The Take

Anatomie einer andauernden Obsession

Warum ich nach 13 Jahren immer noch «Grey’s Anatomy» schaue. Echt jetzt?

Meredith Grey (links) und ihre beste Freundin, Christina Yang.

Meredith Grey (links) und ihre beste Freundin, Christina Yang.

Vor kurzem habe ich den Trailer für die 15. Staffel von «Grey’s Anatomy» geschaut und mich beinahe weggeschmissen vor lauter Freude. Neue Ärzte! Neues Drama! Die mit dem?! Zum Glück war ich gerade alleine, so dass sich niemand an meinem Gekreische störte. Doch dann fragte ich mich, woran es liegt, dass die Ärzteserie auch nach 13 Jahren noch solche Reaktionen bei mir hervorrufen kann. Immerhin habe ich beinahe jede einzelne Folge gesehen. Einen kleinen Ausfall gab es nur als ich vor fast zehn Jahren mal einige Monate im Ausland war. Damals war man beim Serienschauen noch nicht so flexibel wie heute. Auf jeden Fall bin ich nicht die einzige, die «Grey’s Anatomy» treu ist: Im amerikanischen Fernsehen gibt es nur eine andere Ärzteserie, die länger über die Bildschirme geflackert ist: «Emergency Room», die legendäre Serie.

Der Trailer für die neuste Staffel von «Grey's Anatomy».

Der wichtigste Grund für die anhaltende Popularität der Serie sind sicherlich die Charaktere. Als es 2005 los ging, lernten wir die Assistenzärzte im Seattle Grace Spital kennen. Meredith, die kratzbürstige Hauptperson, deren Mutter eine Chirurgenlegende war. Oder Christina, die selbstbewusste Karrierefrau. George, der nette Typ, der bald den Spitznamen 007 verpasst bekam, weil er angeblich die Lizenz zum Töten hatte. Daneben ihre Ausbilderin Miranda Bailey, die ihre Schützlinge mit eiserner Faust führte. Und über allem schwebte der weise Chefarzt Richard Webber. Vom Originalcast sind nicht mehr viele dabei, aber sie sind unvergessen. Mit der Zeit sind sie uns ans Herz gewachsen. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich über sie spreche, als seien sie echt. «Weisst du, Meredith und Derek diskutieren gerade, wessen Karriere im Vordergrund stehen soll. Ist eben schwierig mit zwei Chirurgen, die beide Top sind. Und dann sind da natürlich noch die Kinder.» «Ah, Freunde von dir?» «Ähmm..»

Das gefährlichste Spital der Welt

Natürlich ist «Grey’s Anatomy» aber meistens auf der unrealistischen Seite, schliesslich ist es, seien wir ehrlich, eine Soap. Das heisst Drama bis zum Abwinken. Im Seattle Grace, Seattle Grace Mercy, Gray Sloane Spital oder wie es im Moment heisst, möchte ich nun wirklich nicht arbeiten. Das Spital hat schon lichterloh gebrannt und wurde von Cyberkriminellen erpresst. Ein Bewaffneter hat um sich geschossen und einmal war sogar eine Bombe in einem Patienten drin. Wirklich, in ihm drin.

Derek Shepherd rettet Meredith Grey aus der Bucht von Seattle.

Andererseits, wenn einem schon etwas Schreckliches passieren muss, dann am besten in diesem Spital. Schliesslich sind hier die besten Chirurgen des Landes, ach was der Welt versammelt. Brilliant und mit unermüdlichem Einsatz kämpfen sie um die Leben ihrer Patienten, egal ob diese an einem angeblich inoperablen Hirntumor leiden oder ob ihre Nieren Metastasen gebildet haben. Es ist als ob die Macher von «Grey’s Anatomy», das mit dem Stereotypen des Götterkomplexes mitgekriegt haben und sich gedacht haben: Da setzen wir noch einen drauf. Apropos einen drauf setzen: Genau das haben die Drehbuchschreiber beim Limmatquai getan, wo gemäss Serie eine sehr prestigeträchtige Herzklinik in einem hochmodernen Prestigebau untergekommen ist. Liebe Leute, dort hat es K E I N E N Platz für sowas. Aber cool, dass Zürich vorkommt.

Es sind die Beziehungen zwischen den Figuren, die dafür sorgen, dass man sich nicht kopfschüttelnd abwendet. Apropos Kopfschütteln: Es ist davon abzuraten «Grey’s Anatomy» mit medizinisch ausgebildetem Personal zu schauen. Da sieht man immer aus dem Augenwinkeln wie sie den Kopf schütteln und die Augen verdrehen. Doch auch sie sind nicht immun gegen die Sprüche und Begriffe aus der Serie, die es ins allgemeine Vokabular geschafft haben. Zum Beispiel McDreamy. Oder «Echt jetzt?».

Ein bunt gemischtes Ensemble

Besonders gefällt mir auch die Strategie des sogenannten farbenblinden Castings, welche die Macher um Shonda Rhimes von Anfang an gefahren sind. Das heisst, beim Auswählen der Schauspieler hat man sich nicht darum geschert, welche Ethnie sie haben, weil die Charaktere nicht als Mitglieder einer bestimmten Ethnie konzipiert wurden. Das ist offenbar im amerikanischen Fernsehen immer noch eine Seltenheit. Es hat auf jeden Fall dazu geführt, dass das Ensemble bunt gemischt ist. Die Ver­wer­fungsli­nien, die der Rassismus in den USA immer noch aufwirft, werden auch immer wieder angesprochen. So zum Beispiel in einer bewegenden Szene, als die Chefärztin Miranda Bailey, eine schwarze Frau, ihrem 13-jährigen Sohn erklärt, wie er sich zu verhalten hat, wenn ihn ein Polizist anhält. Er darf definitiv keine grosse Klappe haben. Da musste schon das eine oder andere Taschentuch gezückt werden.

Miranda Bailey erklärt ihrem Sohn, wie er sich als schwarzer Mann gegenüber der Polizei zu verhalten hat.

Auch LGBTQ Charaktere sind sehr prominent vertreten und zwar so, dass ihre Sexualität nicht ihre ganze Persönlichkeit ausmacht. Top ist die Serie was die Vertretung von Frauen angeht: Zum Schluss der letzten Staffel wurden alle Chirurgieabteilungen sowie die gesamte Chirurgie von Frauen geleitet. Wie man das genau schaffen kann, wenn man alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist, sei dahingestellt, es ist auf jeden Fall grossartig. Schade nur, dass Hauptdarstellerin Ellen Pompeo während Jahren weniger Lohn erhalten hat, als ihr Leinwandehemann Patrick Dempsey. Und das, obwohl sie wie gesagt, die Hauptrolle hat. Toll, dass sie sich nun gewehrt hat.

Meredith Grey (rechts) mit Tocher Zola und Schwester Maggie.

All das ist zu einem grossen Teil der Verdienst von Shonda Rhimes. Sie hat «Grey’s Anatomy »geschaffen und damit den Grundstein für ihr Unterhaltungsimperium gelegt. Durch ihre Produktionsfirma Shondaland ist sie nicht nur verantwortlich für die Ärzteserie und ihre zwei Spin-Offs «Private Practice» und «Station 19», sondern auch für Hits wie «Scandal» oder «How to Get Away With Murder». Nun hat sie einen Deal mit Netflix ausgehandelt: Ihre neuen Serien werden dort erscheinen. Mit «Grey’s Anatomy» werden sie es in meinem Herzen wohl nicht aufnehmen können, aber ich bin gespannt.

Erstellt: 15.09.2018, 18:03 Uhr

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