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Theater WinterthurLiebe, Tod und Leidenschaft

Die Saison 2020/21 im Theater Winterthur startet im September mit Bizets Oper «Carmen».

Ulrich Matthes (links) im Deutschen Theater Berlin in «Der Menschenfeind
» von Molière
. Matthes gilt zurzeit als einer der besten Schauspieler im deutschsprachigen Bereich.
Ulrich Matthes (links) im Deutschen Theater Berlin in «Der Menschenfeind
» von Molière
. Matthes gilt zurzeit als einer der besten Schauspieler im deutschsprachigen Bereich.
Foto: Arno Declair

Thomas Guglielmetti, Programmleiter des Theaters Winterthur, legte am Dienstag das Menü für die neue Saison vor. Es verspricht gleich zu Beginn einen Leckerbissen für die Freunde fetziger Opernarien: George Bizets «Carmen». Sie ist reich an Ohrwürmern, und auch inhaltlich enthält das Werk alles, was man sich von einer Oper wünschen kann: die Liebe und das Verlangen, das den Tod in Kauf nimmt.

Für «Carmen» reist eine Truppe der Oper Dortmund an, mit der das Theater Winterthur erstmals zusammenarbeitet, im Orchestergraben sitzt das Musikkollegium Winterthur; mit dabei ist der Kinderchor «Notefäger» aus Wiesendangen. Die Premiere der Inszenierung von Nikolaus Habjan ist zwei Wochen davor in Dortmund geplant. In der Sparte Musiktheater gibt es sodann weitere Klassiker, darunter Verdis «Macbeth» und Puccinis «Turandot»; die Musicalfreunde können sich auf «Anatevka» freuen.

Freuds «Traumdeutung»

Auch in der Sparte Schauspiel vermeldet das Programm ein paar Highlights: So zeigt am Ende der Saison das Deutsche Theater Berlin Molières «Menschenfeind», mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle, ausserdem gibt es unter anderem Sartres zeitloses existenzialistisches Meisterwerk «Geschlossene Gesellschaft», das Lehrstück «Biedermann und die Brandstifter» von Max Frisch und «Shakespeare in Love» nach dem gleichnamigen Film von Marc Norman und Tom Stoppard.

Elias Perrig inszeniert den Tschechow-Klassiker «Der Kirschgarten» mit dem Ensemble des Theaters Kanton Zürich, und Bruno Cathomas spielt die Hauptrolle in Wajdi Mouawads Drama «Vögel», das Stefan Bachmann in Szene setzt.

«‹Novecento› ist szenisch genial geschrieben.»

Thomas Guglielmetti, Programmleiter Theater Winterthur

Gespannt darf man auf das sein, was Ben Kidd und Bush Moukarzel zu Sigmund Freuds epochaler «Traumdeutung» einfällt; das britisch-irische Theaterduo bringt seine multimediale «Traumwerkstatt» im Wiener Burgtheater auf die Bühne und fliegt damit im Juni 2021 nach Winterthur. Ferner inszeniert Programmleiter Thomas Guglielmetti mit dem Schauspieler Sebastian Krähenbühl das Stück «Novecento» von Alessandro Baricco. Das sei «szenisch genial geschrieben» und wohl noch vor dem gleichnamigen Roman entstanden, versichert Guglielmetti.

In der Sparte Tanz wird die Saison mit dem Nederlands Dans Theater eröffnet, das Junior-Ballett Zürich zeigt drei Uraufführungen und das Kindertanztheater Claudia Corti das Musical «Der Zauberer von Oz».

«Wir werden spielen»

Jedes Programm des Theaters Winterthur habe eine Vorlaufzeit von etwa zwei Jahren, sagt Guglielmetti, der jetzt bereits mit den Arbeiten für die Spielzeit 2021/22 beschäftigt ist. Ob alles wie geplant stattfinden kann, ist noch ungewiss, aber Guglielmetti glaubt fest daran: «Ich gehe total davon aus, dass wir in irgendeiner Form spielen werden.» Das hofft offenbar auch das Publikum: Seit Dienstagmorgen laufe das Telefon der Theaterkasse heiss. «Die Leute wollen wieder Kunst sehen und auch wieder in Gesellschaft sein», sagt Guglielmetti. Die Neugier sei «riesengross».

Die Idee, im Publikum jeden zweiten Platz unbesetzt zu lassen, liegt auf der Hand, doch viele Häuser würden damit ökonomisch schnell an ihre Grenzen stossen, auch etwa das Zürcher Opernhaus, das sich daher vehement gegen die 2-Meter-Regel wehre, wie Guglielmetti weiss. Eine Lockerung der Massnahmen werde zurzeit rechtlich abgeklärt.

«Wir hatten im März keinen einzigen Fall einer Ansteckung.»

Thomas Guglielmetti, Programmleiter Theater Winterthur

Recht gut scheinen die Vorkehrungen für das sogenannte Contact-Tracing, die Rückverfolgung von Kontakten, zu funktionieren. Bereits bei der letzten Aufführung von Goldonis «Diener zweier Herren» im März hinterliessen die Besucherinnen und Besucher am Eingang Name und Telefonnummer, um für den Fall, dass eine Ansteckung bekannt werden sollte, erreicht werden zu können. Nun bitte man bei jedem Ticketkauf an der Kasse um Angabe der Mailadresse. Im März habe es keinen einzigen Fall einer Ansteckung gegeben, sagt Guglielmetti.

Mit der Möglichkeit von Absagen, aus welchem Grund auch immer, müssen sich die Theater so oder so beschäftigen. Für die Saisoneröffnung mit «Carmen» heisst das nun konkret, dass nicht nur die Grenzen bis dahin wieder offen sein müssen. Das Ensemble in Dortmund muss auch ausreichend Zeit haben, um zu proben, und das hängt von den Bedingungen in Deutschland ab. Er sei mit allen Häusern in Kontakt und bespreche, was in welchem Fall zu unternehmen sei, sagt Guglielmetti.

Schutzkonzept in Ausarbeitung

In der Schweiz seien zudem die Leitungen der Theaterhäuser zusammen mit den Theater- und Orchester-Verbänden daran, ein Schutzkonzept auszuarbeiten. Im Prinzip muss für die Absage einer Aufführung ein behördliches Verbot vorliegen, damit sich das Theater auf die Einwirkung höherer Gewalt berufen kann. Sonst sind die Gagen trotzdem fällig. Aber diese würden auch dann bezahlt, wenn die rechtliche Lage nicht eindeutig ist, sagt Guglielmetti: «Wir wollen ja, dass die Theater im nächsten Jahr wieder zu uns kommen.»

Bis Ende Mai kann sich beim Theater melden, wer sich das Eintrittsgeld für eine ausgefallene Vorstellung rückerstatten lassen will. Aber auch wenn sich jemand später melde, sei man kulant, versichert Guglielmetti. Allerdings sei es so, dass sich die meisten Ticketbesitzer bis jetzt nicht gemeldet hätten. «Wir wissen also nicht, ob sie den Ticketpreis spenden wollen.» Eine Spende könne von den Steuern abgezogen werden.