Diese Frau reitet auf der längsten Glückssträhne der Welt

Ein Jeep, eine Kaffeemaschine, ein Trip zur WM: Martina Radtke hat Preise im Wert von über 200'000 Franken gewonnen. Wie sie das macht.

Mag es besonders, wenn sie nützliche Dinge gewinnt: Glücksjägerin Martina Radtke. Foto: Veronika Wulf.

Mag es besonders, wenn sie nützliche Dinge gewinnt: Glücksjägerin Martina Radtke. Foto: Veronika Wulf.

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Martina Radtke hat das Glück gesammelt, gelocht und abgeheftet. Drei dicke Aktenordner wuchtet sie auf den Wohnzimmertisch. Darin Gewinnbenachrichtigungen, Flugtickets und Kinokarten. Menüs, Lottoscheine und Zeitungsausschnitte mit Fotos, von denen viele Martina Radtkes herunterstrahlen mit vielen Blumensträussen in den Händen.

Die Tierpflegerin hat vermutlich öfter bei einem Wettbewerb gewonnen als die meisten Menschen überhaupt an solchen teilnehmen. Wenn man den Wert all der geschenkten Reisen, Rucksäcke und Rotweingläser zusammenrechnet, kommt man auf etwa 200'000 Euro. Wie macht sie das? Und was bedeutet Glück für jemanden, der es scheinbar gepachtet hat?

Martina Radtke, 57, mag den Montag nicht. Denn da kommt keine Post an in Esebeck, dem 600-Seelen-Dorf in der Nähe der Universitätsstadt Göttingen, wo sie ihren Frühruhestand geniesst. Zum Briefkasten zu gehen ist für sie «spannend», es könnte ja eine Gewinnbenachrichtigung darin sein. Busse fahren auch nicht so oft nach Esebeck, deshalb holt sie den Besuch mit dem gewonnenen Auto vom Bahnhof ab. Dann kocht sie Kaffee mit dem gewonnenen Vollautomaten.

Wann die Glückssträhne begann, das weiss sie nicht mehr, aber sie sieht sich noch als Zehnjährige vom Jahrmarkt nach Hause laufen, einen Plüschbären im Arm, fast so gross wie sie selbst. Seither ging es so weiter mit den Gewinnen. Martina Radtke blättert durch die Ordner; 1999 ein Jeep, 2010 ein Trip zur WM nach Südafrika, 2013 ein Ford, 2017 eine Reise nach Ägypten, 2018 eine Waschmaschine. Vergangenes Jahr habe sie «nur sieben Mal» gewonnen, sagt sie «das Wetter war so gut».

Sie nimmt an 30 bis 50 Gewinnspielen im Monat teil.

Denn gewinnen kostet auch Zeit: Postkarten ausfüllen, bei Hotlines anrufen, Online-Formulare ausfüllen. Martina Radtke durchforstet Zeitschriften und Reklamehefte, hat Vera's Glücks-Ratgeber abonniert, ein Blatt, das Gewinnspiele bündelt, und schaut im Supermarkt nach Wettbewerben, die um Champagnerflaschen baumeln oder auf Waschmittelpackungen gedruckt sind.

«Dann kauf ich eben mal das Waschmittel von einer anderen Marke», sagt Martina Radtke. Aber nur, wenn sie sowieso Waschmittel brauche. Um den Ford zu gewinnen, hat sie 22 Mal Katzenfutter einzeln gekauft und zweiundzwanzig Kassenbons eingesendet. An 30 bis 50 Gewinnspielen nimmt sie im Monat teil. Für Porto, Anrufe und Bastelmaterial komme nie mehr als 50 Euro zusammen, sagt sie – «auch nicht teurer als jedes andere Hobby».

«Gewinnen fühlt sich irgendwie noch mal besser an, wenn man was dafür getan hat.»Martina Radtke

Mehrfach teilzunehmen ist bei manchen Gewinnspielen erlaubt, man muss auf das Kleingedruckte achten. Doch es gibt Profis, die immer mehrere Karten einsenden – auf den Namen des Mannes, der Kinder, der Haustiere. Martina Radtke findet das nicht verwerflich. «Mir ist das nur zu viel Arbeit und zu teuer.»

