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Aus dem Bildarchiv der Winterthurer BibliothekenLiebe Grüsse vom Wurstmahl

Der Stadtsängerverband hielt jeden Januar sein Wurstmahl ab. 1903 verschickten die Sänger gar Postkarten mit tanzenden Schweinen von diesem Anlass nach Hause.

Grusskarte vom Wurstmahl des Stadtsängervereins 1903. Eines von über 60‘000 Bildern, die im Online-Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken frei betrachtet werden können.
Grusskarte vom Wurstmahl des Stadtsängervereins 1903. Eines von über 60‘000 Bildern, die im Online-Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken frei betrachtet werden können.
Foto: Bildarchiv.winterthur.ch

Das Wurstmahl des Stadtsängervereins war eine Tradition und fand alljährlich im Januar statt. Die Beteiligung war jeweils ziemlich rege, und man traf sich im grossen Saal des Casinos, dort, wo der Stadtsängerverein jeweils auch seine Proben abhielt oder zu Abendunterhaltungen lud. Zum Wurstmahl 1903 liess sich einer der Stadtsänger etwas Spezielles einfallen: «Eine freundliche Überraschung bereitete unser Mitglied, Herr Buchbinder Sulzer, jedem Teilnehmer durch Widmung einer speziellen Wurstmahlpostkarte. Die Karten mit ihren tanzenden und musizierenden Säulein wurden mit Dank acceptirt & am gleichen Abend noch an Frau & Kind, Freunde und Bekannte adressirt», heisst es im Protokollbuch des Vereins.

«Neiau! nei! gel?»

Fröhlich tanzende Schweinchen als Grusskartensujet für ein Wurstmahl? Heute, wo die vegetarische Lebensweise zum guten Ton gehört und Veganismus hip ist, mutet das etwas seltsam an. Immerhin findet sich auf der Karte die handschriftliche Bemerkung «Neiau! nei! gel?», doch von grossem Entsetzen ist da nicht viel zu spüren.

Der Verzehr von Fleisch und Wurst wurde damals kaum hinterfragt, doch alltäglich war er nicht. Bessere Fleischstücke gab es nur an Feiertagen, und man ass vom Tier nicht nur Braten und Filet, sondern mehr oder weniger alles zwischen Kopf und Schwanz, wie Kochbücher aus dem 19. Jahrhundert bezeugen. Da finden sich Rezepte für die Zubereitung von gedünsteten Schweineschwänzchen, Kalbskopf in Specksauce, Ochsenzunge oder gebackenes Kalbseuter …