Schaffen diese Schweizer Musiker den Durchbruch?

Am Pop-Festival Eurosonic werden künftige Stars entdeckt. So stehen die Chancen der Schweizer Gäste auf internationalen Ruhm.

Auch wenn sie eher nüchtern wirken: Die Berner Band Sirens of Lesbos hat rosige Aussichten auf dem internationalen Markt.

Auch wenn sie eher nüchtern wirken: Die Berner Band Sirens of Lesbos hat rosige Aussichten auf dem internationalen Markt. Bild: zvg

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Mit Yello, The Young Gods, DJ Bobo, Celtic Frost oder Andreas Vollenweider haben Schweizer Bands im Ausland in der Vergangenheit bemerkenswerte, aber kaum einheitliche Akzente gesetzt. Diese Woche ist die Schweiz Fokusland am Musikfestival Eurosonic in Groningen. Hier kommen jedes Jahr die Festival- und Clubverantwortlichen Europas zusammen, um neue Bands zu entdecken. Künstler wie Sophie Hunger, Balthazar oder Casper wurden hier für den internationalen Markt entdeckt. Und es herrscht in der Indie-Szene eine fast schon kartellartige Einhelligkeit: Wer am Eurosonic abliefert und die richtigen Leute kennt, kann in den nächsten Jahren auf Engagements im europäischen Live-Sektor zählen.

Ausgewählt und dem Festival vorgeschlagen wurden die Auftretenden von Swiss Music Export, den Radiosendern SRF 3, RTR, Rete 3 und Couleur 3 sowie den Pop-Förderstellen Basel und Zürich.

Wir haben das diesjährige Angebot kritisch durchleuchtet. Fazit: Einigen Bands könnte das Festival zum verdienten Durchbruch verhelfen. Für andere dürfte der Anlass höchstens als netter Betriebsausflug abgebucht werden.

Amami
Stil: Elektronische World-Disco-Musik
Ausgangslage: Noch wenig Live-Erfahrung kann die Band Amami aus Genf vorweisen. Aber weil man beim honorigen und in der Szene sehr angesagten Genfer Label Bongo Joe unter Vertrag steht und weil ein Mitglied des Trios im weitgereisten Imperial Tiger Orchestra mitwirkte, ist der Band die Aufmerksamkeit gewiss. Dieser unaufgeregte, tanzbare und doch irritierende Afro-Dub-Stilmix trifft den Nerv der Zeit – und jenen der Hipster.
Prognose: Eher etwas für den Club als für die Grossbühne. Aber diese Band wird künftig viele Bandbus-Kilometer abspulen.

Asbest
Stil: Zorniger Post-Punk
Ausgangslage: Das Trio aus Basel hat Ende Jahr erste Konzerte im benachbarten Ausland gespielt. Die Band lehnt sich mit ihrem ernsten, wuchtigen No-Wave an Bands wie Lydia Lunch oder Sonic Youth an – eine Musiknische mit eher ungünstigen Zukunftsaussichten. Ihr Konzert am Eurosonic Festival wird aber immerhin vom altehrwürdigen WDR-«Rockpalast» übertragen.
Prognose: Diese Band ist in ihrem Fach dermassen überzeugend, dass sie in der Post-Punk-Blütezeit garantiert Weltruhm erlangt hätte. Heute steht ihr eine Zukunft in schlecht belüfteten Kleinclubs bevor.

Bitter Moon
Stil: Heruntergekühlter 80s-Pop
Ausgangslage: Die Band aus Lugano hat bereits eine Südamerika-Tour auf dem Kerbholz, allerdings hat sie dort mit anderen Künstlern zusammen bloss Stummfilme vertont. Ihr Kerngeschäft ist der Synthiepop der Achtzigerjahre, und diese Nische bedient Bitter Moon durchaus geschmackssicher.
Prognose: Die schwüle Musik der Achtzigerjahre ist wieder (oder immer noch) im Trend, wie der Erfolg der Genferin Vendredi Sur Mer beweist. Doch da in der Live-Umsetzung – ausser viel Nebel – kaum etwas geboten wird, empfiehlt sich das Duo lediglich für die Kleinstclubs.

Black Sea Dahu
Stil: Charme-Folk
Ausgangslage: Die Zürcher sind momentan neben Sophie Hunger die wohl meistgebuchte Schweizer Band in Deutschland. Bei uns sind ihre Konzerte meist ausverkauft. Nun sollen weitere Territorien – vor allem England – erobert werden.
Prognose: Diese Band scheut keine Beschwerlichkeit, um den Durchbruch zu schaffen (siehe Interview), und die Musik ist von neckischer Schunkeligkeit. Das nächste grosse Schweizer Ding.

