Dieser Multimillionär verschenkt sein Geld

Einst Hausbesetzer, heute Hausbesitzer: Unternehmer Steff Fischer geht mit seinem Vermögen unkonventionell um.

Wohnt noch immer in einem WG-Zimmer: Steff Fischer in den neuen Räumlichkeiten seiner Firma Fischer AG in Zürich. Foto: Stephan Rappo

Wohnt noch immer in einem WG-Zimmer: Steff Fischer in den neuen Räumlichkeiten seiner Firma Fischer AG in Zürich. Foto: Stephan Rappo

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 24. Mai 2019.

Wünscht sich nicht jeder, reich zu sein? Was aber, wenn das gar nie das dringlichste Ziel war, sondern jemandem en passant widerfährt? Steff Fischer erging es so. Der 61-jährige Immobilienunternehmer aus Zürich wusste natürlich, dass er mit seinem Geschäft, der Fischer AG, erfolgreich war. Aber dass er Multimillionär werden würde, das hatte er nicht erwartet. Zehn Millionen hatten sich seit der Geschäftsgründung 1997 angesammelt. Und nun? Steff Fischer verfuhr damit folgendermassen: «Ich habe in den letzten Jahren ein Vermögen von zehn Millionen gemacht», schrieb er am 25. Oktober 2018 auf Facebook: «Und weil ich der Meinung bin, dass dieses Geld nicht wirklich mir gehört, habe ich einen Zehntel davon verschenkt.» Rund eine Million Franken also ging an Einzelpersonen, Nichtregierungsorganisationen, Projekte, Vereine, deren Ideen ihm gefielen.

«Ein grosses Vermögen kann einem gar nicht allein gehören», sagt Steff Fischer. Wie andere habe er einfach Tag für Tag gearbeitet, nur habe er Glück gehabt, damit zu Geld zu kommen. Die Verschenkaktion hat er sich im Vorfeld gut überlegt, zumal er seinen Besitz öffentlich bekannt machte, was sonst in der Schweiz kaum jemand tut. Zwei Ziele konnte er mit seinem Vorgehen erreichen: Einzelne mit einem Geldbetrag zu beglücken, der für ihn ein Klacks ist. Und viele zum Nachdenken anregen – über Gerechtigkeit in der Gesellschaft und über Geld.

Steff Fischer ist einer, der gut reden und andere mit seinen Ideen entflammen kann.

Lange hatte er selber keines. Steff Fischer stammt aus einfachen Verhältnissen. Der Vater war Sattler in Fällanden ZH, der Sohn entfloh 17-jährig den engen ländlichen Verhältnissen. In Zürich schloss sich der gelernte Buchhändler der 80er-Jugendbewegung an, wurde einer ihrer Wortführer, besetzte Häuser. An Sonntagen putzte er Flure in Geschäftshäusern, verdiente sich so seinen bescheidenen Lebensunterhalt. Nach 1985 erkannte er: «Häuserbesetzung ist kein nachhaltiges Businessmodell.» Er absolvierte eine Ausbildung zum Immobilientreuhänder und gründete seine eigene Firma.

Zugute kam dem damals nach wie vor Besitzlosen seine «Schnörre». Steff Fischer ist einer, der gut reden und andere mit seinen Ideen entflammen kann. So geschehen auch bei seinem ersten grossen Kauf im Jahr der Firmengründung 1997. Er handelte über Monate geduldig den Preis einer Liegenschaft von fünf auf vier Millionen herunter und konnte etliche seiner Freunde und Bekannten dazu überreden, ebenfalls ins Gebäude an der Hardturmstrasse 66 zu investieren, in dem heute der Bücherladen Sphères beheimatet ist wie auch «Die Wochenzeitung». Der Kauf hat sich schliesslich für alle ausbezahlt. Denn das Quartier, damals Industriezone und Niemandsland in Zürich, veränderte sich wie kein anderes der Stadt: Zürich-West boomt, und die Bodenpreise steigen.

«Ich fühle mich reich, weil ich frei bin.»Steff Fischer, Immobilienunternehmer

Der Hausbesetzer war zum Hausbesitzer geworden und wurde von einstigen Weggefährten für seinen Seitenwechsel regelmässig mit Häme übergossen. «Ich habe die Seiten gar nie gewechselt», sagt Steff Fischer. «Denn ich mache im Grunde immer das Gleiche. Ich gestalte Räume.» Längst hat die Fischer AG städtebaulichen Einfluss. Die Firma wird bei Zwischen- und Umnutzungsprojekten um Rat gefragt, entwickelt Konzepte, auch für Unternehmen wie Swisslife, SBB oder für die Stadt Zürich. Und die Fischer AG hat mit ihrer Tätigkeit bewiesen, dass es häufig sinnvoller ist, ein Gebäude nur sanft zu sanieren und mit vielfältiger Nutzung zu beleben: Auf diese Weise bleiben Investitionen und Mieten gleichermassen niedrig.

«Ich fühle mich reich, weil ich frei bin», sagt Steff Fischer. Genügend Geld zu haben und zu kaufen, was ihm gefällt – «das Wägeli füllen im Laden» –, ist für ihn ein massgeblicher Teil dieser Freiheit. Seine Lebenskosten sind nach wie vor bescheiden. Seit Jahr und Tag bewohnt Steff Fischer ein 16-Quadratmeter-Zimmer in der von ihm mitgegründeten Gross-Wohngemeinschaft Karthago in Zürich und zahlt dafür 700 Franken. Die Gemeinschaft ist für den Immobilienunternehmer ein wichtiger Lebensfaktor. «Sitze ich am Znachttisch, zieht mit meinen oft wechselnden Bewohnern die ganze Welt an mir vorbei.»

Bereichernd ist für ihn auch sein Beziehungsmodell: «Man muss nicht Nähe suchen, sondern die Distanz», sagt er. Seine Partnerin Claudia Neugebauer und er haben nie zusammen gewohnt, die Tochter Clara Sofia Neugebauer, mittlerweile 25, wuchs in zwei Haushalten auf. Das Modell funktioniert seit dreissig Jahren. Steff Fischer: «Wir sind immer noch ein glückliches Paar.»

Erstellt: 23.05.2019, 09:53 Uhr

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