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Leitartikel zum JahreswechselMehr vorausschauen statt nur reagieren

Die Schweiz hat trotz politischem Zickzackkurs das Corona-Jahr 2020 einigermassen gut überstanden. Das künftige Krisenmanagement sollte sie aber verbessern.

Ob hier im Sommer wieder Feste gefeiert werden? Der fast menschenleere Graben am Stephanstag 2020.
Ob hier im Sommer wieder Feste gefeiert werden? Der fast menschenleere Graben am Stephanstag 2020.
Foto: Madeleine Schoder

Vielleicht wird man einst, wenn man sich an 2020 erinnert, vom «verlorenen Jahr» sprechen: Das Jahr, in dem die Olympischen Spiele nicht stattgefunden haben, die Fussball-Europameisterschaft verschoben wurde und das Albanifest ausgefallen ist. Man wird mit Schaudern von den Masken erzählen, die man in den Läden und Zügen tragen musste, davon, dass sogar das Händeschütteln verboten war, vom Küssen gar nicht zu reden. Wie man dereinst den Umgang der Schweiz mit der Krise beurteilen wird, lässt sich heute, am letzten Tag des verlorenen Jahres 2020, noch nicht genau sagen. Zu sehr ist unsere Wahrnehmung noch bestimmt von den täglich wechselnden Zahlen und Prognosen. Sicher positiv ausfallen wird das Urteil der Geschichte in Bezug auf die Rettung der Schweizer Wirtschaft. Dutzende Milliarden Franken aus der Staatskasse haben verhindert, dass Firmen zu Hunderten Konkurs gegangen sind und Tausende ihren Job verloren haben. Angesichts der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens und des wochenlangen Shutdowns ist das alles andere als selbstverständlich. Noch wichtiger ist, dass unsere Spitäler dem Ansturm der Covid-Erkrankten standhielten und ihren Betrieb, im Gegensatz etwa zu Italien oder Spanien, stets aufrechtzuerhalten vermochten. Zu verdanken haben wir das ganz wesentlich dem unermüdlich tätigen Pflegepersonal.

All das hat allerdings jenen nicht geholfen, die am Virus gestorben sind, vor allem in den Alters- und Pflegeheimen. Dass ihre Zahl höher ist als in vielen anderen europäischen Ländern, wird man rückblickend als beschämenden Aspekt unserer Krisenbewältigung kritisieren. Ursache ist die mangelnde Vorbereitung auf die zweite Welle, vor der alle Experten gewarnt haben, die aber die Politik und die Bevölkerung in den scheinbar unbeschwerten Sommermonaten nicht ernst genommen haben. Statt das Contact-Tracing im Sommer massiv auszubauen und die Covid-App für obligatorisch zu erklären, beschäftigten sich die Behörden deshalb lieber mit Konzepten, wie man Fussballstadien wieder mit 25000 Zuschauern füllen könnte. Der rasante Anstieg der Fallzahlen im Herbst liess das Tracing-System kollabieren und zwang den Bundesrat, die Fans wieder aus den Sportarenen auszusperren. Vielleicht wird es eine der Lehren sein, die wir aus 2020 ziehen, dass es besser und billiger ist, vorausschauend Masken einzulagern und Tracing-Zentren auszubauen, als im Nachhinein notfallmässig Restaurants und Bergbahnen zu schliessen. «Gouverner, c’est prévoir» heisst der bewährte Regierungsgrundsatz.

Den Kopf schütteln dürfte die Nachwelt darüber, wie sehr der Föderalismus eine effiziente Seuchenbekämpfung behindert hat. Nach der erfolgreichen Eindämmung der ersten Welle hatten die Kantone kategorisch verlangt, dass eine weitere ausserordentliche Lage unbedingt zu vermeiden sei. In Appenzell und Erstfeld sei man besser imstande, geeignete Massnahmen zu ergreifen als im Bundeshaus. Eine zentralistische Corona-Politik schade nur dem Föderalismus. Die zweite Welle beweist das Gegenteil: Die Kantone sind mit der Situation überfordert, agieren zu langsam und zu uneinheitlich. In einem mühsamen und langwierigen Konsultationsverfahren muss der Bundesrat immer wieder korrigierend eingreifen. Eine globale Krise kann man nicht auf föderalistische Art bekämpfen: eine weitere Erkenntnis, die wir aus diesem Jahr mitnehmen könnten.

Provisorisch könnte man also 2020 als «mit einem blauen Auge davongekommen» beurteilen. Wesentlich optimistischer sieht der Blick ins neue Jahr aus. Dank internationaler Zusammenarbeit wurde in Rekordzeit ein Impfstoff entwickelt und produziert. Jetzt müssen wir nur noch imstande und willens sein, die Bevölkerung rasch und umfassend zu impfen. Dann dürfen wir zuversichtlich sein, dass mit dem Frühling die Normalität allmählich zurückkehrt, dass vielleicht im Sommer wieder Volksfeste stattfinden und wir uns wieder die Hände schütteln dürfen. Wann es so weit ist, erfahren Sie wie immer aus dem «Landboten»! Ich wünsche Ihnen einen guten und gesunden Start ins neue Jahr 2021!

3 Kommentare
    Hans-Jürg Illi

    Guter und umfassender Artikel - nur die Beurteilung der Leistung unserer (meist bürgerlichen) Politiker wird massiv schöngeredet. Wie kann man von "einigermassen gut überstanden" schreiben, wenn die Schweiz im europäischen Vergleich so schlecht abschneidet? Immer wurde viel zu spät reagiert, die Massnahmen waren schlecht vorbereitet oder ungenügend und die Behörden schoben sich die Kompetenzen gegenseitig zu.

    Vermutlich werden wir bis im Frühling 10'000 Tote haben. Möglicherweise wird sich dann die Lage durch die Impfungen im Sommer 2021 langsam verbessern.

    Trotzdem - bleiben Sie gesund im 2021 !