Camilla Sparksss
Stil: Elektropunk-Schwarzmalereien
Ausgangslage: Die Tessinerin reibt ihre Seele an rudimentär programmierten Drummaschinen und multipel verzerrten Synthesizern auf – und betört in diesem Tun ganz gehörig. Die Sängerin der Band Peter Kernel hat bereits einige Showcase-Festivals und diverse Konzerte in Frankreich gespielt, doch ihre Musik ist zu bockig und kunstverliebt, um die mittelgrosse Masse zu erreichen.
Prognose: Künstlerischer Achtungserfolg, doch die grossen Aufträge werden ausbleiben.

Cella
Stil: Zuckeriger Elektropop
Ausgangslage: Der Zürcher klingt wohl so, wie es heute der Zeitgeist verlangt: ziemlich digital, ziemlich verträumt, ziemlich seelenlos. Damit hat er innert kürzester Zeit sechsstellige Streamingzahlen erreicht.
Prognose: Gehört das wirklich auf eine Live-Bühne?

Coilguns
Stil: Laute Musik mit Gitarren (Eigendefinition)
Ausgangslage: Der vertrackte und fulminante Hardcore-Punk der Band aus La-Chaux-de-Fonds hat in der Szene international bereits für Aufhorchen gesorgt – es stehen weit über 200 Konzerte in ganz Europa zu Buche.
Prognose: Wenn die Welt gerecht ist, gelingt der Durchbruch beim Stromgitarren-Publikum, das traditionell gerne die Extreme auslotet. Eher nicht Stadtfest-tauglich.

Emilie Zoé
Stil: Folk Noir
Ausgangslage: Ein Ausbund an Lebenszuversicht ist auch Emilie Zoé aus dem Jura nicht. Doch ihr ungeschminkter Indie-Folk ist so wunder- und heilsam selig machend, dass man mit ihm gerne auf unbefestigten Pfaden den Abgründen entgegentanzt. In Frankreich ist sie bereits ein Geheimtipp.
Prognose: Wird den verdienten Karriereschub erfahren.

Ikan Hyu
Stil: Elastic-Plastic-Space-Power-Gangster-Future-Pop
Ausgangslage: Die beiden Frauen fabrizieren ein verwirrendes Gemenge aus Soul, Elektro und kunstfertigem Irrsinn. Sie sind am letztjährigen Reeperbahn Festival aufgetreten, danach hat sich im Ausland enttäuschend wenig getan.
Prognose: Ihr Management Gadget muss noch beweisen, dass es eine Band international aufbauen kann.

Jessiquoi
Stil: Amok-Pop
Ausgangslage: Die Berner Quirligkeit Jessiquoi strotzt vor aparten Ideen – neigt aber dazu, ihren Elektro-Pop etwas zu überfrachten.
Prognose: Jessiquoi ist so etwas wie die Lara Gut der Schweizer Musikszene: Muss eine internationale Agentur aufgabeln und wieder zur Lockerheit früherer Tage finden. Aber gut ist sie allemal.

KT Gorique
Stil: Frankofoner Rap
Ausgangslage: Die junge Rapperin, Tänzerin, Schauspielerin und Studentin aus Martigny weist musikalisch – ausser ihrem staunenswerten Rap-Flow – noch nicht allzu viele besondere Merkmale auf, die sie aus dem Pulk des frankofonen Hip-Hop herausstechen liesse. Dennoch: Eine höchst erfrischende Erscheinung.
Prognose: Grosses Potenzial in Frankreich.

L’éclair
Stil: Easy Listening
Ausgangslage: Die Band aus Genf frönt einer entspannten Form des Liftmusik-Jazz. Und weil auch sie beim Label Bongo Joe erscheint, wird das Interesse des Indie-Volks gross sein.
Prognose: Schwierig, hat dann doch zu wenig Fleisch am Musikknochen.

La colère
Stil: Frankofoner Traumpop
Ausgangslage: Das Einfrauprojekt steht kurz vor der Veröffentlichung des ersten Longplayers. Die bisherigen Vorabmüsterchen lösen jetzt noch nicht die fiebrige Vorfreude aus. Und Live-Videos gibts noch keine zu betrachten – schwierig, sich so bei Veranstaltern zu empfehlen.
Prognose: Wird im ganzen Konzertreigen untergehen.