Einmal im Lostopf zu landen, reiche schon aus, ist sie überzeugt. Am liebsten mag sie ohnehin Wettbewerbe, für die man kreativ sein muss: Für einen Matratzenhersteller legte sie sich mit Taucherbrille auf eine Art Wasserbett, für das Maskottchen einer Getreidemühle erfand sie einen Namen, für eine Supermarktkette posierte sie mit einer Einkaufstüte unter Wasser, und für ein Magazin bastelte sie mit einer gewonnenen Heisskleberpistole eine Weihnachtskarte, die blinkte und glitzerte. «Gewinnen fühlt sich irgendwie noch mal besser an, wenn man was dafür getan hat», sagt Radtke.

Was ihr noch fehlt, ist ein E-Bike. Einen Roller hat sie schon gewonnen, auch eine Batterie für ein Elektrovelo. Aber noch nicht das Velo dazu. «Ich könnte mir natürlich eines kaufen, aber ich will ja eines gewinnen», sagt sie grinsend. Generell nehme sie nur an Gewinnspielen teil, wenn sie die Preise auch gebrauchen könne.

Trotzdem kommen manchmal Dinge an, mit denen sie nichts anfangen kann, wie der Ring mit den wechselbaren Schmucksteinen. «Ich dachte, ein Charlotte-Ring ist was zum Backen», sagt Martina Radtke, die in Fleecepulli und Pantoffeln auf dem Blümchensofa sitzt und weder Schmuck noch Schminke trägt.

Sie gibt kein Geld für materiellen Luxus aus. Als Mädchen teilte sie sich mit den Schwestern ein Zimmer, danach lebte sie 18 Jahre lang in einem Wohnheim der Universität, an der sie als Tierpflegerin arbeitete. «Ich kannte es nicht anders.»

Mit einem Gummibärchenhersteller flog sie nach New York und bekam eine Stadtführung von Thomas Gottschalk.

Doch wenn Martina Radtke von den Reisen und Events erzählt, auf die sie von Firmen eingeladen wurde, gerät sie ins Schwärmen. Mit einem Gummibärchenhersteller flog sie nach New York und bekam eine Stadtführung von Thomas Gottschalk. In Frankfurt traf sie den Fernsehkoch Horst Lichter, ging über einen roten Teppich und sass an einem Dinnertisch, «wo die Kellner ein Headset hatten und alle Gäste gleichzeitig ihr Essen bekommen haben», wie Martina Radtke erzählt. «Das sind Erlebnisse, die man sich nicht kaufen kann.»

Oft schickt ihre Schwester sie vor, wenn es was zu gewinnen gibt. Manchmal spielten auch beide mit – und Martina Radtke gewann. «Ich glaube schon, dass ich viel Glück habe», sagt sie, während sie durch die Ordner blättert, in denen das Glück in Klarsichtfolien und Listen festgehalten ist, als sei es dadurch weniger vergänglich. Sie fügt hinzu: «Zumindest bei materiellen Dingen.»

Wo ihr das Glück nicht treu war

Im Leben war das Glück nicht immer auf ihrer Seite. «Mein Beruf war mein Leben», sagt Martina Radtke. Doch dann kamen drei Arbeitsunfälle, gesundheitliche Probleme, die Arbeitsunfähigkeit. Um eine Familie zu gründen, war es dann zu spät. Martina Radtke lebt allein in der Wohnung, die sie teilweise mit gewonnenem Geld abbezahlt hat, die Katzen sind inzwischen tot, das Aquarium leer.

Doch Martina Radtke hat zwölf Nichten und Neffen, und je öfter man nachfragt, was aus einem Gewinn geworden ist, desto mehr bekommt man das Gefühl, sie schenkt das meiste weiter. Die Schwester bekam die Hälfte der 1000 Euro, die Martina Radtke in einem Matratzenladen gewann. Der Neffe flog mit zur WM nach Südafrika, dem anderen Neffen erstand sie den Schulranzen mit den Piraten, den er sich wünschte, und der Nichte schenkte sie den Charlotte-Ring im Wert von 200 Euro.

Manchmal gewinnt sie so viel, dass sie alle Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke zusammenbekommt. Auch von dem 500-Euro-Gutschein bei einem Buchversand, den sie kürzlich gewann, durften sich alle was aussuchen. Denn Glück, sagt Martina Radtke, sei für sie, wenn es der Familie gut geht.

Erstellt: 18.01.2019, 19:46 Uhr

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