Zürichsee

«Träge» ZSG steuert in ungewisse Zukunft

Der Technikchef entlassen, der Direktor einziger Kandidat für den Posten, und Kritik am fehlenden Unternehmertum. ZSG-Präsident Peter Weber aber ist überzeugt: Die ZSG ist auf Kurs.

Wohin geht die Reise für die ZSG? Unsicher ist die Zukunft vor allem für die grosse Rundfahrt auf dem See.

Wohin geht die Reise für die ZSG? Unsicher ist die Zukunft vor allem für die grosse Rundfahrt auf dem See. Bild: Michael Trost

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Die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) schippert seit der Abschaffung des Schiffszuschlags vor der Sommersaison 2018 auf einer Erfolgswelle. Mit 1,8 Millionen Fahrgästen war das vergangene Jahr rekordverdächtig gut – und vieles deutet darauf hin, dass auch das Jahr 2019 erfolgreich sein wird. «Wir liegen trotz des schlechteren Frühlingswetters bei den Passagierzahlen nur etwa 2 Prozent hinter dem Vorjahr», sagt ZSG-Verwaltungsratspräsident Peter Weber.

Alles im grünen Bereich also? Mitnichten. Die ZSG steht nach wie vor unter finanziellem Druck des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV). Als der Schiffsfünfliber abgeschafft wurde, forderte die Zürcher Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) die ZSG auf: Ärmel hochkrempeln und unternehmerischer werden.

Der Kostendeckungsgrad, also jener Teil der Betriebskosten, den die ZSG ohne Finanzhilfe des Kantons stemmen kann, muss höher werden. Lag er vor der Einführung des Zuschlags bei 36 Prozent, erhöhte er sich mit Fünfliber auf 50 Prozent. Die 2018 – wiederum ohne Zuschlag – erreichten 43 Prozent stimmen den ZVV fürs Erste zufrieden. Aber, das machen sowohl der ZVV als auch die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion klar, das reicht noch nicht.

Wie hoch sind die Kosten?

ZSG-Verwaltungsratspräsident Peter Weber, seit 2000 im Amt, tritt im Gespräch mit dieser Zeitung die Flucht nach vorne an: «Mit den Kosten von 56 Franken pro gefahrenen Schiffskilometer oder 11 Franken pro Passagier gehören wir zu den günstigsten Schifffahrtsgesellschaften der Schweiz.» Das habe ein Benchmarking des Branchenverbandes gezeigt.

ZSG-Verwaltungsratspräsident Peter Weber. Archivfoto: Moritz Hager

Dass die ZSG einen Spitzenplatz einnimmt, kann Susy Senn, Geschäftsführerin des Verbands Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen, nicht bestätigen. Vergleiche zwischen den einzelnen Unternehmen seien sehr schwierig, weil alle Firmen anders organisiert seien und die Grösse und das Alter der Flotte einen Einfluss auf das Kostenverhältnis hätte. Und zudem: Das Benchmarking sei zuletzt 2014 erfolgt. Kurzum: Dieser Vergleich bringt der ZSG nichts.

Die ZSG ist hoch subventioniert

Auch Peter Weber muss ein Problem gleich selber zugeben: «Wir sind hoch subventioniert.» Das liegt vor allem an den vergleichsweise tiefen Billettpreisen, weil die ZSG im Vergleich zu anderen Schifffahrtsunternehmen im ZVV-Verbundtarif eingebunden ist.

Weil die ZSG im Verkehrsverbund ist, kann sie die Ticketpreise nicht selber bestimmen. Im Bild: Eine alte ZVV-Werbekampagne. Foto:PD

Aber selbst wenn die ZSG den Benchmark-Vergleich für sich für bare Münze nimmt: Warum hat die ZSG während des Schiffsfünfliber-Jahres nicht versucht, sich damit aus der Schusslinie zu nehmen und die Verantwortung für den Fünfliber mehr auf die Politik abzuschieben? «Die Zahlen waren uns so noch nicht bekannt damals», sagt Weber.

Zuschlag auch Idee der ZSG

Es gibt aber noch einen anderen Grund: Er konnte gar nicht gegen den Schiffsfünfliber ankämpfen – denn der Verwaltungsrat hatte sich selbst dafür eingesetzt: «Es stimmt, dass das Ziel der Ertragssteigerung auch auf meinen Mist gewachsen ist.» Die günstigen Ticketpreise auf dem Zürichsee waren schon länger ein Thema. «Ich muss zugeben, dass mich die Heftigkeit der Reaktionen schon überrascht hat», sagt der in der Au wohnhafte Weber rückblickend.

Technikchef muss gehen

Was hat die ZSG gelernt in Sachen Unternehmertum? Wenig, wie es scheint. Mitten im Schiffsfünfliber-Jahr 2017 musste die ZSG einen neuen Cheftechniker einstellen. Das Protokoll des Bewerbungsgesprächs zwischen dem Verwaltungsrat und dem später eingestellten Kandidaten, das dieser Zeitung vorliegt, wirft kein gutes Licht auf die ZSG.

Der Verwaltungsrat sagt über die eigene Firma unter anderem: «Der unternehmerische Aspekt ist gar nicht vorhanden.» Es herrsche eine «gewisse Trägheit im Unternehmen». Weber findet, man müsse für diese Formulierungen den Kontext sehen. «Man darf bei jemandem aus der Privatwirtschaft keine falschen Erwartungen wecken.» Träg sei die ZSG bestimmt nicht: «Aber wir können zum Beispiel nicht eigenhändig die Preise unserer Tickets verändern.»

