Race-Knopf, zweiter Gang, Vollgas

Wer sind diese jungen Fahrer, die so protzige Autos fahren und in den letzten Tagen mit BMWs drei Unfälle gebaut haben?

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Noch ein bisschen, dann ist der Motor warm genug. «Wie viel Zeit hast du?», fragt Oliver Schildknecht, wechselt kurz hintereinander manuell die Gänge am Lenkrad, checkt, wie viel Leistung die Karosse abruft, Newtonmeter, Motoröltemperatur, Kilowatt. Das Biest knurrt sich warm. Drinnen leuchten so viele Knöpfe wie in einem Cockpit, draussen ziehen SVP-Wahlplakate vorbei, Burger Kings, Industrie und verlassene Höfe. Agglo-Zürich, Kloten-Anflugschneise.

Unter Schildknecht arbeiten 520 PS. «Der streut aber locker hoch bis zu 540, 550», sagt er, «wart, ich muss das Getriebe hochkriegen.» Im Auspuff explodieren kleine Tröpfchen unverbrannten Benzins, per Software vom Hersteller eingestellt. Der Auspuff knallt, Schildknecht lächelt. Wie die Jungs an der Busstation, wenn die Karosse vorbeifährt.

Und dann ist der Motor warm genug. Schildknecht drückt den Race-Knopf, geht in den zweiten Gang, gibt Gas. Das Biest nimmt einen Satz. Flucht nach vorn. 520 Pferdestärken drücken einen in den Sessel, bei einer Geschwindigkeit von nicht mal 80 Kilometern pro Stunde, die Welt bleibt kurz stehen, ein Gefühl wie auf der Achterbahn. Wenn es vorbei ist, will man nochmal. Race-Knopf, zweiter Gang, Vollgas. Beschleunigung.

Leistung und Performance

Oliver Schildknecht und Davide Cenami, beide 22 Jahre alt, kennen das Gefühl seit ihrer Kindheit. Es begann mit den Töffli, ging weiter mit den Rollern, zum Töff und dann zum ersten Wagen. Heute arbeiten die beiden in der Garage von Cenamis Vater, der sich auf BMW spezialisiert hat. Sie schrauben, werkeln, senken, heben, lackieren. Fünf Luxussportwagen vermieten sie mit SC Sportcars. «Es geht gar nicht um die Geschwindigkeit, es geht um den Sound», sagt Cenami, das Knurren, das Fauchen, das Heulen. «Wenn einer vorbeifährt, erkenne ich am Ton, was er gemacht hat», sagt Schildknecht.

In Internetforen tauschen sich die Sportwagenfans über die Beschleunigung aus: Wie schnell schafft es der Wagen von 100 auf 200 Kilometer pro Stunde, das ist wichtig. Beim BMW begeistern Schildknecht die Linie, die Form, die Bauweise, die Leistung und Fahrgefühl. Ihm ist klar: «Ich werde mir wieder einen BMW holen.»

«Wenn einer vorbeifährt, erkenne ich am Ton, was er am Auto gemacht hat».Oliver Schildknecht

Der BMW gehört unter den Autos zu den angenehmeren Gefährten. Kräftig, mächtig, sicher, schnell. Und doch steht die Marke gerade in Verruf. In Dietikon fuhr ein 20-Jähriger mit einem BMW M5 in einen Ford Focus, darin Frau und Kind. Die beiden wurden schwer verletzt ins Spital eingeliefert. In Effretikon prallte ein 19-Jähriger mit seinem BMW in einen Kleintransporter. In Rupperswil knallte ein 23-Jähriger bei Fahrspielen in ein Fabrikgebäude. Auch er: unterwegs in einem BMW, Typ M6. Die Unfälle geschahen innert neun Tagen, und es entbrannte eine Debatte. Wer sind diese Fahrer? Warum machen die das? Und weshalb immer BMW?