Marius Bear
Stil: Brunst-Pop
Ausgangslage: Der in London lebende Appenzeller hat das bestmögliche Management- und Booking-Team um sich geschart (die Leute hinter Sophie Hunger oder Stephan Eicher), und er hat gerade sein Debütalbum voller Überwältigungsballaden veröffentlicht.
Prognose: Ein bisschen zu gefühlig für die Indie-Szene – aber ein valabler Popstar-Kandidat.

Monumental Men
Stil: Monumental-Pop
Ausgangslage: Die Mannen aus Bern lehnen sich musikalisch mit ihrem cineastischen Düsterpop sehr an die musikalischen Machenschaften des Franzosen Woodkid an. Und sie machen ihre Sache derart gut, dass es verwundert, dass sie trotz der Präsenz auf Spotify-Listen und Showcase-Festivals bisher erst zehn Konzerte gespielt haben.
Prognose: Die Booking-Agentur ist gefordert – sonst verpufft die Energie.

Muthoni Drummer Queen
Stil: Urbaner Pop mit afrikanischem Herz
Ausgangslage: Die Dame aus Kenia hat sich zwei Lausanner Produzenten angelächelt und spielt – vor allem in Frankreich – bereits auf den angesagtesten Festivalbühnen. Wyclef Jean ist ein Fan von ihr, und sie beobachtet stets mit einem aufmerksamen Kontrollblick, wohin der musikalische Trend gerade so hin zeitgeistert.
Prognose: Hat alles, um eine Grosse zu werden. Die Live-Show ist allerdings noch ausbaufähig.

Pascal Gamboni
Stil: Gute-Laune-Folk
Ausgangslage: In seinen munteren und ohrwurmigen Liedern vermengt er sämtliche helvetischen Landessprachen zu einem unverständlichen Kauderwelsch. Eine sehr angenehme Erscheinung.
Prognose: Fraglich, ob das ausserhalb der Heimat jemanden interessiert.

Ramin & Reda
Stil: Elektronischer Kulturenclash
Ausgangslage: Nur den fundiertesten Kennern der Schweizer Musikszene sind die beiden DJs mit iranischen und marokkanischen Wurzeln ein Begriff. Ihr Soundclash zwischen globalen Sounds und westlicher Clubmusik hört man in dieser Form auf den Tanzböden der Welt eher selten.
Prognose: Das Festival könnte helfen, ihren Wirkungskreis auszuweiten.

Sirens of Lesbos
Stil: Hipper Multikulti-Pop
Ausgangslage: Die Berner sind Streaming-Multimillionenseller, weil sie einst aus Spass einen Ibiza-Disco-Track geschrieben haben, der dann tatsächlich zum Hit wurde. Seither haben sie ihren Stil in Richtung weltoffenen und hippen Soul-Pop transformiert und werden gelegentlich auf BBC 6 Music gespielt.
Prognose: Wenns live so gut ist wie auf Tonträger: Rosige Aussichten.

Sophie Hunger & Julian Sartorius
Stil: Krautrockiger Vintage-Elektronik-Folk
Ausgangslage: Sophie Hunger hat zusammen mit ihrem Lieblingsschlagzeuger Julian Sartorius ein Duo-Live-Set erarbeitet und hat dergestalt einige grössere Konzerte mit der englischen Nu-Folk-Hoheit Fink gespielt.
Prognose: Ihre letzte Tour war etwas gar Deutschland-lastig. Nun gilt es, sie in anderen europäischen Ländern wieder in Erinnerung zu rufen. Das wird gelingen.

The Gardener & The Tree
Stil: Melodic-Rock
Ausgangslage: Die Band aus Schaffhausen ist bei Island Records unter Vertrag, und der deutsche Agentur-Multi FKP Scorpio hat das Booking übernommen. Da sollte eigentlich nicht allzu viel schiefgehen.
Prognose: Ihr Stadionrock-Wille könnte ausserhalb der Stadien etwas dick aufgetragen wirken. Sind – im Gegensatz zu vielen anderen hier – fähig, ein Festivalpublikum zu bespassen.

Veronica Fusaro
Stil: Soul-Pop
Die Thunerin spielt überall, wo man sie auf die Bühne lässt, von der Energy Star Night im Hallenstadion bis zur Après-Ski-Bar in Fiesch. Dieser absolute Wille, etwas zu reissen, macht ihren tadellosen Radio-Soul etwas unlocker. Doch genau diese Erfolgsambition, im Verbund mit einem ebenso motivierten und hartnäckigen Manager, könnte sich irgendwann dann doch einmal auszahlen.
Prognose: Noch zu wenig künstlerische Kontur, um sich in einem konkurrenzreichen Genre durchzusetzen.

Erstellt: 15.01.2020, 16:43 Uhr

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