Reisen

Die Toskana abseits des Rummels

Für einmal weder Florenz noch Pisa oder Siena: Die Toskana weist eine so hohe Kulturdichte auf, dass man auch auf dem Land auf seine Kosten kommt. Zum Beispiel in der Heimat des Universalgenies Leonardo da Vinci.

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Den Jakobsweg braucht man heute niemandem mehr vorzustellen. Dieses Wegnetz, das sich aus Mitteleuropa wie ein Trichter nach ­Santiago de Compostela hinzieht zum Grab des heiligen Jakobus, hat sich zu einer festen touris­tischen Attraktion entwickelt.

Viel weniger bekannt ist der Pilger­weg zu einem weit prominenteren religiösen Ziel: Die Via Francigena (Frankenweg) von Can­ter­bury über Lausanne nach Rom. 1994 auf Antrag des italie­nischen Tourismusministeri­ums vom Europarat zur Europäischen Kulturstrasse erklärt, steht er nach wie vor im Schatten seines spanischen Bruders. Daran hat auch die Wanderung der Schweizergardisten 2006 anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Grün­dung der päpstlichen Schutz­truppe nichts geändert.

Egal, warum die Leute sich auf Pilgerwege begeben – sie werden damit automatisch zu einem wirtschaft­lichen Faktor. Denn sie müssen sich zumindest verpflegen und brauchen eine Unterkunft. Das war schon im Mittel­alter so; findige Geschäftsleute sorgten darüber hinaus auch ­dafür, dass die Pilger sich zum Beispiel mit Reliquien eindecken konnten, die sie als Erinnerung an ihre vielleicht einzige Reise ihres Lebens nach Hause bringen konnten.

Heute wäre man mancherorts froh, man könnte die Magnetwirkung dieser Route erneu­ern – vielleicht nicht unbedingt in Lausanne, aber bestimmt im Herzen der Toskana. Dort ­haben sich elf Gemeinden zusammengefunden, um ihr Gebiet – das Empolese Valdelsa – touristisch zu fördern. Ein Blick auf die Karte zeigt, warum das Sinn macht: Mitten­ im Dreieck Florenz-Pisa-Siena müssen sie versuchen, aus dem Schatten der drei übermächtigen Hotspots zu treten.

Empolese Valdelsa.

Der Einfluss eines Pilgerwegs

Es sind das Tal des Flusses Elsa, der bei Empoli in den Arno mündet, und die sich entlang dieser Gewässer erstreckende Hügellandschaft, die diese Region prägen. Parallel zur Elsa verläuft zumeist in der Höhe die Via Francigena zwischen Lucca und San Gimignano. Zwei der elf Gemeinden – Fucecchio und Gambassi Terme – liegen unmittelbar am Pilgerweg, drei weitere – Castelfioren­tino, Certaldo und Montaione – stehen zu ihm in direkter Beziehung.

Sie alle besitzen sehenswerte Kulturdenkmäler, die an­ders­wo in Europa bestimmt begehrt wären. Dasselbe lässt sich von den Mitgliedsgemeinden um Empoli sagen, insbesondere von Cerreto Guidi und von Vinci. Hin­zu kommt die abwechslungsreiche Hügellandschaft mit ihren Olivenhainen und Weinbergen und ihren immer wieder über­raschenden Ausblicken. Eine Gegend­ zum Ausspannen und Abschalten, ohne dass es einem langweilig werden könnte.

Apropos Ausspannen: Für moderne «Pilger» bietet sich das Thermalbad in Gambassi Terme an der Via Francigena an, wo schon Etrusker und Römer das salzhaltige Wasser genutzt hatten. Dazu ein Besuch in der spätromanischen Kirche Santa Maria in Chianni mit seiner Pilgerherberge, die bereits 990 vom Erz­bischof Sigerich von Canterbury in seinem Reisebericht erwähnt wurde.