«Der unternehmerische Aspekt ist gar nicht vorhanden.»ZSG-Verwaltungsrat im Bewerbungsgespräch mit Technikchef

Die Anstellung des neuen Technikchefs wirft heute aber noch mehr Fragen auf. Denn der Technikchef (Name der Redaktion bekannt) musste diesen Sommer schon wieder von Bord, wie Weber bestätigt. «Es hat einfach nicht mehr gepasst.» Diese Zeitung weiss: Im Team kam es zuvor zu mehreren Kündigungen. «Dass wertvolle Mitarbeiter kündigen, gibt es leider überall», sagt Weber. In der Technikabteilung sei die Zahl der Kündigungen aber nicht überdurchschnittlich.

Was zum Bruch mit dem Technikchef geführt hat, will Weber nicht kommentieren. Auch das ehemalige Geschäftsleitungsmitglied selber will sich nicht äussern.

Ausriss aus dem Protokoll des Bewerbungsgesprächs mit dem Technik-Chef.

Hätte es Anzeichen gegeben, dass die Zusammenarbeit nicht ewig dauert? Wohl schon: Beim Bewerbungsgespräch notierte der Verwaltungsrat, die Motivation für die Bewerbung des Mannes sei «wenig ersichtlich». Skepsis herrschte über den Bezug des Bewerbers zur Schifffahrt. «Wir wollen Kandidaten bei einem Bewerbungsgespräch in die dünne Luft bringen», sagt Weber. «Unter dem Strich hat er einen sehr guten Eindruck gemacht.»

Knecht letzter Kandidat

Ein Einzelfall? Nein. Ausgerechnet die Besetzung des Chefpostens der ZSG im Jahr 2015 wirft aus heutiger Sicht Fragen auf. Mit Roman Knecht wurde zwar der Hauptfavorit des Verwaltungsrates zum Direktor und Nachfolger von Hans Dietrich ernannt. Doch MS Knero, wie sich Knecht in Anlehnung an Motorschiffe und seinen eigenen Namen im Vorstellungsgespräch unüblich selbst nannte, war einziger verbleibender Kandidat für den Posten.

Alle anderen Kandidaten zogen sich zurück: ZSG-Direktor Roman Knecht. Archivfoto: Sabina Bobst

Aus einem Protokoll jener Verwaltungsratssitzung im Jahr 2015 geht hervor: Nebst einem internen Kandidaten hatten sich auch die zwei letzten externen Bewerber in der Schlussrunde zurückgezogen. Sie begründeten ihren Rückzug mit der «fehlenden Perspektive zur unternehmerischen Freiheit».

Weber gibt das nicht zu denken. «Wir hatten über 120 Bewerbungen für den Job.» Aber man müsse auch hier Bewerbern die Tatsache klarmachen, dass der unternehmerische Spielraum vor allem im Bereich von Themenfahrten, Schiffsvermietungen und der Kostenoptimierung zu finden sei. Roman Knecht sei damals und auch heute ein ausgewiesener Kandidat für den Job gewesen. «Ich stehe nach wie vor hinter ihm», betont Weber.

Weg weiterverfolgen

Welchen Eindruck erweckt das auf Regierungsrätin Walker Späh, die mehr Unternehmertum gefordert hat? Personalentscheide will die zuständige Volkswirtschaftsdirektion nicht kommentieren. Mediensprecherin Beatrice Henes teilt aber mit: «Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh ist überzeugt, dass die Verkehrsunternehmen im ZVV unternehmerischen Gestaltungsfreiraum haben, allerdings nicht im gleichen Ausmass wie eine rein privatwirtschaftlich organisierte Unternehmung.» Veränderungen seien nicht von heute auf morgen möglich, aber mittel- bis langfristig. «Der eingeschlagene Weg soll konsequent weiterverfolgt und eine zusätzliche Verbesserung der Wirtschaftlichkeit angestrebt werden.»

Regierungsrätin Carmen Walker Späh erwartet, dass die ZSG noch wirtschaftlicher arbeitet. Archivfoto: Moritz Hager

All das bringt Weber nicht davon ab, positiv in die Zukunft der ZSG zu blicken. «Wir sind weiterhin bestrebt, die Wirtschaftlichkeit zu verbessern.» Mit dem neuen Fahrplan ab Dezember werde man effizienter, kostengünstiger und schaffe mehr Kapazitäten für Extrafahrten. «Das ist ein grosser Schritt im Unternehmertum.»

Damoklesschwert Rundfahrt

Die nächste Klippe kommt allerdings bereits: Mit den St. Galler und Schwyzer Gemeinden am See diskutiert der ZVV über eine neue Kostenbeteiligung. Vor allem Rapperswil-Jona hat klargemacht, dass man die Steigerung von 150000 auf 750000 Franken nicht mitmachen will. Mehr als 400000 Franken lägen nicht drin.

An diesem Beispiel zeigt sich, in welchem Korsett die ZSG steckt. Der ZVV sitzt am längeren Hebel, weil er am Verhandlungstisch sitzt – und in Sachen Angebotsplanung für den normalen Fahrplan die Federführung hat. «Ich kämpfe darum, dass die grosse Rundfahrt von Zürich nach Rapperswil auch nach 2021 bestehen bleibt», sagt Weber. Diese sieht der ZVV bei einer zu geringen Beteiligung von Rapperswil nämlich als bedroht an.

Fährt auch in Zukunft ein Schiff nach Rapperswil? Foto: Archiv ZSZ

Was macht Weber in diesem Kampf? «Ich bin im Gespräch mit dem ZVV.» Ob dieser allerdings Handlungsspielraum hat, weiss Weber nicht. Der Verwaltungsratspräsident setzt deshalb auch auf das Prinzip Hoffnung: «Die Abschaffung der Rundfahrt nach Rapperswil wäre auch ein politisches Fiasko. Spätestens seit dem Schiffsfünfliber sollte man das eigentlich wissen.»

Erstellt: 10.10.2019, 17:31 Uhr

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