«Der grösste Feind ist der Nachbar»

Gerhard Polt, Monument des deutschen Kabaretts, interessiert sich nicht fürs Aktuelle, sondern fürs Akute. Zum Beispiel dafür, dass fremdenfeindliche Parolen wieder salonfähig sind.

«Manchmal muss man die Dinge einfach aussitzen»: Gerhard Polt im Zürcher Restaurant Kindli. Foto: Dominique Meienberg

«Manchmal muss man die Dinge einfach aussitzen»: Gerhard Polt im Zürcher Restaurant Kindli. Foto: Dominique Meienberg

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Nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Die Menschen sind im Stress. Sie auch?
Nein. Warum auch?

Vielleicht weil auch Sie noch Besorgungen machen, Geschenke kaufen, das Fest vorbereiten müssen.
Bei uns gibts Gans mit Knödel. Schon immer. Alles andere lasse ich an mir vorbeiziehen.

Shopping ist demnach kein Thema für Sie. Black Friday?
Ich nehm es zur Kenntnis. Sie werden jetzt von mir aber nicht zu hören ­bekommen, wie schrecklich das ist. ­Anderes ist wichtiger.

Was?
Wasserstoff zum Beispiel.

Ernsthaft?
Ich bin für die Auftritte hier in der Schweiz mit einem Wasserstoffauto hergefahren. Ich glaube, dieser Stoff wird in der aktuellen Umweltdebatte viel zu wenig beachtet.

Wie kommen Sie darauf?
Das ist ein unglaublich starker Energieträger. Hochexplosiv, ja. Wenn man es aber richtig macht, kann man damit heizen, fahren, sogar fliegen. Aber ich bin kein Experte. Ich kann nur davon ­erzählen, dass mir Ludwig Bölkow dies bereits vor 30 Jahren zu erklären versucht hat.

Wer ist Ludwig Bölkow?
Ein Ingenieur und Chef eines deutschen Flugzeugherstellers, der später zu einem der grössten Luft-, Raumfahrt und Rüstungskonzerne der Welt mutierte. Ich war damals zusammen mit Dieter Hildebrandt bei Bölkow zum Tee eingeladen worden.

Zwei Kabarettisten bei einem Rüstungskonzernchef?
Ja, zu Recherchezwecken. Es ging eigentlich um Nuklearenergie. Er war übrigens dagegen. Für unser Bühnenprogramm betrieben wir einen solchen Aufwand. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sie haben recht, wir schweifen ab. Zurück zur Umweltdebatte. In der Schweiz gingen die Grünen als grosse Sieger aus den Wahlen hervor ...
... und haben dennoch keinen Bundesratssitz erhalten ...

Genau. Auf politischer Ebene bewegt sich dennoch einiges. Und viele ­Menschen beschäftigt die Frage: Was kann ich tun, um die Umwelt zu retten? Können Sie weiterhelfen?
Nein. Man muss was tun, klar. Aber was? Das ist die Frage. Ich bin aus der Nachkriegsgeneration, und mir wurde Sparsamkeit eingebläut: Teller aufessen, Lichterlöschen beim Hinausgehen. Ich glaube, Umweltschutz ist auch eine Erziehungsfrage. Aber was man genau tun muss ... den Kauf von Hybridautos wie bei uns in Deutschland mit 4000 Euro subventionieren? Da sag ich: Ich bin Fussgänger und krieg nix.

Leben wir in besonders widersprüchlichen Zeiten?
Nein. Das war doch schon immer so. Nehmen wir die Römer. Hoch entwickelt, bestens ausgebautes Rechtswesen. Kaiser Augustus soll gar nachhaltiges Bauen gefördert haben. Aber sie hielten Menschen als Sklaven, gleichgestellt mit Hunden. Und heute? Ich hab ein Haus in Italien. Nicht weit von da gibt es Erntehelfer aus Bangladesh, die 3.50 Euro pro Stunde verdienen. Davon müssen die armen Teufel fürs Wohnen dem Arbeitgeber direkt wieder was abgeben. Und Arbeitsschutz gibts natürlich keinen. In solchen Beispielen zeigt sich doch, dass der Begriff Mensch auch heute immer noch verteidigt werden muss.

