«Jeder ist bloss eine Option unter vielen»

Wenn sich Online-Dates oder Freunde ohne Vorwarnung völlig zurückziehen: Die Autorin Tina Soliman über «Ghosting».

«Onlinedating hat den wortlosen Kontaktabbruch salonfähig gemacht», ist die Autorin Tina Soliman überzeugt. (Bild: zvg)

«Onlinedating hat den wortlosen Kontaktabbruch salonfähig gemacht», ist die Autorin Tina Soliman überzeugt. (Bild: zvg)

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Plötzlich bleiben die Whatsapp-Nachrichten unbeantwortet. Die beste Freundin meldet sich einfach nicht mehr. Nach Jahren des regen Austausches taucht sie auf einmal ab – ohne ein einziges Wort der Begründung. Das Phänomen heisst «Ghosting» und breitet sich in unserer Gesellschaft «mittlerweile schon fast epidemisch» aus, wie die deutsche Autorin Tina Soliman schreibt. In ihrem eben erschienenen Buch «Ghosting» geht die 52-Jährige der Frage nach, wie sich dieses Verhalten auf unsere Liebesfähigkeit auswirkt. Denn: Auf Dating-Portalen gehört der wortlose Kontaktabbruch zum ganz normalen Alltag.

Frau Soliman, wie abgebrüht muss man sein, um eine Freundin oder den Partner ohne ein Wort der Erklärung zu verlassen?
Eher feige, würde ich sagen, oder schlicht unempathisch. Andererseits ist der wortlose Kontaktabbruch oft auch eine Folge von Verletzungen. Zum Beispiel wenn die verlassene Person die Bedürfnisse des Abbrechers, etwa nach Nähe oder Kontrolle, nicht beachtet. Oder übergriffig und verletzend war.

Aber warum kann man das nicht ansprechen?
Ich hatte über viele Jahre beruflich Kontakt zu einer 40-jährigen Frau, die weder ihrer Mutter noch ihren Freundinnen erklären konnte, weshalb sie den Kontakt zu ihnen allen abgebrochen hatte. Ihr Schweigen war in erster Linie eine Bewältigungsstrategie von Ängsten: Angst, nicht zu genügen, Angst vor Konfrontation, vor Abwertung und Gegenwehr, die als Bedrohung empfunden wird. In einem Konflikt wären all ihre wunden Punkte sichtbar geworden.

Aber genau dann liesse sich vieles endlich klären.
Nicht jeder hält einer Auseinandersetzung stand. Da spielen jahrzehntelange Machtverhältnisse in der Beziehung eine Rolle. Meist ist es ja so, dass derjenige, der sich missverstanden und klein fühlt, den Kontakt abbricht – und sich dadurch in einen Schutzraum des Schweigens rettet.

Die Funkstille, dieser drastische Schritt, ist also bloss Selbstschutz?
Er kann viele Gründe haben: Man kann schweigen, um zu bestrafen oder zu manipulieren – ein Mittel übrigens, das zwischendurch gerne in Paarbeziehungen eingesetzt wird. Aber meist gehen Menschen ohne ein Wort, weil sie sich schämen und sich schützen wollen, wie die 40-jährige Frau. Leider blockiert dieses Verhalten nicht nur die persönliche Entwicklung, wenn es sich ständig wiederholt, es verhindert auch Nähe, weil man sich nie richtig auf jemandem einlässt.

Was macht das mit den Verlassenen?
Fast alle, mit denen ich sprach, fühlten sich tief verletzt und verunsichert. Ihr Selbstbild, aber auch ihre Wahrnehmung ist getrübt. Habe ich mir alles nur eingebildet? Was habe ich falsch gemacht? Bin ich nicht liebenswert? Wir brauchen Erklärungen, um weiterleben zu können. Ansonsten kreisen wir in einer Art Endlosschleife und können nicht abschliessen. Unbeantwortete Fragen sind eine enorme Herausforderung für unser Gehirn.

Weshalb?
Sie sind immer da, wie eine Hintergrundmusik, was auf die Dauer sehr erschöpfend ist. Ausserdem ist es eine Urangst des Menschen, wenn der andere verschwindet. Als löste sich ein Teil des Selbst auf. Viele Verlassene erzählen mir, dass sie sich nicht mehr in Beziehungen trauen – aus Angst, verletzt zu werden. Man kann sich an das Verlassenwerden auch nicht gewöhnen. Im Gegenteil: Je häufiger die Menschen verlassen wurden, desto tiefer die Wunde. Solche Erfahrungen prägen sich auch tief in unsere DNA ein, weil emotionaler Stress Einfluss auf unsere Gene hat.

Kommt es oft vor, dass Menschen wortlos verschwinden?
Es gibt nach wie vor keine Statistiken. Als ich vor rund 15 Jahren anfing, mich mit diesem Phänomen zu beschäftigen, erkannte ich schnell, dass fast jeder jemanden kennt, der ohne Begründung verlassen wurde oder selbst das Band auf diese Weise zerschnitt. Mittlerweile ist Ghosting geradezu epidemisch geworden. Menschen ghosten ihre Bekanntschaft, den Therapeuten oder gar Arbeitgeber. In der Dating-Welt gehört es standardmässig zur Umgangskultur.