Im benachbarten Montaione empfiehlt sich ein Besuch der Altstadt, vor allem aber ein Abstecher ins nahe «Jerusalem von San Vivaldo»: Eine Wallfahrtsstätte an einem bewaldeten Hügel, wo in einer Reihe von Kapellen mit eindrücklichen, be­mal­ten Terrakotta-Figuren Ereignisse aus dem Leben und der Leidensgeschichte Christi dar­gestellt werden.

Ihre Anordnung ent­spricht dem damaligen Grund­riss von Jerusalem – dem neben Rom und Santiago dritten berühmten mittelalterlichen Wall­fahrts­ort. Eine päpstliche Bulle von 1516 gewährte den Pilgern an diesem Ort nicht nur Ablass­, sondern anerkannte die Wallfahrt hierhin als Ersatz für jene nach Jerusalem.

Boccaccio und Gozzoli

Certaldo unten im Tal der Elsa verdankt seine Berühmtheit dem Decamerone-Autor Giovanni Boccaccio, der hier 1375 starb. Mit einer Zahnradbahn erreicht man die rundum noch befestigte mittelalterliche Altstadt mit drei Toren, in der Boccaccios Haus – heute Museum und Bibliothek – steht. Sein Grab findet man in der benachbarten Kirche Santi Jaccobo e Filippo.

Der ausgedehnte Palazzo Pretorio am Ende der Hauptgasse spiegelt die lokale Geschichte mit den Familienwappen der Stadthalter, die im Auftrag von Florenz die Stadt ab 1292 verwalteten. Wenige Kilometer flussabwärts trifft man in Castelfiorentino ein ausser­gewöhnliches Museum an: 2009 eingeweiht, beeindruckt der Bau durch seine originelle Architektur und die Terrakotta-Verkleidung.

Im Innern des Museums BeGo sind die Fresken des Florentiner Malers Benozzo Gozzoli zu bewundern, die er zwischen 1484 und 1490 für zwei Taber­nakel malte, die an Zugangs­wegen zur Stadt standen, welche an einem zweiten Ast der Via Francigena lag. Und im benachbarten Montespertoli kommen Musikfreunde im Museum Amadeo Bassi auf ihre Rechnung: ­Leben und Karriere dieses 1872 hier geborenen Opernstars und die italienische Operntradition werden auf sympathische Weise präsentiert.

Im Jagdrevier der Medici

Empoli am Arno, mit knapp 50 000 Einwohnern das Zentrum des Gebiets, ist ein angenehmer Kontrast zu den ländlichen Gemeinden mit seiner fast schachbrettartigen Altstadt und der Piazza Farinata degli Uberti als Mittelpunkt. Stadtgeschichtlich interessant ist das Glas­museum MuVe, kunstgeschichtlich das Kollegiatsmuseum neben der Kirche Sant’Andrea.

In nächster Nähe liegen der alte Hafenort Limite, die Keramikstadt Montelupo Fiorentino mit einem beeindruckenden Museum, das die Produktion seit dem 13. Jahrhundert abbildet, sowie zwei Orte, ­deren Namen mit Berühmtheiten verknüpft sind: In Cerreto Guidi liess Cosimo I. de’ Medici eine Jagd­residenz in Form eines schlossähnlichen Palastes erbauen, dessen Besichtigung man sich nicht entgehen lassen sollte.

Und in Vinci erinnert nicht nur das Geburtshaus an Leonardo, sondern auch ein modernes Museum in der alten Burg, das den be­rühm­ten Sohn des Ortes nicht als Künstler, sondern als Architekt, Technologe und Maschinenbauer ehrt. Danach steigt man hoch auf die Plattform des Turms, um ein letztes Mal die toskanische Landschaft auf sich einwirken zu lassen.

www.toscananelcuore.it

Diese Seite ist das Resultat einer von Toscana nel Cuore organisierten Pressereise.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.02.2018, 16:21 Uhr

Empoli

Zug oder Direktflug

Die Anreise führt über Florenz, das per Flug ab Zürich in rund einer Stunde erreicht wird, per Bahn in rund 6 Stunden. Von Florenz mit dem Regionalzug nach Empoli in 30 Minuten. Im Empolesa Valdensa ist man mit einem Mietwagen am besten bedient.

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