Ständige Überforderung ist Gift für den Körper

Krankmachender Stress: Will man nicht beim Herzinfarkt enden, ist eine Lebensänderung angesagt. Unterstützende Medikamente sind erst in Erprobung.

Gewohnt, alles gleichzeitig zu tun: Frauen bewältigen Stress meist leichter als Männer. Foto: Iakov Filimonov / Alamy Stock Photo

Gewohnt, alles gleichzeitig zu tun: Frauen bewältigen Stress meist leichter als Männer. Foto: Iakov Filimonov / Alamy Stock Photo

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Brigitte Meier* stand auf der Sonnenseite des Lebens. Sie war gut ausgebildet, hatte eine anspruchsvolle Stelle mit gutem Einkommen, als sie Anfang 30 ihren Mann in gleicher Position kennen lernte. Das Eheglück wurde durch zwei Kinder ergänzt: Mit 34 bekam Meier eine Tochter, mit 35 einen Sohn. Doch dann begannen die Probleme. Meier konsultierte eine Psychotherapeutin und klagte: «Abends bin ich völlig erschöpft, schlafe todmüde ein, wache zwei Stunden später auf und bin am Grübeln. Tagsüber fahrig, vergesslich, gereizt mit den Kindern und dem Mann. Bei der Arbeit versuche ich, alles einigermassen unter Kontrolle zu halten, bin aber total überfordert.»

Diese Stresssymptome plagten Brigitte Meier als Folge der dauernden Überforderung: Sie und ihr Mann behielten ihr 100-Prozent-Arbeitspensum, um sich ihr neues Haus leisten zu können. Da sie kein Kindermädchen fanden, spannten sie die Grossmutter ein. Wenn die Kinder sie um 19.30 Uhr erstmals am Tag sahen, stürzten sie sich auf die Mutter. Sie tat nun alles, um wenigstens in der knappen Zeit und vor allem am Wochenende ganz für die Kinder da zu sein. Als Perfektionistin wollte sie auch allen Ansprüchen gerecht werden, sodass sie die Beziehung zu ihrem Mann vernachlässigte, der dann auch prompt bald schmollte.

Mit ihren Lebensumständen steht Brigitte Meier nicht allein da. In der Schweiz leidet jeder vierte Erwerbstätige unter Stress und fühlt sich erschöpft. Betroffen sind vor allem jüngere Berufstätige. Dies geht aus dem Job-Stress-Index von 2016 hervor, einer Studie der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz.

«Es lohnt sich, zu fragen, ob es den Selbstwert wirklich tangiert, wenn man Abstriche macht
bei den Ansprüchen.»
Ulrike Ehlert, Psychotherapeutin Universität Zürich

Verheerend ist, dass der Wandel vom erlebten Glück ins Unglück schleichend verläuft. Das gilt meist auch für die körperlichen Entwicklungen hin zur Erkrankung. Anders ist es bei schockierenden psychischen Erlebnissen – etwa bei einer Vergewaltigung oder im Krieg. Solch einschneidende Erlebnisse können zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen.

Populärwissenschaftliches Wissen über Vorgänge bei Stress machte der deutsche Biochemiker und Systemforscher Frederic Vester bereits 1976 in der Fernsehserie «Phänomen Stress» zugänglich. Der Haupttenor damals: Stress führt zur Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin – eine natürliche Abwehrreaktion. Diese veranlasst zum Beispiel Affen, unsere Primatenverwandten, sich durch Bewegung wie das Klettern abzureagieren. Heute wissen wir aufgrund zahlreicher Tierversuche viel mehr über die kaskadenhaften Vorgänge, welche Stress übers Hirn auslöst (siehe auch Kasten).

Lebensumstände ändern

Von Tests bei Menschen wissen wir zudem, dass Frauen Stress oft anders verarbeiten als Männer. Dieses Verhalten konnte Ulrike Ehlert, Psychotherapeutin an der Universität Zürich, aufzeigen. Frauen, die von sich behaupten, gegen Stress widerstandsfähig zu sein, verfügen über einen regelmässigen Monats­zyklus, was für eine stabile Freisetzung der Sexualhormone spricht. Zudem sorgt Östrogen, das vor allem während des Menstruationszyklus’ aktive Hormon, dafür, dass Frauen Stress leichter bewältigen können. «Auch Frauen, die stillen, haben aufgrund der Freisetzung des Hormons Oxytocin einen niedrigen Cortisolspiegel», hat Ulrike Ehlert beobachtet.

