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Landluft-KolumneMaurer,
Moralin und
Meeresluft

Wer heuer seine Sommerferien im Ausland verbringt, muss sich rechtfertigen – oder doch nicht?

Landluft-Kolumne
Landluft-Kolumne
Illustration: Ruedi Widmer

Patriotisch war der Appell von Bundesrat Ueli Maurer: «Machen Sie Ferien in der Schweiz! Geben Sie das Geld hier aus!» Politiker reden uns ins Gewissen, die Sommerferien gefälligst hierzulande zu verbringen. Die Landesregierung öffnete zwar Mitte Juni die Grenzen zu Deutschland, Frankreich und Österreich. Doch sie impfte jedem, der über den Schlagbaum schielte, ein schlechtes Gewissen ein. Es grenzt an Landesverrat: Ich mag das Meer mehr als die Berge. Also getraute ich mich über die Grenze und fuhr mit dem Zug in die Bretagne.

Wie von der Meeresluft verweht waren meine Skrupel. Denn zuvor hatte ich die Werbekampagne «Restart Switzerland» gesehen. Der Slogan in den TV-Spots: «Alles hängt zusammen – unterstütze die Schweizer Wirtschaft». Augenzwinkernd sollen die Filmchen sein, moralinsauer sind sie in Wirklichkeit. Da kauft etwa ein Rolf im Dorfladen eine Packung Chips. Dadurch kann der Ladenbesitzer seiner kleinen Tochter eine Glace kaufen. Das Töchterchen bekleckert damit das Hemd seines Onkels, chemische Reinigung, erneut wird Geld ausgegeben und so weiter und so fort.

Olivier, mein bretonischer Ferienwohnungsvermieter, kriegte von mir 1400 Euro. Mit dem Geld kann er sich eine Schweizer Uhr oder eine Packung Husten-Kräuter-Zältli kaufen. Oder Ferien in der Schweiz machen. Frankreich ist eines unserer wichtigsten Exportländer. Die Zusammenhänge enden eben nicht an der Staatsgrenze. Doch Corona hat bei manchen Patrioten den geistigen Horizont schrumpfen lassen. Dank Ferien am Meer bin ich erholt, kann wieder für die Schweizer Wirtschaft arbeiten und so meine Steuern zahlen. Wo also ist das Problem?