Sie sagten einmal, nicht das Aktuelle, sondern das Akute interessiere Sie.
Ja. So wie Neuigkeiten heute teilweise verbreitet werden, mit diesen schnellen Push-Nachrichten, schlagwortartig, gilt das für mich mehr denn je. Es ist zentral, dass wir die Dinge im Kontext sehen – ganz besonders bei komplexen Themen wie Umweltschutz oder Migration.

Tiefgang – ein Mittel gegen Populismus?
Ja! Wer sich mit den Dingen eingehend befasst, ist sicherlich resistenter dagegen und lässt sich weniger schnell ­erregen.

In Deutschland erregt die rechtspopulistische Partei AfD viele Gemüter. Zu Recht?
Figuren wie Björn Höcke sind ja eigentlich ein gefundenes Fressen für Karikaturisten. Aber zu lachen gibts da aus meiner Sicht nicht viel. Was er oder auch Leute wie Gauland sagen, ist anachronistisch, zum Teil gar bösartig. Letzterer meinte ja einmal, dass der Nationalsozialismus ein Vogelschiss der Geschichte sei. Das ist nicht harmlos.

Können Sie das ausführen?
Lassen Sie es mich so sagen: Man hat während der Weimarer Republik auch Hitler karikiert und niemals gedacht, dass eine solche Idee wahr werden könnte. Man muss einfach sehen, dass ein Teil der Menschen radikal ist. Ich hab irgendwo gelesen, dass dieser Wert stets bei etwa 20 Prozent liegt.

Was macht Sie dennoch hoffnungsfroh?
Zum Beispiel die Ausstellung, die meinem Freund, dem österreichischen Kabarettisten Otto Grünmandl, in Tirol, seiner Heimat, nach seinem Tod gewidmet wurde. Otto war mit 14 Jahren im KZ. Nur ein paar Jahrzehnte später wird mit einem solchen Menschen völlig ­anders umgegangen. Die Zeiten können sich ändern, auch hin zum Besseren.

Kann stoisches Aussitzen manchmal auch eine Lösung sein, um den Herausforderungen der heutigen Zeit zu begegnen?
Bei Fremdenfeindlichkeit nicht. Aber wenn Kim Jong-un in Nordkorea eine Bombe testet, dann schon. Oder beim Black Friday. Da kannst du nix machen, ausser aussitzen.

Sie sind bekannt dafür, bei Ihren Auftritten auch einfach mal nur so dazusitzen. Wie wichtig ist Sitzen in Ihrem Leben?
Das ist verankert in meinem Charakter. Ich war immer nur semi-sportlich. Ist eine sehr umweltfreundliche Haltung.

Sie prägten mal den Begriff vom Herumsinnlosen.
Ja, ich bin noch immer ein begeisterter Herumsinnloser. Aber es ist ja nicht so, dass dann nichts passiert, weil irgendetwas passiert immer. Kindergelächter in der Ferne oder ein Staubpartikel im Sonnenlicht – man muss dessen nur ­gewahr werden.

Klingt für mich ganz nach einem dieser Achtsamkeitskurse, die derzeit en vogue sind.
Damit habe ich nichts zu tun. Ich hab das Dasitzen nie als Übung praktiziert oder gar als etwas Halbreligiöses.

«Mir gefällt der Frosch als Tier an sich: Gute Humoristen zeigen eine andere Sicht auf die Dinge.»

Stichwort Religion. Sie sind ja im bayerischen Wallfahrtsort Altötting aufgewachsen. Was lernt man an einem solchen Ort über Religion?
Vor allem lernt man zu beichten. Das Sündenregister kann ich heute noch auswendig. Zudem wurde mir in dieser Zeit die physische Präsenz des Teufels eingebläut. Als Bub rechnete ich jederzeit damit, dass der Beelzebub mich einsacken kann.

