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LomoLob des Bastelns

In unserer wöchentlichen Kolumne sinniert Autor Johannes Binotto über das Basteln.

Das Basteln hat den Geschmack des Unseriösen. Wer von jemandem sagt, er sei «ein Bastler», meint das selten als Kompliment, sondern möchte damit zum Ausdruck bringen, dass es dem Betreffenden an Professionalität mangelt. Auch dass Kinder so gern basteln, führt bei den Erwachsenen gern dazu, dass sie nur drüber lächeln können.


Tatsächlich aber ist das Basteln eine maximal kreative Tätigkeit, weil es nämlich voraussetzt, dass man bei Gegenständen nie nur sieht, was sie sind, sondern auch, was sie sein könnten. Drum schreibt etwa auch der Ethnologe Claude Lévi-Strauss an einer Stelle voller Bewunderung über die Bastler, da diese nämlich im Gegensatz etwa zu den Ingenieuren nicht davon abhängig sind, ob Werkzeuge oder Rohstoffe zur Verfügung stehen, sondern fähig sind, immer mit dem, was grad zur Hand ist, auszukommen.


Um zum Basteln fähig zu sein, muss man die Dinge also immer auch ihrem ursprünglichen Gebrauch entreissen und sie wieder neu entdecken. Und nun beginnen wir auch zu verstehen, warum das Basteln eigentlich eine subversive Tätigkeit ist: Während die Händler uns nämlich nur immer wieder was Neues verkaufen möchten und am liebsten für jede Tätigkeit eine eigene Maschine, machen die Bastler bei diesem wilden Konsum nicht mit, und statt immer was Neues zu kaufen, machen sie lieber aus dem, was sie bereits haben, was Neues. Wenn ich mir hingegen nur immer Konsumsteigerung vorstellen kann, dann bin ich wahrscheinlich schlicht zu dumm zum Basteln.


Daran muss ich denken, wenn ich mich danach sehne, dass endlich wieder alle Läden aufmachen. Ob ich dabei nicht vergesse, dass wir uns im Lockdown vielleicht etwas viel Grösseres zugelegt haben, als was es in irgendeinem Laden zu kaufen gibt? Die Fähigkeit zum Basteln werden wir nämlich auch in Zukunft dringend brauchen, sei es im Umgang mit der Natur, deren Ressourcen bekanntlich ebenfalls begrenzt sind, oder im Umgang mit Krankheiten, gegen die wir noch keine Mittel haben. Übrigens sind auch Liebesbeziehungen – sofern man sie nicht jedes halbe Jahr wechseln will – eine andauernde Bastelei. Und wahrscheinlich ist überhaupt das ganze Leben nichts anderes als ein grosses Gebastel. Machen wir also das Beste draus, statt drauf zu hoffen, dass es ein besseres Leben fixfertig im nächsten Laden zu kaufen gibt. Gibts nämlich nicht.