The Take

Eine radikale und doch konventionelle Liebe

‹Gentleman Jack› ist eine Serie über eine lesbische Grossgrundbesitzerin aus dem 19. Jahrhundert.

Anne Lister (Suranne Jones) trägt immer einen Zylinder.

Anne Lister (Suranne Jones) trägt immer einen Zylinder.

Im Gegensatz zu dem was der Titel verspricht, geht es bei ‹Gentleman Jack› nicht um einen Herrn namens Jack, sondern um eine Dame namens Anne Lister — Gentleman Jack ist ihr Spitzname. Sie lebte zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Grossbritannien. Sie schrieb damals fleissig Tagebuch und dokumentierte ihren Alltag als Grossgrundbesitzerin. Ein Teil des Dokuments verfasste sie in Code. Als dieser geknackt wurde, zeigte sich, dass Ann Lister zahlreiche Affären mit Frauen hatte.

Die Serie, produziert von HBO und BBC, setzt 1832 ein, als Anne Lister (Suranne Jones) von einem längeren Auslandaufenthalt nach Shibden Hall, ihrem Familiensitz in Yorkshire bei Halifax zurückkehrt. Eigentlich wollte sie nur kurz vorbeischauen, denn das Reisen ist ihre Leidenschaft, doch dann trifft sie Ann Walker (Sophie Rundle), eine junge, reiche Dame. Schnell wird klar, dass Ann Walker die ältere Frau schon seit langem bewundert. Anne Lister beschliesst kurzerhand, Ann Walker zu verführen und zu ihrer Frau zu machen.

Gleichzeitig kümmert sich Anne Lister auch um ihre Pächter und ihre Kohle. Es scheint, dass sich in ihrer Abwesenheit eine einflussreiche Familie aus Halifax an ihrem Kohlevorrat zu schaffen gemacht hat. Daher beschliesst sie, ihr Geld durch das verpachten des Landes an eben diese diebische Familie wieder hereinzuholen. Doch das gestaltet sich nicht so einfach, wie gedacht.

Der Trailer zu Gentleman Jack

Die ökonomische Seite der Geschichte dürfte für die meisten Zuschauer ein Nebengeräusch bleiben, obwohl sie äussert spannend ist. Die radikalen politischen Debatten dieser Zeit, die Lister und ihre Familie definitiv betreffen, zum Beispiel die Ausweitung des Stimmrechts, werden von der Serie stiefmütterlich behandelt. Dabei gäbe es hier durchaus Ansatzpunkte um die Radikalität von Anne Listers individuellem Lebensentwurf mit ihrer konservativen Einstellung im Bezug auf die gesellschaftlichen Hierarchien zu kontrastieren.

Doch der Fokus von ‹Gentleman Jack› bleibt die Liebesgeschichte, die natürlich bereits radikal ist. Anne schämt sich kein einziges Mal für ihre Sexualität und weiss genau was sie will: Mit einer Frau, die sie liebt als Ehepaar zusammenleben. Andererseits werden in der zentralen Beziehung heteronormative Muster wiederholt, welche die Serie nicht hinterfragt. Zu Beginn ist Anne Listers Interesse an Ann Walker vor allem vom Vermögen letzterer befeuert. Schliesslich muss das Familienheim imstande gesetzt werden. Soweit, so typisch die Muster einer typischen Erzählung aus dem 19. Jahrhundert, man denke nur an Jane Austens Heldinnen, die immer auf der Suche nach einem reichen Ehemann sind. Wann und weshalb schlussendlich die ehrliche Zuneigung zu Miss Walker entsteht, bleibt unklar.

Anne Lister (Suranne Jones) und Ann Walker (Sophie Rundle), die zu ihr aufschaut.

Dazu kommt eine Machtungleichheit in der Beziehung. Anne Lister ist mehr als zehn Jahre älter als Ann Walker und hat zudem schon zahlreiche Beziehungen mit Frauen hinter sich, wohingegen dies Ann Walkers erste Romanze ist. Lister belügt ihre neue Partnerin, als diese fragt, ob sie bereits weitere Erfahrungen mit Frauen gemacht hat. Zudem drängt Lister der jüngeren Frau häufig ihren Zeitplan auf und will Dinge von ihr, dazu denen Walker (noch) nicht bereit ist. Dies auch, weil sie die Homophobie jener Zeit verinnerlicht hat und zwar so sehr, dass ihr ohnehin delikater geistiger Gesundheitszustand sich stark verschlechtert. Das ist nicht zu sagen, dass Anne Lister Schuld daran ist, doch ihre dominante Position in der Beziehung wird nicht hinterfragt. Dies steht einer Serie, die ansonsten solche Machtgefälle in eheliche Beziehungen anprangert, nicht gut.

Dies sind Probleme des Drehbuchs, die Schauspieler hingegen überzeugen, insbesondere Suranne Jones. Sie spielt Anne Lister mit Schwung, sie eilt stets zackigen Schrittes in ihrem schwarzen Kleid und ihrem Zylinder durch die Weiten von Yorkshire. Ihre Uhr ist dabei ihr wichtigstes Accessoire. Warum sie dabei immer wieder in die Kamera spricht wird nicht klar, denn es geschieht sehr selten und im Gegensatz zur exzellenten Serie ‹Fleabag›, erzielt die Geste keine Wirkung.

Dennoch ist ‹Gentleman Jack› eine Serie, welche den typischen Historiendramen etwas entgegensetzt. Während männliche Homosexualität in Grossbritannien — und den britischen Kolonien — verboten war, existierte die weibliche Homosexualität nicht im öffentlichen Diskurs und war daher auch nicht reguliert. Die weibliche Sexualität wurde als passiv und vom Mann abhängig gesehen. Gentleman Jack deckt auf, was sich unter diesem Schweigen versteckt hat.

‹Gentleman Jack› ist auf DVD erhältlich.

Erstellt: 24.07.2019, 20:20 Uhr

ZSZ-Mitarbeiterin Olivia Tjon-A-Meeuw liebt Kinosäle, steht zu ihrer Netflix-Sucht und hasst nichts so sehr wie Spoiler. An dieser Stelle bloggt sie über ihre Leinwand- und Streaming-Erlebnisse und bewertet Filme und Serien. ot_a_m auf Instagram.

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