Glauben Sie an Gott?
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Hölle.

Sind Sie also gläubig?
Wir sind alle gläubig. Denn gläubig bedeutet ja eigentlich: Es nicht zu wissen. Ich darf glauben, dass ich, wenn ich hier nach diesem Interview vor die Tür trete, nicht stolpere. Aber wissen tu ichs nicht, nur glauben. Also bin ich ein hoffnungsvoller Gläubiger.

Glauben und Humor ist eine schwierige Kombination. Einverstanden?
Ja, wo hört er auf? Wo beginnt die ­Blasphemie? Diese Frage, wann ausgelächelt ist, ist eine sehr wichtige in meinem Leben.

Und haben Sie eine Antwort gefunden?
Nein. Aber sicher ist: In einer Diktatur hört das Lachen ganz schnell auf.

Sie engagieren sich für das Forum für Humor in München. Der Plan ist, eine Art Akademie der lustigen Künste aufzubauen. Warum ist das wichtig?
Gegenfrage: Ist Demokratie ohne ­Humor denkbar?

Engagiert sind Sie auch an der Bayerischen Staatsoper. In der Operette «Die Fledermaus» spielen Sie den Zellenschliesser Frosch, der die Funktion des Kommentators innehat. Passt perfekt, oder?
Ja. Aber mir gefällt auch das Tier an sich: der Frosch. Er schaut alles von unten an, hält Distanz und ist doch näher dran als der Vogel. Seine Perspektive finde ich interessant. Denn eigentlich geht es bei meiner Arbeit als Kabarettist genau darum: den Perspektivenwechsel. Gute Humoristen zeigen eine andere Sicht auf die Dinge.

Sie nehmen in Ihren Bühnenstücken gerne die Position des Grantlers ein, des Nörglers, der sich im kleinen Nachbarschaftsstreit gross aufregen kann.
So lässt sich einfach besser nachvollziehen, warum der grösste Feind des Menschen der Nachbar ist. Jeder ist eines Nachbars Nachbar. Auf der ganzen Welt gilt das. Ganze Armeen von Anwälten beschäftigen sich darum mit nichts anderem als Ästen, die über Gartenzäune hängen. In dieser kleinen Welt finde ich Ideen für meine Stücke.

Im Garten meines Nachbarn steht ein Weihnachtsbaum, der ähnlich leuchtet wie ein Operationssaal. Dass dieses grelle Licht mein Schlafzimmer erhellt, nervt mich. Bin ich deshalb ein Bünzli?
Na ja, es gibt schon Nachbarn, die einem viel zumuten. Aber ich würd es hier mal mit einem Gespräch versuchen, vielleicht können Sie auch einfach mal fragen, ob er denn dieses Licht tatsächlich schön findet. Was seine Gründe sind, das Ding aufzustellen. Seine Antwort er­öffnet Ihnen vielleicht völlig neue Perspektiven.

Ehrlich gesagt, das glaube ich nicht.
Dann hilft vielleicht nur noch, das Ganze mit Humor zu nehmen.

Ja. Oder ich lasse mich von Ihrem Konversationslexikon «Der Grosse Polt» inspirieren. Sie hatten es als «Anleitung für mehr Kreativität bei Beleidigungen» angepriesen.
Ja, auch das kann helfen. Wenn Sie schon beleidigen müssen, dann seien Sie wenigstens kreativ dabei.

Erstellt: 14.12.2019, 07:12 Uhr

Der Film «Man spricht Deutsh» machte ihn berühmt

Gerhard Polt (77) gehört zu den wichtigsten Humoristen im deutschsprachigen Raum. Der mehrfach ausgezeichnete Kabarettist (Salzburger Stier 2019) wurde vor allem durch seine Auftritte im deutschen TV berühmt, seine Persiflage auf den deutschen Touristen, «Man spricht Deutsh», ist ein Filmklassiker. Polt ist seit 1971 verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes. Er lebt am bayerischen Schliersee. (cix)

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