Schlimmer Unfall in Dietikon: Der junge Lenker des BMW verletzte eine 42-jährige Frau und ihre 4-jährige Tochter schwer. Foto: Kantonspolizei Zürich

Aldo Ziroldo hat von den jüngsten Unfällen gehört. Sie regen ihn auf, fürchterlich sogar – und sie schmerzen ihn. Der 51-Jährige verkauft für die J. Stocker AG in Neuenhof AG BMW-Autos – und er ist gut darin («Man sagt es»), rund 100 BMW bringt er jährlich an Mann und Frau. Doch nun sorgt sich Ziroldo. Um den Ruf von BMW, aber auch um seine Kunden, die typischen BMW-Fahrer, ein Begriff, den er immer wieder wiederholt. «Der typische BMW-Fahrer ist überlegt und kennt sein Fahrzeug.» Doch dieser BMW-Fahrer wird in diesen Tagen angefeindet.

Da sind die Vorurteile aus dem Volk. Prolos, Plöffsäcke, Asphaltmachos. Ziroldo kennt sie, vielleicht auch deshalb macht er momentan einen Bogen um die Onlinekommentarspalten der Boulevardzeitungen. Dort wird gerade besonders hämisch über BMW und seine Fahrer gelästert.

«Chum, mer gönd en M5 go hole»

Es ist eine Folge davon, dass sich BMW in den vergangenen Jahren nach neuer Kundschaft umgeschaut hat. Der typische BMW-Fahrer von heute unterscheidet sich von dem von vor 20 Jahren. BMW hat sein Angebot verbreitert, das Leasinggeschäft hat die teuren Wagen erschwinglich gemacht.

Einerseits für Familien, andererseits auch für jüngere, weniger wohlhabende Menschen. Manchmal hört Ziroldo sie sagen: «Chum, mer gönd en M5 go hole.» Dann zieht sich in ihm etwas zusammen. «Ich gehe Milch holen oder Brot. Aber sicher keinen BMW. Und schon gar keinen M5.»

«Das ist kein Biest, man macht ihn zum Biest.»Aldo Ziroldo, BMW-Verkäufer

Ziroldos Spezialgebiet sind die BMW mit dem M, die schnellen und besonders starken Wagen. Jene auch, die nun im Verruf stehen. In seiner Garage steht ein alpinweisser BMW M5 mit pechschwarzem Dach und Lenkradheizung. Zwei Tonnen schwer, 625 PS stark, 300 km/h schnell. Ein Biest. Auf einer Skala von 1 bis 10 liegt ein M5 der Bayerischen Motorenwerke für Verehrer von ausgeklügelten Motorenwerken sehr nahe am Idealzustand. 180000 Franken – und man fährt direkt ins BMW-Nirwana.

«Das ist kein Biest», sagt Ziroldo über den M5. «Man macht ihn zum Biest.» Er erzählt, dass er bei sich zu Hause ein unscharfes Katana-Samurai-Schwert auf dem Fensterbrett ausgestellt habe. «Nicht das Schwert macht Dummheiten, sondern die Person, die es in der Hand hält», sagt Ziroldo. Ähnlich verhalte es sich mit einem BMW und insbesondere mit den M-Modellen. Der Fahrer rase – und nicht das Auto. Den Umgang mit dem Fahrzeug müsse man daher lernen. «Es braucht Selbstdisziplin, dazu viel Wissen. Und Demut. Demut vor seiner Stärke», sagt Ziroldo.

Tränen in den Augen

Demut kennen auch Oliver Schildknecht und Davide Cenami. «Viele verstehen gar nicht, was sie da fahren», sagt Schildknecht. Dann werde es gefährlich. «Wenn wir Wagen vermieten, warnen wir den Kunden, erklären, wie alles funktioniert, was alles passieren kann, was es kostet, und sagen, dass sie sich mindestens eine halbe Stunde an das Fahrzeug gewöhnen müssen», sagt Cenami.

