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Meinung zu Sex und GewaltLust auf Mord

Längst ist der sadomasochistische Sex im Mainstream angekommen. Nur wird seine Tolerierung immer häufiger zum Vorwand systematischer Gewalt.

Nicht alle halten einvernehmliche Praktiken für vertretbar: In London wurde gegen den Film «Fifty Shades of Grey» protestiert.
Nicht alle halten einvernehmliche Praktiken für vertretbar: In London wurde gegen den Film «Fifty Shades of Grey» protestiert.
Foto: Alamy Stock

Es mehren sich dunkle Hinweise, dass die Liberalisierung der Sexualität Männer dazu ermutigt, Frauen vorsätzlich zu töten. «Rough sex gone bad», sagen die Mörder dann, deuten ihre Tat zum Unfall um und kommen manchmal vor Gericht damit durch: mit dreckigem Sex, der ausgeartet sei. Die englische Kriminologin Elizabeth Yardley warnt in einer neuen Studie, dass die mediale Permissivität sadomasochistischer Praktiken immer häufiger als Drehbuch für den Sexualmord funktioniere. Und sie werde ausgerechnet mit der Gleichberechtigung der Geschlechter gerechtfertigt. «50 Shades of Grey» brachte die Playmobil-Version davon: Streichel-Sadismus. Ein globaler Hit.

Im letzten Jahr schockierte ein Gerichtsfall im deutschen Krefeld. Ein Paar hatte sich nach der Hochzeit auf eine 48-stündige sadomasochistische Auseinandersetzung eingelassen. Dabei verletzte der Mann seine Frau so schwer, dass sie an den Folgen starb. Er beteuerte, die Tätlichkeiten seien im gegenseitigen Einverständnis erfolgt, das sei seit Jahren so gewesen. Der Mann habe seine Frau systematisch kontrolliert, sagte ihr Sohn, räumte aber ein, dass sie ihn geliebt habe. Das Gericht sprach eine Strafe auf Bewährung aus.

Sex in Varianten

Je extremer die sexuellen Praktiken ausarten, desto wichtiger wird ihre Voraussetzung dafür: Einvernehmlichkeit der Partner. Freier Sex umfasst alles, was erwachsene Menschen freiwillig miteinander machen. Ob sie zu zweit oder zu zwanzigst sind, ob Männer es mit Männern treiben und Frauen mit Frauen, ob sie auf Leder, Stiefel oder Peitsche stehen, ob sie den Küchentisch oder die Parkbank bevorzugen, spielt keine Rolle. Das sah schon Sigmund Freud so.

Die sexuelle Liberalisierung der letzten Jahrzehnte hat eine Befreiung von Scham und Heimlichkeit bewirkt. Wer in der katholischen Hölle oder der protestantischen Dürre aufgewachsen ist, wird mit Schaudern an seine Kindheit zurückdenken.

Gewaltfantasien von Frauen

Dass nicht nur Männer Gewaltfantasien haben, sondern auch Frauen, und dass solche Fantasien die Erregung steigern durch Intensität das schliesst auch Eva Illouz nicht aus, die feministische Soziologin. Sexuelles Begehren aus einer sozialen Dominanz heraus, sagte sie im Gespräch, sei nicht dasselbe wie gemeinsam ausgelebte Fantasien von Dominanz und Unterwerfung. Mit der Liberalisierung der Wünsche kommt die Sehnsucht nach Anerkennung. BDSM kürzt sich die neue Bewegung der Gefesselten ab: Bondage und Disziplin, Sadismus und Masochismus. «Der Zweck des Verbots ist seine Übertretung», hat der französische Soziologe Marcel Mauss geschrieben. Indem die BDSM-Leute ein Recht auf Beachtung verlangen, verlängern sie ihre neue Freiheit ins Gewöhnliche.

Im einen Extrem führt die liberalisierte Sexualität zum Mord, im anderen zur Biederkeit.

7 Kommentare
    Karl Steinbrenner

    An die Herren Huber, Smit, Bertrand und Engler:

    Ihre Einlassungen klingen verdächtig stark nach Christian Morgensterns Palmström oder "dass nicht sein kann, was nicht sein darf".

    Zwei Lektüre-Hinweise:

    -> We Can’t Consent To This

    und:

    -> Nov 4 ‘Rough sex’ doesn’t kill women, their abusers do. My new research revealing the realities of so-called ‘sex games gone wrong’

    Der untere Hinweis bezieht sich auf einen Artikel, den die Autorin Elizabeth Yardley geschrieben hat und Bezug nimmt auf ihre Studie, auf deren Abstract auch ein Link in J.-M. Büttners Artikel verweist.

    Es geht also um pseudoritualisierte Triebmorde, begangen von Männern an Frauen.

    Die Männer bedienen sich des Konstrukts der "Einvernehmlichkeit" bei der Ausübung von Sexualpraktiken mit tödlicher Wirkung und glauben mit der Beteuerung von unbeabsichtigten Fehlhandlungen davonzukommen: Unduly Lenient Sentence, also ungerechtfertigt milde Strafen.

    Im Artikel steht auch, dass die untersuchten Todesfälle nicht "aus dem Blauen" heraus geschahen, sondern sechs von zehn Tätern bereits wegen Gewaltkriminalität bestraft worden waren.

    Das heisst mithin, dass die normale Gewaltkriminalität das BDSM-Milieu für Mord und Totschlag instrumentalisiert. Damit ist die "Reinheit"

    und "Harmlosigkeit" dieses Milieus kompromittiert.

    Da hilft kein Definitionsgeschwurbel zur Abgrenzung und kein Kopf-in-den-Sand-stecken mehr.