The Take

Die Richterin und der todgeweihte Junge

Emma Thompson überzeugt in «The Children Act», der Verfilmung von Ian McEwans Roman, als Richterin, deren Leben durch einen todkranken Jungen erschüttert wird.

Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) in ihrem Element.

Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) in ihrem Element.

Filme, die auf Büchern basieren sind erfolgreicher. Das hat eine Studie des britischen Verlegerverbandes ergeben. Zu den Erfolgsgeschichten zählen auch die Adaptionen von Ian McEwans Romanen. Am erfolgreichsten war mit Abstand «Atonement», der nicht so typische Historienfilm mit Keira Knightly und James McAvoy, der vor mehr als zehn Jahren erschien. Zurzeit folgen die McEwan Adaptionen Schlag auf Schlag. Diesen Sommer hatten wir bereits «On Chesil Beach», nun folgt «The Children Act», dessen deutscher Titel Kindeswohl lautet. Für beide Filme hat McEwan gleich selbst das Drehbuch geschrieben.

«The Children Act» folgt Richterin Fiona Maye (Emma Thompson), die jeweils in komplizierten Fällen entscheiden muss, wie dem Wohl des Kindes am besten gedient ist. Dabei wird sie so sehr von ihrer Arbeit absorbiert, dass sie ihre Ehe vernachlässigt. Erst als ihr Mann (Stanley Tucci) ihr mitteilt, dass er eine Affäre haben möchte, schreckt sie auf. Doch bevor sie Zeit hat, sich wirklich damit auseinanderzusetzen, wird ihr ein neuer Fall zugeteilt. Ein junger Mann namens Adam (Fionn Whitehead) weigert sich, eine Bluttransfusion anzunehmen, die ihm das Leben retten könnte. Adam und seine Eltern sind Zeugen Jehovas, für die ein solcher Akt nicht in Frage kommt. Richterin Maye muss nun entscheiden, ob das Spital das Recht hat, die Behandlung trotzdem durchzuführen, oder ob das Recht auf Selbstbestimmung von Adam und seiner Familie wichtiger ist.

Der Trailer zu «The Children Act».

Im Zentrum des Filmes steht Emma Thompson und darin liegt das grosse Glück von «The Children Act»: Thompson ist, wie nicht anders zu erwarten, ausgezeichnet. Die britische Schauspielerin vermag mit ihr ausdrucksstarkes Gesicht so viel mitzuteilen, dass es eines der grossen Probleme minimiert, mit dem Literaturverfilmungen sich häufig herumschlagen: Die innersten Gedanken einer Person zu vermitteln, ohne auf eine Stimme aus dem Off zurückzugreifen. Thompson schlüpft mühelos in die Haut der gestrengen aber freundlichen Richterin, der schockierten Ehefrau und der bis ins Mark erschütterten Person.

Fiona (Emma Thompson) und Jack (Stanley Tucci) wissen nicht, wie es in ihrer Ehe weitergehen soll.

«The Children Act» ist also mehr Charakterstudie als Gerichtsdrama. Fiona hat sich so sehr in ihrem Leben eingerichtet, dass ihr die Leidenschaft fürs Leben abhanden gekommen ist. Dies ist ein absoluter Gegensatz zu Adam, der, trotz seiner Weigerung, die lebensrettende Behandlung anzunehmen, voller Lebensfreude ist. Das beste Beispiel dafür ist der Titel «My Lady», den sie als Richterin trägt. Im Gerichtssaal ist er Zeichen ihres Amtes. Für Adam hingegen bekommt der Begriff etwas romantisches, als er im Krankenhaus von dieser beeindruckenden Person besucht wird, und er sofort beginnt für sie zu schwärmen, beinahe wie ein mittelalterlicher Dichter für seine unnahbare Dame. Ein bisschen jung und töricht, wie es im ausgiebig zitierten Keats Gedicht heisst.

Während die Beziehung zwischen Adam und Fiona interessante Momente hat, werden die Eheprobleme auf eine ziemlich gradlinige Art verhandelt. Der immer verlässliche Stanley Tucci kommt leider in der Rolle des zur Seite geschobenen Ehemannes nicht zur Geltung. Der Film schwankt immer also wieder zwischen spannenden Ansätzen und eher konventionellen Momenten. Ian McEwans Drehbuch kann nicht mit Emma Thompson mithalten.

«The Children Act» ist ab Donnerstag im Kino.

Erstellt: 29.08.2018, 11:13 Uhr

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