Wenn es draussen unter 7 Grad Celsius ist, geben sie keine Wagen raus, ihr Mietvertrag verbietet das Ausschalten des ESP (Electronic Stability Program). Es greift ins Fahrverhalten ein, stabilisiert das Auto, verhindert ein Durchdrehen der Räder. Ist es ausgeschaltet, kann das Heck ausbrechen, wie bei dem schlimmen Unfall in Dietikon vor zwei Wochen. Und trotzdem gibt es den Knopf, bei BMW heisst er sogar ausdrücklich «Drift Mode». «Mehr als verbieten, ihn auszuschalten, können wir nicht. Der Fahrer muss die Verantwortung übernehmen», sagt Cenami.

Er selber fährt einen Maserati Granturismo MC Stradale. Genau den, den er als Junge vom Beifahrersitz seiner Mutter aus mal auf dem Weg von St. Gallen nach Zürich gesehen hat. «Es war fast, als hätte ich mich verliebt», sagt er, «ich konnte nur noch an das Auto denken, schaute immer wieder Bilder von ihm an.» Als er ein paar Jahre später den Schlüssel in der Hand hatte, hatte Cenami Tränen in den Augen.

Schneller fahren, als man eigentlich will

Der Autofahrer ist in den vergangenen Jahren zu einem Forschungsobjekt geworden, über ihn entstand so manche Studie. Etwa jene, dass Menschen ihren Autos gleichen – oder dass das beobachtende Menschen zumindest so empfinden. Stärker etwa als Hundehalter ihren Hunden (auch darüber gibt es Studien). Eine Erklärung für die Ähnlichkeiten liegt darin, dass ein Auto Anhaltspunkte für Alter, Geschlecht und sozialen Status liefern kann. Ein Beispiel: Einer älteren Dame würde man kaum einen Pitbull zuordnen – oder einen BMW M5.

Eine andere Studie zeigt, dass gewisse Menschen mit gewissen Autos schneller fahren, als sie eigentlich wollen. So steigen manche Porsche- oder BMW-Fahrer mit Schweisshänden aus dem Auto, weil es plötzlich zu rasant war. Marken verpflichten offenbar.

«Es ist ein einfaches Mittel, um sich zu repräsentieren.»Psychotherapeut Gerhard Bliesbach

Gerhard Bliesbach hat als Psychotherapeut Tiefeninterviews mit Autofahrern gemacht und bald gemerkt: Das Auto ist mehr als nur ein Wagen. Es ist hochemotional. Und es wird schnell zum Statussymbol und Gerät der Selbstausstülpung. «Es ist ein einfaches Mittel, um sich zu repräsentieren und seine Position in der Gesellschaft zu wechseln.» Bliesbach meint: das eigene Ansehen steigern. Zeigen, dass man es geschafft hat.

Auch die beiden jungen Zürcher fahren ihre Autos gerne aus. Doch wichtiger sei das gemeinsame Schrauben. «Damit sind wir aufgewachsen», sagt Schildknecht. Ihre Garage ist ein Treffpunkt. «Natürlich denken die Leute, ich sei ein Raser, weil mein Motor laut ist. Dabei fahre ich nicht zu schnell, wenn es nicht erlaubt ist», sagt Schildknecht. «Wenn ich weiss, dass ich irgendwo vor Leuten parkieren muss, lasse ich meinen Maserati zu Hause», sagt Cenami. Man wisse ja mittlerweile, wie die Menschen reagierten.

Erstellt: 18.10.2019, 22:04 Uhr

Trendwende und Tuning

BMW galt lange als werthaltige und vor allem konservative Automarke. Doch vor 30 Jahren schafften die Münchner gemäss Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer den Wandel, sie legten sich sportlich aus und schufen «den Porsche in Limousinenform». BMW wurde zum Massstab im Motorenbereich und kam auch wegen des Tuningtrends bei vielen jungen Menschen zu grosser Beliebtheit. Heute gibt es drei Tuning-Premium-Marken: Mercedes AMG, Audi Sport und BMW M. 2018 verkaufte AMG 118'000 Fahrzeuge, BMW M 102'000. Der Absatz von Audi Sport ist nicht bekannt. (czu)

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