Doch fundierteres Wissen über Stress hilft in unserem Fall nicht weiter. Brigitte Meier könnte sich höchstens damit trösten, dass sie als Mann noch mehr unter dem Stress leiden würde. Den Gang zum Hausarzt mit der Bitte um Schlaftabletten hat sie zum Glück unterlassen. Stattdessen suchte sie Rat bei einem Psychotherapeuten. «In einem solchen Fall gibt es nichts anderes, als die Lebensumstände zu ändern. Sich zum Beispiel auch zu fragen, woher diese hohen Ansprüche an die eigene Person kommen und ob es den Selbstwert wirklich tangiert, wenn man Abstriche bei den Ansprüchen macht», sagt Psychotherapeutin Ehlert. Auch den über 50-Jährigen, die trotz Arbeitsstress letztlich froh sein müssen, nicht ausgemustert zu werden, rät sie, mit kleinen Verhaltensänderungen zu versuchen, die Arbeitssituation kontrollierbarer zu machen. Oder sich zu hinterfragen, ob man die Bedeutung der eigenen Arbeit womöglich überschätzt.

Medikamentöse Ansätze

Als Gegenstrategie rät sie nicht zu körperlichem Auspowern, wie es die kletternden Primaten tun. Das Ventil zum Abreagieren kann sehr individuell sein wie Laufen, Basteln oder Gartenarbeit – nur Spass soll es machen. Dennoch gibt es Ansätze, gewisse Stresserkrankungen auch medikamentös anzugehen. Ausgehend von der Beobachtung, dass unter Stress ausgeschüttetes Cortisol beim Prüfling den Abruf von erworbenem Wissen behindert, hat der Neurowissenschaftler Dominique de Quervain von der Universität Basel die Abgabe von Kortison eingesetzt, um das Wiedererleben von traumatischen Situationen zu vermindern. Bei der Abgabe von kleinen Tagesdosen von 10 Milligramm während eines Monats gehe es nicht darum, «die traumatische Erinnerung zu verdrängen, sondern sie zu normalisieren». Die erste Machbarkeitsstudie von 2004 erwies sich als erfolgreich, zwei weitere zeigten ebenfalls einen nachhaltigen Effekt. Doch vor klinischen Anwendungen sind weitere Studien nötig.

Auch bei Angststörungen haben de Quervain und Ehlert auf den Effekt von Cortisol gesetzt. Sie haben Spinnenphobiker aufgefordert, es im Beisein dieser Tiere auszuhalten, nachdem sie vorher einmalig die Dosis von 25 Milligramm Kortison erhalten hatten. Dadurch konnten die Patienten tatsächlich leichter erfahren und erlernen, dass sie Spinnen ohne Angst begegnen können. Ferner konnten die Forscher zeigen, dass Kortison den Effekt einer Verhaltenstherapie verstärkt. Nun ist eine internationale Studie in Planung. Sie soll zeigen, ob sich dieser Ansatz auch in der Praxis bewährt.

* Name von der Redaktion geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2018, 18:44 Uhr

Kaskade zum Infarkt

Stress bewirkt im Hirninnern, im Hypothalamus, dass das Corticotropin-Hormon freigesetzt wird. Dieses Hormon veranlasst die Hirndrüse Hypophyse, das Hormon Adreno-Corticotropin zu produzieren. Dadurch wird in der Nebenniere Adrenalin und in deren Rinde Cortisol, das körpereigene Kortison, ausgeschüttet. Damit nicht genug: Die Hypophyse produziert auch Stoffe, welche das Schlafhormon Melatonin blockieren.

All diese Hormone kurbeln den Stoffwechsel an: kurzfristig mit dem positiven Effekt, dass dadurch unsere Aufmerksamkeit auf hohem Stand gehalten wird. Längerfristig hingegen wirkt der Hormonsturm schädigend und kann zu Mehrfacherkrankungen führen. Anhaltender Stress treibt den Blutdruck in die Höhe. Bluthochdruck führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zu gesteigertem Hungergefühl, das wiederum Übergewicht und Diabetes verursacht. Das aus den Fugen geratene Immunsystem seinerseits öffnet Asthma und Hautkrankheiten (Psoriasis) Tür und Tor. Zudem reagiert das Angstzentrum überaktiv, die Erneuerung der Hirnzellen wird gestoppt. Dazu kommen Schlafstörungen und Depressionen. Letztlich kann dies zu Herzrhythmusstörungen mit möglichem Herzinfarkt führen, wie der Berner Psychotherapeut Roland von Känel anhand von Studien aufzeigte. (chr)

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