«Wenn ich etwas Krasses sehe, klicke ich es weg»

Wieso sind Kids so besessen von Youtube-Filmchen? Was macht ihnen dabei Angst? Wir haben sie gefragt und mit Experten geredet.

Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren erzählen, was sie auf Youtube gerne anschauen, was ihnen dabei Angst macht und warum sie Youtubern vertrauen. Video: Tamedia

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Youtube ist bei Schweizer Kindern die beliebteste Freizeitbeschäftigung im Internet. Warum kleben schon die 10-, 11-, 12-Jährigen so gebannt am Computer- oder Handybildschirm? Wir haben mit den Kindern selbst gesprochen und sie erklären lassen, was sie so fasziniert.

Die 12-jährige Juliana sagt, sie verbringe im Durchschnitt zwischen einer halbe Stunde und einer Stunde auf Youtube, und das praktisch jeden Tag. Ähnliches erklärten auch die anderen befragten Kinder.

Diese Zahlen sind weit höher, als wissenschaftliche Untersuchungen bisher zutage gefördert haben. Laut Eveline Hipeli, die an der Pädagogischen Hochschule in Zürich zu dem Thema forscht, schauen Schweizer Kinder 15 bis 20 Minuten pro Tag Videos über das Internet, die meisten auf Youtube.

Was die Kinder anzieht

Fragt man Kinder nach ihren liebsten Youtubern, dann tauchen immer wieder dieselben Namen auf. In der aktuellsten Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften wurden Bibis Beauty Palace, Julien Bam und Paluten genannt. Drei Youtuber, die zusammen auf über 15 Millionen Follower kommen und sich vor allem mit Themen wie Mode, Kosmetik, Popkultur und Computerspielen beschäftigen.

Auch bei den von uns befragten Kindern stehen genau diese drei Youtuber hoch im Kurs. Verwunderlich ist das nicht: Sie haben längst eine grosse Reichweite, und die Algorithmen von Youtube sorgen für noch mehr Momentum. So verselbstständigt sich der Erfolg.

Besonders beliebte Youtuber tauchen auf der Startseite und bei den Empfehlungen auf. Sie gelangen so in die Feeds der Kinder. Medienwissenschaftlerin Hipeli erklärt, dass der Erfolg gewisser Youtuber aber auch ganz klassisch mit Trends in Peer-Gruppen zusammenhängt: «Die Videos werden nicht nur allein geschaut, sondern auch zusammen mit Freundinnen und Freunden, mit denen man darüber diskutiert und Tipps weitergibt, was interessant ist.»

Die 11-jährige Laura sagt: «Ich mag Youtube-Videos besonders gerne, bei denen ich etwas lernen kann.» Auch der gleichaltrige Schulkollege Anton nutzt Youtube, um Neues zu erfahren. Besonders interessieren ihn Inhalte, die kurios erscheinen. Eveline Hipeli sagt: «Kinder betrachten Youtube als eine grosse Bibliothek, wo sie interessante, lustige Dinge finden. Dabei sind der einfache Zugang und das riesige Angebot attraktiv.»

Für alles gibt es ein Video, einen Beitrag. Die Kinder benötigen einzig ein Gerät mit Internetzugang, und die Welt steht ihnen offen. «Mit den Youtube-Clips kann man sich informieren, sich unterhalten, und damit lässt sich auch die Langeweile an der Busstation toll überbrücken», so Hipeli.

Die Kinder nutzen Youtube aber auch einfach zum Ausspannen und Erholen. Die 10-jährige Mina sagt: «Ich schaue Youtube meistens allein, dann habe ich meine Ruhe, und es ist ganz gemütlich.» Medienwissenschaftlerin Hipeli erklärt: «Kinder brauchen Zeit zum Entspannen, kleine Momente nur für sich, in denen sie ihre Sorgen aus Schule und Beziehungen zur Seite schieben können. Das war schon immer so.»

Kinder und Youtube: Fünf Tipps für Eltern

1. Kleinen Kindern «Youtube Kids» anstelle der klassischen App anbieten.
2. Ein Auge drauf haben, was Kinder schauen, warum und wie lange.
3. Bei älteren Kindern: erklären, dass es im Internet auch Inhalte geben kann, die irritieren oder unverständlich sind.
4. Alternativen zu Youtube anbieten. Kostenpflichtige Streamingdienste kommen ohne Werbung aus, und es gibt mehr Kontrollmöglichkeiten.
5. Ein offenes Ohr für die Medienerlebnisse der Kinder haben.

Wenn Eltern oder andere Erwachsene überrascht seien, dass Kinder so viel Zeit auf Youtube verbrächten, dann helfe es, an den eigenen Medienkonsum zu denken, sagt Hipeli. Für Kinder haben sich einfach die Kanäle verändert: Tablet und Youtube statt Röhrenfernseher und Kinderstunde.

Die befragten Kinder berichten, dass sie auf Youtube Inhalte sehen, die sie als beängstigend empfinden. Es geht in den Videos um gruselige Figuren und Horrorszenen. Anton erzählt: «Da war ein Video, in dem Horrorpuppen vorgekommen sind. Da habe ich in der Nacht nicht gut geschlafen.» Die Kinder betonen diesbezüglich ihre Selbstverantwortung. Sie wehren sich ausdrücklich gegen Sperren und Filter.


«Wenn Kinder aber Inhalte ohne Vorwissen und Vorerfahrung konsumieren, dann kann das zu Missverständnissen führen.»
Eveline Hipeli, Medienforscherin an der Pädagogischen Hochschule in Zürich

Laura sagt: «Wenn ich solche Videos nicht schauen möchte, dann sollte ich das einfach nicht tun. Youtube sollte die Videos nicht sperren, andere Personen schauen sie vielleicht gerne.» Juliana sagt: «Normalerweise schaue ich nur Videos, die ich lustig finde. «Wenn ich etwas Krasses sehe, klicke ich es weg.»

«Kinder sind sehr neugierig, sie wollen auch mal ihre Grenzen testen, vielleicht eine Mutprobe machen», sagt Eveline Hipeli. «Wenn Kinder aber Inhalte ohne Vorwissen und Vorerfahrung konsumieren, dann kann das zu Missverständnissen führen. Der Kontext fehlt.» Für Hipeli stehen hier die Eltern in der Verantwortung: «Sie sollen den Kindern die Videos und die Inhalte erklären.»

Die Expertin plädiert für unkomplizierte Gespräche. «Kinder müssen wissen, dass die Eltern für sie da sind. Sie können dem Kind sagen: Ich möchte, dass es dir gut geht, und deshalb kannst du mit mir reden, und ich unterstütze dich.» Von Sperren allein hält Hipeli bei Kindern ab dem Schulalter wenig: «Spätestens in der Mittelstufe finden Kinder Wege, um die Videos zu sehen, die sie interessieren.» Entsprechend wichtig sei es, Kindern frühzeitig Medienkompetenzen beizubringen und eine Vertrauensbasis zum offenen Austausch über Interessen und Sorgen zu schaffen.

Erstellt: 27.01.2020, 13:36 Uhr

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