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Wenn selbst die Stars peinlich berührt sind

Die Emmy-Verleihung soll der Höhepunkt des TV-Jahres sein. Soll.

Die Branche feiert ihr goldenes Zeitalter, doch es gelingt ihr nicht, dies so zu gestalten, dass die Leute zuschauen wollen. Video: AP

«Game of Thrones» ist das beste TV-Drama der vergangenen Saison. Die beste Komödie: «Fleabag». Beste Drama-Schauspielerin: Jodie Comer aus «Killing Eve». Bester Hauptdarsteller: Billy Porter aus «Pose». Komödien-Darsteller: Phoebe Waller-Bridge aus «Fleabag» und Bill Hader aus «Barry». Andere Gewinner in bedeutsamen Kategorien: «Black Mirror: Bandersnatch» als TV-Film, «Chernobyl» als Mini-Serie. Überraschungen: kaum, Julia Garner («Ozark») und Peter Dinklage («Game of Thrones») gewannen als beste Drama-Nebendarsteller, Alex Borstein und Tony Shalhoub (beide «The Marvelous Mrs. Maisel») bei Komödien. Die Schweizer Filmemacherin Lisa Brühlmann ging bei der Verleihung leer aus. Die 38-Jährige war für ihre Regiearbeit bei der Krimiserie «Killing Eve» nominiert gewesen.

Das sind die Ergebnisse der Emmy-Verleihung am Samstagabend, und sie sind durchaus interessant. Es gibt nicht diese eine herausragende Serie, und damit auch nicht diese eine Ausspielvariante, von denen sich in den USA derzeit vier (frei empfangbare Sender, Kabelkanäle, Pay-TV und Streamingportale) um Zuschauer bemühen. Die Branche feiert sich selbst, und sie will dabei niemanden verletzen. Jeder soll ein bisschen feiern dürfen, Award-Kampagnen kosten schliesslich richtig viel Geld.

Die Serie «Game of Thrones» schlägt bei den US-Fernsehpreisen ihren eigenen Rekord. (22. September 2019)
Die Serie «Game of Thrones» schlägt bei den US-Fernsehpreisen ihren eigenen Rekord. (22. September 2019)
Chris Pizzello, Keystone
Der Fernsehpreis Emmy kommt auch dieses Jahr ohne einen Moderator aus: Ein launiger Homer Simpson eröffnet die Show.
Der Fernsehpreis Emmy kommt auch dieses Jahr ohne einen Moderator aus: Ein launiger Homer Simpson eröffnet die Show.
Chris Pizzello, Keystone
Michelle Williams wird für ihre Rolle in «Fosse/Verdon» ausgezeichnet.
Michelle Williams wird für ihre Rolle in «Fosse/Verdon» ausgezeichnet.
Jordan Strauss, Keystone
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Das wahrlich Interessante an dieser 3-Stunden-Verleihung ist jedoch, dass der Pay-TV-Sender HBO (34 Preise) sowie die Streamingportale Netflix (31) und Amazon (15) mit Trophäen überhäuft werden, während die unfassbar öde, verkrampft um gesellschaftliche Relevanz buhlende und bisweilen peinlich um Lockerheit bemühte Preisverleihung mit prognostizierten Zuschauerzahlen im einstelligen Millionenbereich einen neuen Negativrekord aufstellen dürfte. Trotz Free-TV. Die Branche feiert ihr goldenes Zeitalter, doch es gelingt ihr nicht, diese Fete so interessant zu gestalten, dass die Leute zuschauen wollen.

Die Probleme in Hollywood – die bedeutenden Agenturen William Morris Endeavor, Creative Artists Agency und United Talent Agency haben ihre Partys wegen des noch immer nicht beigelegten Streits mit Drehbuchautoren ebenso abgesagt wie die Zeitschrift «Variety» – werden unter den Teppich gekehrt. Der ist in diesem Jahr nicht rot, sondern lila, weil diese Farbe, nun ja, majestätischer sei. Es gibt auch Leute, die sagen, man habe den alten Teppich nicht vom Dreck befreien können. «Wenn die Leute in dieser Stadt untereinander zanken, dann wirft das einen dunklen Schatten auf ein fröhliches Event», sagt zum Beispiel Tony Angellotti, legendärer Stratege für die sogenannte Award Season in Hollywood: «Die Stimmung ist dann plötzlich getrübt.»

Es heisst nun immer, dass es zu viele gute Inhalte gebe und viel zu wenig Zeit zum Gucken. Doch bemerken die Zuschauer langsam, dass sie ziemlich viele Abonnements abschliessen müssen, wenn sie all die tollen Sachen sehen wollen – und dass auf den Sendern und Portalen neben diesen Goldnuggets auch unfassbar viel Bockmist zu finden ist. Es regt sich kaum jemand auf, ist ja im Abo-Preis enthalten, und doch dämmert den Leuten, dass sie nicht mit Geld, wohl aber mit Lebenszeit bezahlen.

Schmerzhaft offensive Selbstvergewisserung

Fast jede brauchbare Idee wird mittlerweile als Serie erzählt und über mehrere Folgen und Staffeln ausgebreitet. «Slow burning» heisst das, langsames Abbrennen, jedoch wird so manche Geschichte derart langsam erzählt, dass der Zuschauer wütend ein paar Stücke Holz nachlegen will, dass es endlich mal wieder so richtig brennt.

Wer verstehen will, wie anstrengend diese Selbstvergewisserung der eigenen Grossartigkeit im Stadtzentrum von Los Angeles gewesen ist, der möge bitte den Anfang der Veranstaltung betrachten. Es gibt keine Moderation in diesem Jahr, weil so ein Conférencier als Relikt aus dem vergangenen Jahrtausend gilt.

Es kommt also erst die Comicfigur Homer Simpson auf die Bühne und wird von einem Klavier erschlagen. Anthony Anderson («Black-ish») eilt hinter die Bühne, klaut einige Trophäen (warum wird der Afroamerikaner als Dieb dargestellt?), präsentiert ein paar arg gewollte Scherze auf die TV-Spielzeit (dass in «Game of Thrones» der Becher einer Kaffeehauskette zu sehen gewesen ist) und findet schliesslich Bryan Cranston, der als Darsteller der Figur Walter White in «Breaking Bad» das goldene Zeitalter des Fernsehens verkörpert.

«Fernsehen war nie grösser», sagt Cranston auf der Bühne. Es scheint, als täte es ihm weh, dass er das nun sagen muss: «Fernsehen war nie so bedeutsam. Und Fernsehen war nie so verdammt gut.» Wer sich seiner Bedeutung derart offensiv versichern muss, der hat ein gewaltiges Problem. Es dürfte Leute geben, die darauf hinweisen, dass bei dieser Eröffnung ausschliesslich Männer dabei gewesen sind. Vielleicht muss man es anders sehen: Frauen wie Amy Poehler oder Tina Fey sind viel zu schlau, um bei so einem selbstverliebten Blödsinn mitzumachen.

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