Claude Borelli: vierzehn Wochen top!

Das Aufkommen des Synthezisers versetzte den stimmlosen Stücken in der Popmusik einen Schub: Die US-Band Hot Butter kam mit «Popcorn» zum Erfolg und natürlich Cash & Carry mit der Synthesizer-Version des Ententanzes «Tchip Tchip». Die Melodie des weltweit populären Partytanzes wurde 1957 übrigens vom Schweizer Musiklehrer und Entertainer Werner Thomas «erfunden».

Die Originalmelodie von «Tchip Tchip». (Youtube)

Dass alle instrumentalen Hits in den 70er-Jahren reüssierten, ist kein Zufall. Laut den Hitparaden-Statistiken des US-Sachbuchautors Joel Whitburns waren «Instrumentals» in der Popmusik seit jeher selten: «Nur etwa ein Prozent aller veröffentlichten Titel entfallen in westlichen Ländern auf Instrumentalmusik», heisst es in Wikipedia. In den 60er- und 70er-Jahren gehörten sie aber zu den Charts. Die 80er indes brachten weltweit nur noch vier Ohne-Worte-Hits hervor, in den folgenden Jahrzehnten verloren sie fast ganz an Bedeutung.

Ein Grund dürfte sein, dass es ihnen an nachsingbaren Texten fehlt – und damit an der wichtigsten Sache, um als Volkslied durchzustarten. Die meisten fristen heute ein Dasein als Geräuschkulisse im Kaufhaus.

Insgesamt fünfzehn Songs wurden nicht in die Textanalyse aufgenommen, nebst «Instrumentals» auch Medleys wie «Friends Forever» (2015) der Musicstars oder Titel in Sprachen, die sich nicht per App übersetzen liessen, etwa Mundartsongs wie «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa». Die Minstrels trafen damit 1969 präzis die Volksseele und hielten sich während zehn Wochen an der Spitze.

Trafen den Volksnerv – Minstrels: «...säged Sie, wie läbed Sie, wie gohts ihrem Maa?» (Youtube)

5. Griesgram- oder Feelgood-Lieder?

Um etwas mehr über die gesungenen Inhalte zu erfahren, wurde ein Algorithmus zu Hilfe genommen, der die positivsten und die negativsten Songtexte eruieren soll. Es überrascht kaum, dass der Bärenanteil der Popsongs, nämlich über 300, positiv bewertet wurde und nur vereinzelte auf irgendeine Art negativ konnotiert sind. Popmusik soll unterhalten!

Die Künstlerin die mit ihrer Musik die beste Laune verbreitet, ist demnach Rihanna, aber auch Madonna und Sia bewertet der Algorithmus hoch positiv. Und die Männer? Sie stehen nicht nach, allen voran Capital Bra und Ed Sheeran. Auf der anderen Seite der Skala rangiert der Brite Paul Hardcastle mit einem Antikriegssong: In «19» beklagt er den Tod und die seelische Zerstörung Tausender junger Männer, die der Vietnamkrieg forderte.

Die Methode
Für die Untersuchung wurden die Texte aller Nr.-1-Hits der Schweizer Hitparade mittels eines kleinen, in der Programmiersprache Python geschriebenen Scripts automatisiert von der Website Songtexte.com heruntergeladen. Fehlende Texte holten wir von Genius.com. Dann übersetzten wir alle automatisiert ins Englische. Lieder in exotischen Sprachen wie Koreanisch übertrugen wir von Hand mit der Übersetzungsapplikation «DeepL» ins Englische. Schweizerdeutsche Titel nahmen wir in den Korpus auf, sofern eine deutsche oder englische Übersetzung existierte.

In der Textanalyse sortierten wir Künstlernennungen mit «feat.», «avec», «x» aus: Interpreten wie «Eminem feat. Dido» zählten wir als «Eminem». Interpreten mit einem «&» im Namen behandelten wir als Gruppe, z.B. «Simon & Garfunkel», aber auch «Jermaine Jackson & Pia Zadora». Für die Zählung der Wörter setzten wir den auf der Programmiersprache Python basierenden Werkzeugkasten «Natural Language Toolkit» ein.

Um die Meldungen in positive oder negative Lieder zu kategorisieren (Sentiment-Analyse), wurde der Algorithmus «Vader Sentiment Analyzer» verwendet. Der Code ist von einer Gruppe Forschern offen im Internet publiziert. Er ist darauf ausgelegt, die Tonlage von englischsprachigen Social-Media-Inhalten zu kategorisieren. Er kann aber auch für kurze Texte eingesetzt werden. Der Algorithmus nutzt dabei unter anderem ein Lexikon von Wörtern, die entweder als positiv, neutral oder negativ definiert sind. Die Kombination aller Parameter ergibt pro Titel einen Wert, der zwischen 1 und –1 liegt. Mehr über die Methode kann hier nachgelesen werden.

Erstellt: 14.12.2019, 18:33 Uhr

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