Dennoch können die meisten schlecht damit umgehen, wenn sie auf Datingportalen wie Tinder oder Parship einfach «gelöscht» werden.
Aber offenbar tun sie es selbst genauso, ansonsten hätten nicht 80 Prozent bereits Erfahrungen mit Ghosting gemacht. Onlinedating hat den Kontaktabbruch überhaupt erst salonfähig gemacht. Ein Klick – und der andere ist verschwunden. Ganz einfach. So erspart man sich die unangenehme Konfrontation, Rechtfertigung oder Kritik – vor allem aber Zeit. Lieber greift man zum nächsten Date, denn das Regal auf den Plattformen ist ja mit weiteren, vermeintlich besseren Anwärtern prall gefüllt. Jeder ist bloss eine Option unter vielen – auch man selbst. Passt einer nicht, geht er eben retour.

Das klingt wie Onlineshopping.
Genau so sehe ich das. Wir haben die Gesetze aus der Warenwelt auf uns selbst übertragen, und wenn in allen Bereichen das Bestellprinzip gilt, warum nicht auch in Beziehungen? Wir verdinglichen uns selbst. Zudem lautet der Tenor auf diesen Plattformen: Ich suche nach dem Richtigen, nach dem Besten. Allerdings tappt man da in eine Falle. Die Auswahl an potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten ist so unübersichtlich, dass sich niemand mehr entscheiden mag – aus Angst, weil ja immer noch etwas Besseres kommen könnte.

Wegen dieses Verhaltens sammeln viele relativ schnell Frust an. Warum bleibt man trotzdem dabei?
Es ist eine Art Sucht. Und die macht irgendwann nur noch unglücklich, weil man die Kontrolle abgibt. Meine Interviewpartner im Buch, die Tinder oder andere digitale Dating-Spielarten verwenden, erklären fast unisono, es sei wie Bewerbungen sichten. «Ich kann 100 Menschen in einer Viertelstunde von rechts nach links wischen. Ich kann nicht aufhören, weil ich dann das Gefühl habe, dass ich hinter dem nächsten Wisch endlich meinen Traummenschen finde.»

Sind Romantiker demnach besonders suchtgefährdet?
Ja, und in ihrem Verhalten oft am lieblosesten. In Umfragen zeigt sich, dass vor allem jene, die von dem Einen oder der Einen träumen, vom Prinzen oder der Prinzessin, besonders dazu neigen zu ghosten. Sie wollen Glanz, keine Routine. Die Realität hat aber mit Beziehungsarbeit, Alltag und Kompromissen zu tun. Absurderweise ist es also gerade die Überromantisierung der Liebe, die sie zerstört. Schiebt sich die kleinste Störung in das Idealbild, geht man zum Nächsten.

Wie wirkt sich das auf die Art aus, wie wir Beziehungen führen?
Fatal. Den meisten Onlinedating-Nutzern fehlt die Geduld, mehr Zeit zu investieren. Alles passiert im Zeitraffer. Der erste Kontakt, die nicht virtuelle Begegnung und das Ende. Man sieht ja gleich, ob es passt. Doch selbst Berater von Partnervermittlungs-Plattformen erklärten mir, dass man mindestens sieben Dates brauche, um den anderen wirklich kennen zu lernen. Liebe ist ein Prozess.

Liebe birgt aber auch Risiken – und deshalb meiden sie manche lieber.
Das ist so, es gibt wohl keinen Bereich im Leben, der unsicherer ist als die Liebe. Aber macht das nicht gerade ihren Reiz aus? Manche Datingplattformen wollen die Liebe mit Algorithmen berechnen. Doch das gesteuerte Matching und der Anspruch, dass Bindungen einem stets etwas bringen müssen, lassen die Liebe nicht atmen. Statt uns hinzugeben, werden wir immer mehr zu Controllern unseres eigenen Liebeslebens.

Was macht das mit uns als Gemeinschaft?
Ich finde es in vieler Hinsicht schädlich, dass Unzuverlässigkeit und Unberechenbarkeit heutzutage als normal angesehen werden. Ich erkenne in den Gesprächen mit Ghosts auch einen Geiz an Gefühlen, Zeit und Ressourcen. Kleinkrämerei bei gleichzeitiger Risikominimierung. So aber entsteht nichts. Wir brauchen tiefer gehende Beziehungen, auch, um unsere Ängste im Zaum zu halten. Wenn wir so weitermachen, wird eine Generation von Beziehungsängstlichen heranwachsen.

Tina Soliman: «Ghosting. Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter». Klett-Cotta-Verlag, 358 Seiten.

Erstellt: 23.09.2019, 11:05 Uhr

Zur Person

Tina Soliman beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem plötzlichen Kontaktabbruch, sei dies als Autorin («Funkstille») oder als Dokumentarfilmerin für diverse deutsche TV-Formate. In ihrem aktuellen Buch «Ghosting» widmet sich die 52-jährige Deutsche dem plötzlichen Verschwinden von Menschen im digitalen Zeitalter.

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